Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 33 (1892)
- Issue
- Heft 39 (16.5.1892)
- Date
- 1892-05-16
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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M 89. XXXIII. Jahrgang. Der Israelit. Ein Aentrak-Hrgan für das orthodoxe Audcnthum. Begründet von Dr. Lehmann in Mainz. Montag, den 18. Mai 5652 (1892). Leitender Artikel. Die Stellung der Orthodoxie und Deform zum obligatorischen Religions-Unterricht a» den höheren Lehranstalten. Berlin, 13. Mai. Auf dem jüngsten Gemeindetage des Deutsch- Israelitischen Gemeindebundes stand wieder einmal der Antrag zur Discussion, durch allgemeine Petition sämmtlicher jüdischer Gemeinden in Preußen, die Regierung zu ersuchen, den jüdischen Religionsunterricht an den höheren Schulen obligatorisch zu erklären. Die Bedenken gegen einen derartigen Schritt haben wir bereits im 8. Jahrgang dieser Blätter in einer größeren Serie von Aufsätzen zusammengestellt. *) Die Petition hatte damals nicht das Schicksal, das ihr in jenen Aufsätzen prognoszirt wurde. Wir glaubten nämlich, nach dem ganzen inneren und äußeren Wesen der Petition eine abschlägige ministerielle Antwort erwarten zu dürfen, der Herr Cultusminister hatte es aber vorgezogen — gar nicht zu antworten. Es war dies unter der Aera Falk, und wir glauben nicht, daß unter dem heutigen Cultusministerium die Ausspicien günstiger liegen. Wir glauben auch heute nicht, daß die geplante Petition einen größeren Erfolg haben wird, und werden darauf zurückkommen, sobald sie eine festere Gestalt annimmt. Heute interessirt uns an der Sache mehr ein äußerer Moment, nämlich die frappirende Thatsache, daß in dieser Frage Orthodoxie und Reform vollständig einig gehen und beide eine ablehnende Haltung der ganzen Petition gegenüber einnehmen. Nicht als ob unter den Freunden der Petition sich nicht auch Reformer und Orthodoxe befänden. Aber die eigentlichen Flügelmänner auf beiden Seiten *) „Die Petition preußischer Gemeind evor-- stände um obligatorischen jüdischen Religionsunterricht". 1878 v. Nr. 24 bis Nr. 33. sind gegen die ganze Petition, und diejenigen, die dafür sind, konnten es nur sein, indem sie sich in offenkundigen Widerspruch mit ihrem Prinzip setzten. Damit man aus dieser scheinbaren Einmütigkeit, in welcher sich hier die Extreme berühren, nicht falsche Schlüsse zieht, scheint es geboten, sie ein wenig bei Licht zu betrachten. Es wird nicht an Leuten fehlen, welche aus dieser thatsächlich zu Tage tretenden Einmüthtgkeit Kapital für ihre Friedensseligkeit schlagen, und dabei vergessen oder doch vergessen machen wollen, daß zwei, die ein und dasselbe thun, deßhalb doch nicht ein und dasselbe gethan haben. Unter den Anhängern des Reformjudenthums, die in der Frage auf dem Gemeindetage das Wort ergriffen, steht Herr Justizrath Mako wer wohl unbestritten als derjenige da, der am meisten nach links gravitirt. Derselbe trat mit aller Entschiedenheit gegen die Petition auf, aus Gründen, die zum Theil sehr diskutirbar erscheinen, zum Theil aber auch vom orthodoxesten Juden voll und ganz gebilligt werden müssen. Herr Makower ist in religiösen Sachen gegen jeden Zwang. Er erinnert daran, daß innerhalb des Judenthums v ers chiedene Richtungen bestehen, zwischen welchen eine Kluft liegt, so breit, wie zwischen Protestanten und Katholiken. Es sei deßhalb unmöglich, diesen verschiedenen Richtungen durch eine und dieselbe Schule gerecht werden zu wollen. Er ziehe es lieber vor, sein Kind aus der Schule zu nehmen, als es von einemLehrer unterrichten zu lassen, der seinen religiösen Standpunkt nicht the il e. Das sind Anschauungen, deren Vertretung bislang ausschließlich Sache der jüdischen Orthodoxie war, und deren Anerkennung aus dem Munde gerade des Herrn Makower uns mit freudiger Genugthuung erfüllt. — Herr Makower hat diese Anschauungen nämlich selbst nicht zu jeder Zeit