Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 33 (1892)
- Issue
- Heft 36 (5.5.1892)
- Date
- 1892-05-05
- Page
- – (sequence 18)
- Language
- German
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682 In diese Figur hat der Maler den Schwerpunkt des Echo's dieses trostlosesten alles menschlichen Elends gelegt, es ist oder sollte, so zu sagen, die piece de resistance des Gemäldes sein und es ist schade, daß die winterlichen Landschaftsnebel uns dieses interessante phisilogische Näthsel verhüllen. Das ganze Gemälde führt uns die volle Tragödie, wie sic der Wirklichkeit entnommen, das große, mächtige, traurige Drama der Inden-Vertreibung mit ihren Eonseguenzen in wenigen Scenen deutlich vor Augen und kein Land der Erde, kein Herrscher wird es um diese grausamste aller Thaten, die einem Nero Ehre gemacht hätte, beneiden. Hat doch selbst die Inquisition mit ihrem Fanatismus nichts Derartiges gezeitigt. Möge diese soziale Frage bald zu Gunsten dieser Bedauernswerten gelöst werden. Dem Hauptgemälde reiht sich ein Cyclus Bilder aus diesem Bruderkriege an. wie sie uns Wereschagin aus dem letzten russ.-türk. Kriege so packend vorgesnhrt. Auch diese gehen zu Herzen und erwärmen Gemüth und Seele. F. £. Vermischtes. < Mainz, im April. Die Antisemiten behaupten bekanntlich mit Vorliebe, daß der Rückgang der Landwirtschaft aus die Juden zurückzuführen sei. Durch eine jetzt erschienene Statistik über Zwangsveränßerungen von Liegenschaften im Jahre 1888 in Hessen könnten diese Hetzer — wenn sie es überhaupt wollten — eines Besseren belehrt werden. 1888 betrug nämlich die Zahl solcher Zwangsvcräußerungen im Großherzogthum 874 gegen 409 im Jahre 1889 und 513 im Jahre 1886. Es haben demnach die Zwangsveränßerungen auf 1888 nicht unerheblich abgenommen und zwar gegen 1887 um 8,6 pEt. und gegen 1886 um 26,1 pEt., der Schätzunswerth der veräußerten Liegenschaften betrug im Jahre 1888 9)11 1,002,528, im Jahre 1887 Mk. 1,276,138 und im Jahre 1886 Mk. 1,969,276. Betreffs der Ursachen der Zwangsveräußerung ergibt sich, daß in den in Rede stehenden 3 Jahren unter den Ursachen am häufigsten die unmittelbare eigene Verschuldung, im besonderen schlechte Haushaltung, Trägheit, Arbeitsscheu, Nachlässigkeit in 45—53 Fällen unter je 100, zur liegenschaftlichen Zwangsveräußerung geführt hat. Auch Krankheit und ungünstige Familienverhältnisse trugen mit 13--17 pEt. erheblich zur Nothlage bei: die Ausbeutung und Uebervortheilung durch Andere (insbesondere beim Viehhandel) trugen nur 2—3 pEt., Naturereigniffe mit 1—2 pEt. zur Nothlage bei. In Provinzen eingetheilt entfiel im Jahre 1888'in Starkenburg eine Zwangsveräußerung auf 2420 Einwohner, in Dberhessen auf 1707 Einwohner und in Rheinhessen erst ans 6125 Einwohner. In Bezug auf die Kreise steht der Kreis Worms im Jahre 1886 am Günstigsten, dort kam eine Zwangsveräußerung auf 9555 Einwohner, dann folgt der .Kreis Mainz mit 7099 Einwohner und dann Alzey mit 5486 Einwohner. Darmstadt kommt erst in 5. Linie mit 4180 Einwohner auf eine Zwangsveräußerung. Am Ungünstigsten liegt das Verhältniß im Kreis Schotten, dort entfällt bereits eine Zwangsveräußerung auf 682 Einwohner. Berlin, 11. April. Ein Krawall von Charlottenburger Arbeitslosen beschäftigte am 5. April die erste Strafkammer des Berliner Landgerichts n. Am Morgen des 7. März hatten sich am Lietzow etwa 300 beschäftigungslose Arbeiter eingefunden, die dort bei dem Tiefbauamt Arbeit zu finden hofften. Nur etwa 100 Mann konnten jedoch eingestellt werden, die übrigen marschirten in geschlossenem Zuge durch die Berliner- und Spandauerstraße zum Wasserthum auf Westend, wo sie die dort beschäftigten Bauarbeiter verhöhnten und an der Arbeit hinderten und dann johlend durch verschiedenen Straßen von Westend zogen. „Hier wohnt auch noch ein Jude!" tönte es aus der Kolonne, „der hat eine Villa und ich habe keine, wir wollen ihn herausholen rc.!" Als Führer der Kolonne fungirte der Arbeiter Joseph Tomaczyk; dieser wurde sestgenommen, als dem Zuge am Spandauer Berg eine starke Schutzmannsabtheilung entgegentrat. Die Theilnehmer zerstreuten sich. — Tomaczyk wurde zu 3 Monaten Gefängniß, sowie 3 Wochen Haft verurteilt. Bödigheim, 27. April. Heute wurde von Bezirksrabbiner Dr. L ö w e n ft e i n in Mosbach die alljährliche Prüfung der hiesigen Religionsschule vorgenommen; sowohl hier als auch im Nachbarort Eberstadt (Filiale) war das Ergebniß ein befriedigendes und wurde unser Lehrer Herr Flcischmann, welcher bereits seit 10 Jahren in hiesiger Gemeiude segensreich wirkt, von dem Herrn Rabbiner öffentlich belobt. Wir verdanken den Bemühungen des Herrn Fleischmann, daß unsere Synagoge und unser großer Bezirksfriedhof restanrirt worden sind. M—x. Petersburg, 25. April. Der hiesige englische Konsul, John Mitchell, hat von Lord Salisbury den Auftrag erhalten, alle ihm zur Verfügung stehenden Mittel anzuwenden, um die Auswanderung unbemittelter russischer Juden nach England zu verhindern. Constantinopel. Der Chacham Baschi, Herr 9)1 Levy hat eine Hymne verfaßt als Ausdruck des Dankes gegen die türkischen Sultane, welche im Jahre 1492 die ans Spanien vertriebenen Juden gastfreundlich aufgenommen haben. Dieses Dankgebet wurde am 1. Tage des Passahfestes in der türkischen Synagoge vorgetragen. Vor 400 Jahren war die Türkei human und nach 400 Jahren ist Rußland barbarisch. Budapest. Wie „Egyenlöftg" erfährt, wird schon demnächst ein israelitisches Gymnasium in der Hauptstadt, dank der eine halbe Million Gulden betragenden Stiftung eines hiesigen Philantropen, dessen Name bisher noch nicht genannt werden kann, errichtet werden. Lissabon. Der Marineminister kündigt eine starke Judeneinwanderung in der afrikanischen Colonie zum Zwecke der Ansiedelung auf der Mossamedes-Hochebene an. Die Einwanderer kommen von Süd-Amerika. Der bekannte Afrikareisende Dr. Eduard Glaser hat vom Sultan in Anerkennung seiner wissenschaftlichen Verdienste um die Erforschung der arabischen Halbinsel die Kommandeurklasse (3. Klasse) des Medjidieordens erhalten. In dem Zkautener Mordprozetz ist, wie die K.V. Z. vernimmt, die Anklageschrift gegen den Schlächter Buschoff, dessen Frau und Tochter nunmehr fertiggestellt worden.