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Der Israelit · 1892-04-28 · Heft 34 (28.4.1892) · page 17

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Journal
Der Israelit
Volume
33 (1892)
Issue
Heft 34 (28.4.1892)
Date
1892-04-28
Page
– (sequence 17)
Language
German
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XXXIII. Jahrgang. Zweite Beilage zu M 34 i>es „Israelit^. Leitender Artikel. Kine „Juden schule". Von 0. M. Die Frühlingssonne der ersten Apriltage spielte auf meinem Schreibtisch, und wie die Schwalben mit dem Lenz wiederkehren, so leuchtete mir neben der eingelaufenen Morgenpost die rothschimmernde Einbanddecke eines Quartheftes entgegen. „Einladungsschrift zu der öffentlichen Prüfung der Realschule der Israel. Religionsgesellschaft in Frankfurt a. M." las ich Schwarz auf Roth/ Ich gestehe offen: ich habe diese Hefte, die ich seit vielen Jahren erhalte, meist kaum mit einem flüchtigen Blick gestreift. Wer da und dort Mktgliedsbeiträge zahlt, dem gehen das Jahr über so viele Rechenschaftsberichte zu, daß er ihre Lectüre nach dem Grundsatz 12 22pv 71^2 pn rfc»2> »won b weiter nicht für nöthig erachtet. So warm meine Sympathie für diese Schule an sich immer blieb — hatte ich doch in ihr meinen ganzen Bildungsgang zurückgelegt — so sehr hatte sich von Jahr zu Jahr mein Interesse an ihren sachlichen Berichten gemindert. Meine Berufsthätigkeit liegt auf einem ganz anderen Gebiete, Kinder — im Vertrauen gesagt — habe ich nicht, so begnügte ich mich mit dem wohithuenden Bewußtsein, daß die Schule trefflich gedieh und daß ich nach meinen Vermögenskräften zu ihr beisteuerte. Aber heute konnte ich mich von dem rothen Hefte nicht so rasch trennen. Ich blätterte, ich las darin. Was war's, das mich so fesselte? Bethörte mich die Frühlingssonne, träumte ich zurück in die Jugendjahre? Nein, es war die Gegenwart, die lebenskraftvolle Gegenwart, die mich mit gewaltiger Strömung in ihre Bahnen zog. Seit Jahr und Tag gährt allenthalben im deutschen Vaterland die Schulsrage, die Gemüther erregen sich, die Köpfe erhitzen sich, man plant, verwirft und plant und vermochte immer noch nichts Befriedigendes zu schaffen. Richtig, das war's, was mich aus einer gewissen Gleichgiltigkeit einporgerüttelt hatte, was mich jetzt zwang, mit gierigem Auge die Berichte dieser Schule zu lesen. Und die Frage stieg in mir auf, wie war ich gebildet worden, aus welchen Grundsätzen ruhen die Mittel, mit denen meine und meiner Jugendgenoffen geistigen und psychischen Kräfte und Eigenschaften entwickelt worden waren. Wie wird in dieser Schule heute erzogen und gelehrt? Haben sich die Prinzipien, die das Fundament dieser Anstalt vor Jahrzehnten bildeten, bewährt? Und von neuem vertiefte ich mich in die mitgethetlten Daten, um aus ihnen das Gewünschte zu erfahren. Doch der Buchstabe, diese Abstraction des lebendig Pulsirenden, blieb todt, und mein Laienblick vermochte aus ihm nicht ergiebig zu schöpfen. Da schlug ich die letzte Seite des rothen Heftes um. Heureka! Wozu gibts denn öffentliche Prüfungen? Ihnen wollte ich beiwohnen. Hier mußte das lebendige Miniaturbild eines großen Schulorganismus sich ausdrucksvoll gestalten, in dem Brennpunkt dieser wenigen Stunden mußten alle Kräfte, die maßvoll frei in jedem harmonischen Wesen spielen sollen, zusammenstrahlen, hier wollte ich die ganze Bahn überblicken, die mein Geist und mein Gemüth Jahre hindurch mit Bedacht geleitet worden war, und das rothe Heft, das ich mit mir nahm, sollte mir als Kommentar dienen. Die ersten Prüfungsstunden waren den Talmudkenntnissen der Schüler gewidmet, lieber sechs Klaffen vertheilt sich das Studium dieser Materie. Das Herz ging mir auf, als ich die zahlreichen Knaben mit ihren Talmudexemplaren unter dem Arm hereinziehen sah. Und wie nun die verschiedenen Klassen die erworbenen Kenntnisse aufzeigten, mit Correctheit, Schärfe in Vortrag und Auffassung nebst geistiger Aneignung des Durchgearbeiteten, wie die Kleinen also ihre Mischna, die Größeren ihren Talmud hersagten und die Schüler der ersten Klasse gar einen eben erst vorgelegten Abschnitt aus Tractat Peßachim selbstständig erfaßten und erläuterten, da fühlte ich tief und ganz, das ist eine Stätte der Thora, hier werden ihre Wurzeln tief in Verständniß und Herz der Jugend gelegt, daß sie zu einem cn py auswächst für die ins Leben Tretenden. Die Talmudprüfung war zu Ende, und nun entfaltete sich ein ungemein buntes und bewegtes Bild im Saale. Schaarenweise strömten Gäste herbei, Herren und Damen, die die nun beginnenden Turnübungen anschauen wollten. Zunächst waren es die Schülerinnen der neben der Realschule bestehenden höheren Töchterschule, die graziös und geschmeidig anmuthige Reigen aussührten. Und dann kehrten dieselben Knaben, die vorher so wacker im Turnier des Geistes sich erprobt, theilweise in leichter Turnerkleidung, zurück und bewiesen in den mannigfaltigsten Exercitien am Barren, Reck und anderen Geräthen eine solche exacte Gewandtheit, eine solche Sicherheit, daß das Publikum oft in athemlosem Staunen verharrte, und daß ich innerlich tief befriedigt von dem Bewußtsein war, daß da ein körperlich gestähltes Geschlecht heranwachse, das durchtränkt ist vom Geiste der Thora.

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