Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 33 (1892)
- Issue
- Heft 31-32 (21.4.1892)
- Date
- 1892-04-21
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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595 Haus von Grund aus zerstörte, daß die von ihr trotz deren Schwächen so heißgeliebte Pflegemutter auf grausame Weise ermordet worden war, daß der Vater, der sanfte, gute, milde, liebevolle Vater spurlos verschwunden und vielleicht ebenfalls der entmenschten Horde zum Opfer gefallen war. Welches Herz wäre stark genug, unter einer solchen Fülle von Leid nicht zusammenzubrechen? Die theure Heimath zerstört, die geliebten Eltern todt, und er, der Bräutigam, der mit so ungeheurer, unendlicher Gluth herbeigesehnte, geliebte Mann im Kerker, vielleicht ebenfalls rettungslos verloren, der rohen Willkühr seines nach Rache dürstenden, blutgierigen Feindes preisgegeben. „Warum blieb ich nicht im elterlichen Hause?" fragte sich Rosa wieder und immer wieder an jenem Tage, der ihr die Schreckensnachricht brachte, „warum bin ich nicht mit ihnen gestorben, den guten, herrlichen Eltern, die ein schönes Leben mit einem Märtyrertode beschlossen, warum muß ich noch leben, ausersehen zu höchster Qual? Oh, wenn ich im Grabe ruhen dürfte, fern von aller Sorge und Last und meine Seele könnte unter dem Fitttg des Geistes jenes wunderbaren Mannes, der mir Vater wurde, mit gen Himmel fliegen und sich betten vor dem Throne des Allmächtigen! Gott, welch' eine Seligkeit, welch' eine Wonne wäre der Tod, hier aber im Leben ist Nichts als Qual, Nichts als herzzerfressendes Leid, das unser Inneres wie mit glühenden Zangen zerreißt, und wieder zerreißt an jedem neuen Tage. „Mein Gott, mein Gott, Du bist doch erbarmungsvoll und gnädig, warum lässest Du mich so furchtbar dulden, was habe ich gethan, was ist mein Verbrechen, daß ich schier ersticken muß in ungeheurem Schmerz? Gnade, Gnade, wenn ich ein Verbrechen beging, dessen ich mir nicht bewußt bin, Gnade, nicht für mich, aber für ihn, den Heißgeliebten. Wenn Du ihm noch Schwereres bestimmt in Deinem unerforschlichen Rathschluß, so laß' mich als Sühnopfer sterben, so schicke alle Qualen über mich, doch ihn befreie, ihn lasse genesen von seinem Leiden, ihn mache froh und glücklich. „Wie mir das Herz zittert. Wenn nun in diesem Augenblick jener unheilvolle, gewaltige Mann den armen, unglücklichen Jüngling aus seinem Kerker reißt, mit Hohn und Scheltworten ihn auf das Schaffot schleppt, Gott, Gott, ich sehe das scharf geschliffene Beil des Henkers, wie es herniedersaust auf das geliebte Haupt, Gott, Gott, hast Du keine Gnade, hast Du kein Erbarmen, laß' mich doch sterben, ende mein grauenhaftes Leid, gegen das die Qualen der feurigen Hölle nur sind wie ein wärmender Strahl der Liebe." So schrie sie auf, so jammerte sie, wohl stundenlang. Doch endlich kam auch die Vernunft mit sanft mahnender Stimme wieder: „Du versündigst Dich," klang es leise aus Rosa's Innerem hervor, „und da Du noch ohne Schuld bist, so hüte Dich, schuldig zu werden. Und Gott ist doch gut. „Schäme Dich Deiner selbst, Rosa, Du hast nicht schön, nicht edel gedacht, nicht würdig dem Geiste jenes Mannes, der Dich erzogen; wie vermagst Du nur von Dir zu reden, ob Deiner Schmerzen Dich zu beklagen, wie willst Du sterben, da vielleicht noch derjenige lebt, der sich nach Dir sehnt, dem Du, wenn Gottes Güte Dir beistehet, vielleicht noch Rettung bringen kannst? Er lebt gewiß, er lebt noch, mein Herz sagt es mir, Gott vermag zwar furchtbar zu strafen und zu prüfen, aber auch in dem Angesichte seines Zornes fehlt nie der Strahl der Milde und Güte. Mein Afka lebt, er wird gerettet werden — Gott vernichtet nicht vollständig; der Gott nicht, der befohlen hat, Du sollst nicht den Vogel gefangen nehmen sammt seinen Kindern. Er will nicht, daß ein Geschlecht ausgerottet werde bis auf den Letzten. Gott läßt auch bei seinen schwersten Strafgerichten noch einen Pfad offen zu spätem Glücke. Zu spätem Glücke? Allgütiger Vater, wird es uns noch beschieden sein?" Und siehe da, wie sie so dachte, da kam der Hansmeifter des Landschlosses herbei, klopfte an ihre verschlossene Kammer und überbrachte ein Briefchen, das an der Pforte des Hauses für sie abgegeben worden war. Ein jubelnder Aufschrei rang sich aus ihrer Brust, wie ein Sonnenstrahl durchschoß es die finsteren Wolken ihres Grames, mit zitternden Händen empfing sie das Papier, preßte es an die Lippen und küßte es herzinnig vielemal. Sie hatte die Handschrift ihres Pflegevaters erkannt, er lebte, er war nicht von den unmenschlichen Plünderern ermordet worden. Nur wenige Zeilen schrieb Alexet. Er theilte ihr mit, daß er der Wuth des Pöbels entronnen, sich nun einige Tage verborgen halten werde, bis der Volksaufstand sich gelegt, dann wolle er sich heimlich*) nach Petersburg begeben, um dort einige bei Hofe wohlangesehene und mächtige Glaubensgenossen der Hauptstadt zuseinem Schutze und zur Befreiung seines Sohnes aufzurufen. Rosa möge indessen ruhig an ihrem Zufluchtsorte verharren, sobald als irgend möglich werde er wiederkehren und sie dann mit sich führen. Jakow lebe und habe alle Leiden seiner Gefangenschaft bisher mit männlicher Kraft und Würde ertragen; *) In Petersburg dürfen sich dort nicht einheimische Juden nicht nnfhalten.