Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1892-05-05 · Heft 36 (5.5.1892) · page 17

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
33 (1892)
Issue
Heft 36 (5.5.1892)
Date
1892-05-05
Page
– (sequence 17)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2446951-2448218-2448253--34116-2482039
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

XXXIil. Jahrgang. Zweite Beilage zu M 36 des „Israelit“. Leitender Artikel. Gin holländischer Wereschagin. (Mit Abbildung auf unserer Sonderbeilage). Große elementare Ereignisse, historische Gräuel und andere unglückliche Wechselsälle im Leben des einzelnell Individuums und ganzer Völker sind stets im Stande das Gemüth zu erregen; um wie viel mehr das an entsetzlichen Zufällen, die Welt in Athem haltende, so reiche ~fin de siede, in dessen Vordergrund das Drama der Juden-Verfolgung in Rußland steht, die sich der holl. Wereschagin I. I. L. ten Kate jr. als Vorwurf zu einem großen Gemälde genommen. Wenn irgend ein Schaustück der modernen Malerei ungewöhnliches Aufsehen zu erregen, Massenwanderungen es zu sehen, bestimmt ist, so ist es diese Farben-Symphonie menschlichen Elends — und dieses Hauptargument der Neuzeit bildet das Motiv dieses fesselndes Gemäldes. Das Bild macht jetzt seine europäische Rundreise, um sowohl hier, als auch in Amerika eine Haupt- Attraction der ChicagoerAusstellung, für die es ursprünglich bestimmt ist, zu werden. In Rußland ist es natürlich verboten und dieser Artikel dürfte schwerlich dem scharfen Schwert — alias Federstrich der russ. Eensur entschlüpfen. Ganz abgesehen von dem grauenhaften Motiv, daß ein unschuldiges, decimirtes, seit Jahrtausenden, unterdrücktes Volk dem Rassenhaß von Neuem ausgesetzt ist, das von einer fanatischen Menge verfolgt, flüchten muß, den Elementen preisgegeben, ohne Schutz und Mittel vertrieben und verfolgt, der Gegenstand fluchwürdiger Bedrängung ist, wird das Gemälde grade seiner rührenden Darstellung wegen, die beredter spricht, als alle Sprachen, Aufsehen, Staunen, Mitleid erregen. Daß diese Gräuel von Rußland ausgehen, ist ein nur unbedeutend milder Grund, wenn man erwägt, daß das heilige Rußland noch immer nicht oder nur sehr stiefmütterlich von der Cultur beleckt, und von Despoten regiert wird, die dem culturellen Fortschritt nur huldigen, soweit derselbe ihren persönlichen Jntereffen dient. Die Sache des Friedens, der Humanität und höheren Cultur hat in Rußland noch keinen Sieg zu verzeichnen gehabt. Es ist traurig, daß es am Ende des 19. Jahrhunderts noch so schaurige Motive gibt, Motive der finstersten Nachtseite menschenunwürdigen Daseins, des trostlosesten Elends armer hilfloser Menschen kann man es da dem genialen Künstler verdenken, wenn er zur Wiedergabe seiner Empfindungen in die crasseste naturalistische Wirklichkeit hineingreift? Man wird vom Standpunkt der Menschlichkeit, die in Rußland ein unbekannter abstracter Begriff ist, vielleicht vor der ekelhaft widerwärtigen Rohheit, die der Maler aus der Leinwand wiedergegeben, möglicherweise das Gemälde verdammen, aber die Wahrheit hat auch hier die Führung übernommen. Soll die Kunst denn immer nur idealisiren und phantastisch wirken? immer nur den Regeln der Aesthetik folgen? Der Künstler — und daß der Schöpfer dieses Gemäldes ein solcher ist, beweist schon der Umstand, daß er die starre Scheidewand althergebrachter Sitte durchbrochen und den grausigen Realismus in Farben zu kleiden gewagt hat, das menschliche Elend in traurigster Gestalt, in das Gewand der Phantastmagorie zu hüllen — hat uns in seinem Bilde eine packende gemalte Tendenz vorgeführt und der Wurf ist ihm vortrefflich gelungen, denn er hat den schaurigen Naturalismus mit der Gloreole des Jdealisnlns umgeben. Eine ungeheuer weite, einer sibir. Steppe ähnliche schneebedeckte Fläche von sinsterm Gewölk behängen, bietet sich den Blicken des Beschauers dar. Im Vordergründe spiegelt der hilflose aus Krücken gehende, mehr wankende gebückte Greis, der quasi die Führung der langen Gruppe übernommen hat, das Elend und die Trauer seiner inner» Seele wieder. Die ganze Erscheinung ist die echte Type eines Patriarchen, neben ihm die junge, aufrecht schreitende Frauenfigur, seine Tochter, deren Blick trostlos in die ungewisse Ferne schweift, den Gatten verloren hat und neben sich ihr Kind, mit dem Hunde spielend, das für das Unheil, Gott sei Dank, noch nicht den richtigen Begriff hat. Dahinter folgen andere Menschenopfer: ein in den besten Jahren, stehendes Ehepaar mit Sproß, das von Haus und Hof verjagt, in unbekannter Fremde sich nun einen neuen Heerd gründen muß. Der Manu in Verzweiflung, die Hand von Wuth geballt, zum Himmel erhoben, in die Worte ausbrechend, die auch dem Bilde den Namen geben sollten: „Gott und Vater wir haben ja Niemand außer Dir!" Das neben ihm gehende Weib weint, an das ärmliche, doch traute, jäh verlassene Heim zurückdenkend. Die finster blickende Figur, die jetzt folgt, personisicirt die traurige Resignation des Jammers, den seine Seele durchzieht um die Scholle, auf der er bisher gelebt, und dennoch spiegeln seine männlich schönen Züge das große, nur den Juden, eigne Gottvertrauen wieder. Dahinter in dem vom Manne gezogenen Wägelchen die kranke hilflose Frau mit dem Kinde reiht sich den urkglücklichen Obdachlosen aus der weiten, dürren, eisbedeckten Ebene an und neben ihr ein im stoischen Gleichmuth ausschreitender Mann, der im Bündel auf dem Rücken all' sein Hab und Gut mitsührt. Diese ganze unheimliche Scenerie, diese Gruppe namenlos Unglücklicher, Unschuldiger bewacht finstern Blickes, starren Herzens ein Scherge dieses maßlos ungerechten Gesetzes, damit keins dieser armen Opfer frechster Willkür und unversöhnlichen Glaubenshasses umzukehren wagt. Endlos scheint der Zug dieser armen, scheinbar von Gott und Menschen Verlassenen. Dort fällt in müder Erschöpfung ein alter Mann nieder, die Kräfte haben ihn verlassen — ob er weiter kann oder nicht — er muß sich aufraffen, er fühlt, hier ist seines Bleibens nicht. Vorwärts in den Kampf um's Dasein, immer weiter, schier unendlich lang dehnt sich der Weg. — Vielleicht ist Gott da oben barmherzig und führt ihn dahin, wo es kein Elend mehr giebt. —

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.