Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 33 (1892)
- Issue
- Heft 31-32 (21.4.1892)
- Date
- 1892-04-21
- Page
- – (sequence 17)
- Language
- German
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XXXJUU. Jahrgang. Zweite Beil.;u M 31 & 32 des „Israelit". Leitender Artikel. Kochzeitstetegramme. Geehrter Herr Redacteur! Sie waren so freundlich, meinen Vorschlag wegen Ersparniß bei Gratulationstelegrammen zum Besten der Armen im heiligen Lande in Ihrem geschätzten Blatte aufzunehmen und haben sich auch bereit erklärt, Annoncen von Brautpaaren, worin sie ihre Verwandten und Freunde bitten, solche Glückwünsche mit Einlage von 50 Pfg. als sog. Paläftinatelegi amm an mich zu senden, — unentgeltlich aufzunehmen. Gestatten Sie nun freundlichst, noch einmal darauf zurückzukommen. da mir von verschiedenen Seiten aufmunternde Zuschriften zugingen und mancher gute Rath ertheilt wurde, um die Sache besser in Fluß zu bringen. Jeder Anfang ist schwer und jede neue Idee hat die alte Gewohnheit als Gegnerin zu bckänipfen. Es ist richtig, daß sich das Depeschiren schon so tief eingelebt hat bei solchen Gelegenheiten, daß nicht an einem Tage und nicht an einem Monat dieser Gebrauch abgeschafft werden kann. Allein, wenn man bedenkt, wie durch fortgesetztes Bemühen durch kleine Anfänge schon so oft Großes geschaffen wurde, dann dürfen wir auch bei diesem guten Werke nicht den Muth und die Geduld verlieren. Schauen wir z. B. auf die deutschen Reichs-Waisenhäuser. Wie gering war die Aussicht, daß sie entstehen. und aus welchen winzigen Mitteln entstanden sied Cigarrenspitzenschnitzel, von Millionen Menschenhänden gesammelt und zu Geld gemacht, sind der Grundstock zum Aufbau dieser großartigen Wohlthätigkeitsanftalten. Und wir Israeliten, die bewährten o^om o’jom, sollten uns die kleine Mühe verdrießen lassen, einige Tage früher als sonst gebräuchlich, Tinte und Feder zur Hand zu nehmen und dieselben Worte, die wir ja doch später auf das Formular eines Telegramms schreiben müssen, auf irgend einen Streifen Papier zu setzen und sonst nichts mehr zu thun, als diesen Streifen in ein Couvert zu legen und an die untenstehende Adresse abzusenden!*) O! möchten doch die Brautpaare beherzigen, welche schöne Lehre uns durch die folgende Erzählung im Talmud Sabbat Fol. 156b gegeben wird: Chaldäische Astrologen, heißt es da, weissagten der Tochter Rabbi Aftba's, daß sie an ihrem Hochzeitstage von einer Schlange gebissen und sterben werde, worüber sie sich sehr ängstigte. Als ihr Hochzeits¬ *) Der Herr Correspondent sollte zu diesem Zwecke Couverts, die mit seiner Adresse bedruckt sind, gratis vertheilen. Wir sind gern bereit, solche Couverts kostenfrei zu drucken. Red. tag gekommen war, geschah es nun, daß sie Nachts eine Haarnadel in eine enge Oeffnung an der Wand hineinsteckte und dadurch unbewußt einer dort verborgenen Schlange die Augen durchbohrte. Als sie nun Morgens die Nadel wieder herausnahm, fand sie zu ihrem großen Schrecken die Schlange daran hängen und theilte dies ihrem Vater mit. Dieser fragte sie, welches gute Werk sie gethan habe, daß sie so wunderbar gerettet wurde und sie erzählte ihm, daß gestern während des Hochzeitsmahles ein Armer kam und um Almosen anhielt, aber Niemand auf ihn achtete, weil jeder beschäftigt war. Da ging sie nun hin und gab ihm ihr eigenes Theil von der Mahlzeit. Darauf sagte Rabbi Akiba zu ihr: „Das ist der Lohn Deiner guten That, meine Tochter", denn so heißt es: b^n npis mos Wohlthätigkeit rettet vom Tode! — Wer lüftet den Schleier, welcher die dunkle Zukunft vor unfern kurzen Blicken verhüllt, wer weiß, welches Loos seiner wartet in dem neuen Lebensabschnitt, dessen Schwelle er an diesem Tage betritt? O, wie süß und trostreich muß da der Gedanke sein, ein so gutes Werk gestiftet zu haben, wie das von mir beabsichtigte. Ein Verwandter von mir schrieb mir, daß bei der jüngstens stattgefundenen Hochzeit seiner Tochter 170 Telegramme einliefen und sogar eine Depesche mit 105 Worten. Gewiß hätte an M. 100 für die Armen im h. Lande durch den einfachen Weg der Uebersendung der Post gewonnen werden können und der Effekt wäre derselbe gewesen! Er gestand gerne, daß, obwohl er sich an der so weit ausgebreiteten Theilnahme freute, doch auch der Gedanke ihm kam, wie viele Hungernde für dieses Geld hätten gesättigt werden können! Man denke nicht, es gibt ja doch in der Regel bei solchem Anlaß ein Jeder das Seine den Armen, denn wir dürfen, wie unsere Weisen sagen, auch das Gruben Wasser, das für uns keinenWerth mehr hat, nicht ausschütten, wenn es andre noch benützen können! — Damit die Betreffenden nicht daran vergessen, wäre es auch sehr gut, wenn in den Einladungsanzeigen kurz eine derartige Bemerkung am Rande angefügt würde, wie z. B.: Sollte es in Ihrer Absicht liegen uns mit einem Gratulationstelegramm zubeehren, so bitten wir stattdefsen 3 Tage vor dem Hochzeitsfeste, 50 Pfg. in einem Couvert an P. M. H. Wechsler tu Höchberg bei Würzburg zur Uebermittlung eines Palästinatelegramms zu senden. Ein großes Verdienst könnten sich auch die Restaurateure und Rabbiner oder Lehrer erwerben, welche mit den Brautpaaren ge-