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Der Israelit · 1892-04-28 · Heft 34 (28.4.1892) · page 18

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Journal
Der Israelit
Volume
33 (1892)
Issue
Heft 34 (28.4.1892)
Date
1892-04-28
Page
– (sequence 18)
Language
German
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646 Die folgenden zwei Tage trafen mich wieder als einen der Ersten im Zuhörerraum. Sprachen und Realien waren die Gegenstände der Prüfung. Mit gespannter Aufmerksamkeit folgte ich dem Bildungsgang, wie er sich stufenweise in den aufeinanderfolgenden Klassen darstellte. Was für exacte Kenntniß der hebräischen Grammatik offenbarten da die Kleinen der Vorschulklassen, wie gewandt wußten sich die Sextaner der französischen Konversation zu bedienen, und was für treffliche Auffassung der Geschichte bewiesen die älteren Knaben. Der Feuereifer der untersten Mädchenklasse, mit dem diese Kleinen die fundamentalen Mysterien der deutschen Sprache der Welt verkündeten, war ein herzerfrischendes Intermezzo. Und weiter erschienen die Reigentänzerinnen vom Tage vorher und übersetzten und erläuterten Parthieen aus dem Pentateuch mit trefflichem Verftändniß, während „die höheren und höchsten Töchter" wieder ein gediegenes Wissen in Rythmik, Metrik, Literatur und eine gründliche Kenntniß der Hauptwerke deutscher Klassiker offenbarten. Nun wollte ich es mir auch nicht versagen, der Schlußfeierlichkeit am Nachmittag beizuwohnen. In dem weiten Raume waren viele Hunderte versammelt, auf der erhöhten Tribüne blühte eine herrliche Jugendschaar, Knaben und Mädchen, festlich gekleidet; schmetternde und zarte Stimmen mischten sich zum Eröffuungschor, eine lange Reihe kleiner und größerer Deklamatoren und Deklamatorinnen recitirten Gedichte in den weltbeherrschenden Sprachen unseres Continents, dazwischen erklangen dann immer wieder die wohlgeschulten Sänge des Chores, oft von wunderbar verhauchender Zartheit, dann wieder mit imponirender Kraft. Eine Rede des Leiters der Schule bildete den Schluß. Wie diese Schule, diese Prüfungen, diese Feier eine Stätte alljährlichen Wiedersehens sei, wo sich die Eltern und Freunde fänden, die meist selbst diese Anstalt besucht, wie hier die Gottesfurcht, die Gottesliebe und die Gotteslehre der Jugend mithinausgegeben werde, die modernen Bildungsquellen ihr eröffnet und die fürs Leben nölhigen Kenntnisse ihr dargeboten werden — das und Aehnliches führte der Redner aus. Die Feier war zu Ende, langsam folgte ich der hinausströmenden Menge, eine gehobene Stimmung erfüllte mich, in traumhaften Bildern schwebten die letzten Stunden und die Erfahrungen der letzten Tage an mir vorüber. Da hörte ich mich anrusen und schaute auf, lachend stand ein guter Freund vor mir. „Du wacher Träumer", schalt er mich, „woher des Weges? Doch nicht gar aus den längstvergeffenen Marterräumen unserer Jugendzeit?" (Mein. Freund liebt zu ironisiren, er meint es aber nicht bös.) Ich nickte schweigend und zog ihn mit mir aus dem Menschengedränge. Bald entführte uns die Pferdebahn. Wir suchten ein Cafe auf und ließen uns in einer einsamen Ecke nieder. Hier begann ich mit dem Freunde zu reden, meine Gedanken und meine Empfindungen theilte ich ihm mit. Er war ernst geworden und gab durch kluge und durchdachte Einwürfe reiche Anregung zur Fortentwickelung des Gespräches. „Und Du hälft diese Prüfungsakte", meinte er zweifelnd, „die mir immer wie eine abgeschmackte Schaustellung erschienen, für etwas Bedeutsames und Erhaltenswerthes?" „Fraglos. Wie immer es sei, für den feinen Beobachter offenbart sich dabei Die Individualität des Lehrers wie des Schülers und vor allen Dingen die Individualität der Schule." „Individualität der Schule! Na, na, ich sollte doch meinen, die Schulen seien im Großen und Ganzen alle über einen Leisten geschlagen." „Man sieht, lieber Freund", wandte ich ein, „daß du die geistige Bewegung der letzten Zeit nicht verfolgt hast. Die Schulen unserer israelitischen Religionsgesellschaft ruhen auf ganz eigenartigen und besonderen Grundsätzen. Mir ist's, als ob ich in den letzten Tagen hmabgeschaut habe in das Thal, aus dem ich emporgestiegen, auf den Bergsteig, den ich zurückgelegt, hinaufgeschaut habe nach dem Ziele, das immer höher rückend schimmernd winkt. Ich habe die Kinder lehren sehen und habe erkannt, wie man mich lehrte. Ich weiß nun, warum ich in mir eine solche gleichmäßige heitere Ruhe empfinde inmitten der tosenden Welt, einen solchen gewaltigen Drang zur Erfüllung der Pflicht, eine solche nüchterne Festigkeit gegenüber den Lockungen des mannigfach Irreführenden; denn Gottesliebe und Gottesfurcht und die immersprudelnde Lust, an den Quellen des Gottesgesetzes zu schöpfen, sind tief eingesenkt ln meine Brust." Sinnend sah mein Freund vor sich hin, dann kam's langsam von seinen Lippen: „Die Grundsätze der Schulen der israelitischen Religionsgesellschaft — Du meinst px -pn oy rron die Worte, die das begeisterte Auge eines unsterblichen Führers in Israel aus den Jahrtausende alten Schriften las? Ich habe mich in all den Jahren so wenig um diese Schule gekümmert, wie Du. Sind denn eigentlich diese Grundsätze dieselben geblieben, haben sie sich bewährt?" „Herrlich haben sie sich bewährt. Sie gelten heute wie immer. Sieh, aus der zarten Pflanze ist ein mächtiger Baum geworden, der seine Schößlinge überallhin aussendet. Der Führer ist dahingegangen, sein Geist ist erfaßt und ererbt worden. . Breit liegt das Fundament der Gotteslehre, und

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