Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 33 (1892)
- Issue
- Heft 38 (12.5.1892)
- Date
- 1892-05-12
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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XXXIII. Jahrgang. Erste Beilage jit M 38 des „Israelit". Leitender Artikel. Auf der semitischen Weltermarte. Mainz, II. Mai. „Judenflinten, Christenblnt und Türkenhirsch" das sind die Schlagwörter der Themata, über die man sich seit Wochen und Monden in den Casinos der Offiziere, den Stammkneipen einzelner Beamten und den Vereinen christlicher Commis und Ladendiener (entstanden durch die emsigere jüdische Concurrenz) mit besonderer Vorliebe unterhält: Hat auch der „Reichsanzeiger" bekannt gemacht daß Ahlwardt gelogen, ist auch unzählige Mal nachgewtesen, daß die Fabel vom Ritualmord eine elende Verläumdung, weiß auch alle Welt, daß Baron Hirsch sein Geld nicht den Türken „abgewuchert" hat, sondern daß dieser edle Mann einer schon vor Jahrhunderten reich und vornehm gewesenen Familie entstammt, was thut's? Giebt es für einen faden Lieutenant, der beinahe Sect getrunken, doch keinen bequemeren Gesprächsstoff, als einige kurz vor dem Souper aus der „Kreuzzeitung" und dem „Reichsboten" erhaschten Sensationslügen, die er dann mit schnarrendem, näselnden Tone zum Besten giebt. Unter solchen Gesprächen läuft er niemals Risiko, irgend einem anwesenden Vorgesetzten etwas Anzügliches zu sagen und sie sind immerhin noch unterhaltender wie etwa: Haben Gnädige diesen Winter viel Bälle mitgemacht? oder: Pompöser Maientag heute gewesen! Am andern Morgen, nachdem man in der Nacht ein Spielchen gemacht, wobei die Gage von Monaten daraufgegangen.', sucht man denn irgend einen Inden gegen Ehrenscheine ä la Liebermann von Sonnenberg anzupumpen, aber „weiß der Kukuck" diese Sorte von Juden scheint ganz ausgestorben zu sein; „die Judenfrage wird immer akuter, es ist Zeit, daß wir Stellung dazu nehmen." Aehnlich scheint auch der Redacteur der Dortmunder antisemitischen Westfälischen Reform gedacht zu haben, der diese Woche wegen Beleidigung des Justizministers und der Mitglieder des Land- und Amtsgericht II in Berlin vor der Strafkammer stand. In einem Artikel des genannten Blattes war die Behauptung aufgestellt worden, der Justizminister habe die Entmündigung des Oberstabsarztes Dr. Sternberg veranlaßt, weil dieser die Beziehungen des Ministers zu einer Kameliendame in die Öffentlichkeit gebracht habe. Sodann wurde behauptet, Dr. Sternberg fei von den Gerichten systematisch verfolgt und entmündigt worden. obwohl er ein kerngesunder Mann gewesen. Der Angeklagte machte nicht den Versuch, einen Beweis anzutreten; er habe den Artikel der Neuen Deutschen Zeitung in Leipzig entnommen. Der Staatsanwalt beantragte vier Monat Gefängniß, das Urtheil lautete auf zwei Monate. Den Beleidigten wurde das Recht zugesprochen, den entscheidenden Theil des Erkenntnisses durch den Staats-Anzeiger, die Kölnische Zeitung, die Dortmunder Zeitung und die Westfälische Reform zu veröffentlichen. Eine sehr wichtige Entscheidung hat die königl. Regierung zu Schleswig abgegeben. Das Statut der Jsraelitengemeinde zu Altona enthält nämlich u. A. die Bestimmung, daß Angehörige der Gemeinde, welche gerichtlich bestraft worden sind, wohl verpflichtet sind, die Gemeinde-Abgaben zu zahlen, nicht aber das Recht besitzen, innerhalb der Gemeinde das Wahlrecht auszuüben. — In einem Falle, in dem ein Gemeindemitglied wegen fahrlässiger Tödtung mit Gefängniß bestraft worden, hat jene Bestimmung des Statuts keine Anwendung gefunden. Diese Thatsache veranlaßte ein Gemeinde- Mitglied, dem die Berechtigung der Ausübung des Wahlrechts entzogen worden war. sich zunächst beschwerdeführend an den Bezirksausschuß zu Schleswig zu wenden, zumal er zur Zahlung der Gemeindesteuer herangezogen worden war. Der Bezirksausschuß wies den Kläger (Vertreter Rechtsanwalt A. Löwenthal) ab, doch wandte sich dieser jetzt an die königl. Regierung. Diese hat dahin entschieden, daß die in Rede stehende Bestimmung des Statuts aufzuheben sei, und hat daher angeordnet, daß jene Bestimmung aus dem Statut gestrichen werde. In der Jsraeliten-Gemeinde herrscht wegen dieser Anordnung große Aufregung. Wir werden auf diesen Gegenstand in: '72 noch zurückkommen. Zeitungsnachrichten und Correspondenzen. Deutschland. Dessau, 5. Mai. Seit einiger Zeit wird hier der Versuch antisemitischer Versammlungen gemacht, zu denen man Redner aus Berlin holt. Wer Dessau kennt, weiß, daß — bei voller Achtung christlicher Ordnung und Ueberzeugung — für religiöse Unduldsamkeit hier kein Boden ist, und muß sich wundern, wie grade jetzt derartige Experimente gemacht werden können. Ohne die Richtigkeit der Behauptung untersuchen zu wollen, daß Angestellte einer bekannten hiesigen Firma die Veranstalter seien, müssen wir doch constatiren, daß, von vielenNeu-