Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 33 (1892)
- Issue
- Heft 31-32 (21.4.1892)
- Date
- 1892-04-21
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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XXXIU. Jahrgang. 31 & 3». Der Israelit. Ein Aenlrat-Hrgan für das orthodoxe Zudenthmn. Begründet von Dr. Lehmann in Mainz. Donnerstag, den 21. April 5652 (1892). Leitender Artikel. Das Centrum und die Iudenhehe. Mainz, 20. April. Seit dem Tode ihres genialen Führers Windthorst, der in seiner großen Klugheit und mit seinem weiten Blick jede Art von Judenhetze auf das Entschiedenste verurtheilte, scheint die katholische Parthei in Deutschland nicht mehr recht zu wissen, welche Stellung sie zur Judenfrage einnehmen soll. Man kann nicht behaupten, daß sie, wie ein Theil der konservativen Parthei, mit „klingendem Spiele und fliegenden Fahnen" in die Reihen der Antisemiten übergegangen ist, aber es fehlen leider nicht die Anzeichen, daß sich diese stärkste Partei im Reichstage dem Antisemitismus in den jüngsten Tagen bedeutend genähert hat. Namentlich ist es die Niederlage, die das von orthodoxen Juden bekanntlich ebenfalls befürwortete Volksschulgesetz erlitten, welche die Herren vom Eentrum so sehr erbitterte, und die paar „Reformjuden", die vielleicht unter Hunderttausenden ihrer christlichen Mitbürger an dem Fall dieses Gesetzes mitgearbeitet haben, bilden nunmehr den Prügelknaben, an dem man seinen ganzen Zorn auslassen kann. Und warum denn auch nicht? Was ist bequemer, wenn Einem irgend etwas Unangenehmes passirt, als zu schreien: Juden raus! Aus diesem Grunde veröffentlicht das gegenwärtig leitende Organ des Centrums, die „Kölnische Volkszeitung", folgende „sieben Thesen zur Judenfrage": „1. Bei der notorischen Betheiligung des Judenthums an der Ausbeutung der wirtschaftlichen Schwäche und Noth — an der Bekämpfung der katholisch-kirchlichen Interessen — an der Schwächung der religiös-sittlichen Grundlagen unseres Volkslebens — an der sozialistisch-revolutionären Bewegung — muß das Judenthum als aggresiv angesehen werden. 2. Die Aggression des Judenthums erscheint bei der geringen Zahl, in welcher die Juden unter der christlichen Bevölkerung vorhanden sind, für diese christliche Bevölkerung in hohem Grade verletzend und herausfordernd. 3. Da bisher noch nichts Sicheres bekannt geworden ist, daß das Reformjudenthum bei obengenanntem aggressiven Vorgehen vom übrigen Judenthum in aufrichtiger Weise zurückgehalten, gehemmt oder auch nur abgeschüttelt worden sei, so besteht für die abwehrende katholische Presse keine zwingende Veranlassung, sich ausdrücklich nur gegen das Reform-Judenthum zu wenden. 4. Die Abwehr bethätigt sich vorerst und hauptsächlich darin: Daß bei jedem Anlaß auf die unter 1 bezeichneten Bestrebungen ausdrücklich und scharf tadelnd hingewiesen wird; daß alle moralisch und gesetzlich nicht unzulässigen Mittel, um die christliche Bevölkerung vor der jüdischen Ausbeutung zu schützen, gesucht, organisirt und zur Anwendung unablässig empfohlen werden; daß die den Bestrebungen des Judenthums zu Grunde liegenden philosophisch-religiösen Jrrthümer schonungslos und gründlich zurückgewiesen werden. 5. Die Abwehrthätigkeit der katholischen Presse darf nicht etwa nur nebensächlich und gelegenheitlich erfolgen, sie muß vielmehr als eine wesentliche, methodisch geordnete, allen Zweigen der Redaktion ebenbürtig eingefügte Arbeitsleistung beständig ersichtlich bleiben. 6. Eine derartige Abwehrthätigkett kann nicht als unchristlicher Rassenkampf bezeichnet werden; sie ist mit den theologisch feststehenden Forderungen der christlichen Liebe so vereinbar, als überhaupt alle Abwehrbestrebungen unter den Menschen mit jener Liebe in Einklang gebracht werden können und sollen. 7. Mit dem, was man „Antisemitismus" nennt, haben jene Abwehrbemühungen höchstens materiell etwas gemein, eine formelle Betheiligung am Antisemitismus ist aus philosophisch-religiösen Erkenntnißgründen abzulehnen." Der „Kölnischen Volkszeitung" sind diese Thesen offenbar von einer Seite zugegangen, von der sie sie nicht gut zurückweisen konnte, denn sonst würde dieses Organ, das von allen seinen Kollegen seither noch die meiste Judenfreundlichkeit an den