Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 33 (1892)
- Issue
- Heft 36 (5.5.1892)
- Date
- 1892-05-05
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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671 Euch mein Schriftstück verlese, sagt mir doch, wieso Ihr meine Adresse in der Hauptstadt erfahren habt?" Erstaunt blickte Alexei den Fürsten an. „Habt Ihr doch selbst, mein theurer Fürst, einen Boten zu mir geschickt und mir sagen lassen, Ihr wäret in Petersburg und wenn ich Euch sprechen wollte, möchte ich Sonntag Abend, kurz vor 7 Uhr, mich in Eurer Wohnung, die mir Euer Diener angab, einfinden. Ich kam etwas früher, Ihr werdet es mir verzeihen, denn die Ungeduld brannte mir auf der Seele." Jetzt war die Reihe des Erstaunens au Michail. „Ich wußte in der That nicht, daß Ihr in Petersburg weiltet, mein Diener hat Euch das sicherlich nicht berichtet." Michail rief seinen Diener in das Zimmer, doch auch diesem war die ganze Sache fremd. „Das hat gewiß ein böser Geist gethan", sagte der Fürst lachend. „Oder ein guter Geist," entgegnete Alexei, „denn es war doch sicherlich ein gutes Werk, daß mir berichtet wurde, Ihr, mein Fürst, weiltet zu unserer Unterstützung in Petersburg. Beachtenswerth ist indessen die Sache jedenfalls. Sehr beachtenswert." Die Fortsetzung dieses Gespräches wurde durch den Diener unterbrochen. Derselbe meldete zwei junge Leute, dem Aussehen nach Studenten, die sich nicht in den besten Verhältnissen zu befinden schienen, wünschten den Fürsten zu sprechen. Michail gab Auftrag, jene in ein anderes Zimmer zu führen, wo sie den Fürsten erwarten möchten. Im nächsten Moment schon erschien der Diener wieder und berichtete, daß drei gut gekleidete Herren ebenfalls mit dem Fürsten Gutesow in einer dringenden Angelegenheit reden müßten. Der Diener überreichte auf einem Teller die Visitenkarten der Leute. „Feodor Konstantinowitsch, Sergey Zinofejewitsch, Wenzeslaus Gregorowitsch", las der Fürst. „Sonderbar, alle diese Namen sind mir unbekannt, oder wenigstens doch nicht erinnerlich, denn es ist sehr leicht möglich, daß diese Herren seiner Zeit im Pagencorps mit mir zusammen waren, und nun die alte Bekanntschaft wieder auffrischen wollen. Seht, Alexei, wieviel Besuch ich erhalte. Ihr hättet wohl gar nicht gedacht, daß ich in Petersburg ein so wichtiger Mann wäre?" fuhr der Fürst mit leiser Selbstironie fort. Aber der folgende Augenblick schon brachte neue Besuche, und immer wieder neue, im Ganzen waren bereits etwa zehn Fremde in dem Empfangszimmer des Fürsten versammelt. „Ich möchte doch wissen, welch' ein sonderbarer Zufall oder welch' eigenthümliches Mißverständniß diese Leute hierher zu mir führt", sagte Michail lachend zu Alexei. „Ich kann Euch versichern, so viele Besuche, wie in dieser Stunde, habe ich seit Jahr und Tag nicht empfangen. Ihr werdet mich auf kurze Zeit entschuldigen, Alexei, ich muß doch sehen, was diese Menschenmenge von mir verlangt." Der Fürst war gerade im Begriffe, mit heiterer Miene sein Arbeitszimmer, in dem er mit Alexei verweilt hatte, zu verlassen, um sich in das Empfangszimmer zu begeben, als er die laute Stimme eines ihm fremden Mannes auf dem Vorplatze vernahm. „Führt mich nicht in das Besuchszimmer, ich bin kein Besuch," schrie der fremde Mann den Diener des Fürsten an, „ich muß unbedingt den Fürsten selbst sprechen!" „Sonderbar, in der That höchst sonderbar," sagte Michail zu Alexei, „was heute nur Vorgehen mag? Fast höre ich auf, an ein zufälliges Zusammentreffen zu glauben." Er öffnete schnell die Thüre, dort stand der Fremde und suchte den Diener bei Seite zu drücken. Es war ein großer, starker Mann mit verlebten, von Leidenschaften durchwühlten Zügen, dessen Gesicht man den allzuhäufigen und reichlichen Alkoholgenuß deutlich anmerkte. „Tretet näher!" rief der Fürst hinaus, „was wollt Ihr von mir?" Seine Sprechweise verrieth Unruhe. „Michail Wasiljewitsch, Ihr müßt sofort diesen Brief lesen, den Euch mein Herr durch mich übersendet", sprach der Mann in hastigem Tone, dem man die innere Aufregung anmerkte, indem er dem Fürsten einen großen, umfangreichen Brief übergab. „Setzt Euch!" sagte der Fürst, „nehmt Platz." Der Mann that wie ihm geheißen, auch Alexei ließ sich auf einen Stuhl nieder. Der Fürst hatte den Brief in der Hand und ging zu seinem Arbeitstische, er ergriff ein dort liegendes elfenbeinernes Papiermcsser und schnitt den Briefumschlag auf. Mit dumpfen Tönen begann soeben die Uhr der Kasaner Liebfrauenkirche die siebente Stunde zu verkünden. Einen Augenblick später tönten die hellen Glockenschläge von den vergoldeten Kuppeln der Kirche des heiligen Isaak hernieder. Fürst Michail hatte den großen Bogen, den jener Briefumschlag enthielt, auf seinem Tische ausgebreitet; erstaunt blickte er auf das Papier. „Eine Landkarte!" rief er, „nein, ein Bauplan, was soll das heißen? Das ist ja der Plan des kaiserlichen Winterpalastes?!" In demselben Augenblick schienen die Thüren und Wände des Hauses lebendig zu werden, ein ungeheures Tosen und Dröhnen, hervorgebracht