Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 33 (1892)
- Issue
- Heft 29-30 (11.4.1892)
- Date
- 1892-04-11
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
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576 Auswanderung derselben zu leiten und sie in Argentinien mit Grundvarzellen zu betheilen, und in solche, welche aller Mittel entblößt sind und denen auch die Kosten tur Ueberfahrt im Betrage von fünfhundert Rubel per Kopf bezahlt werden müssen. Da indessen die in Argentinien zu gründenden Kolonien noch nicht vollständig orqanisirt sind, wird das Comitö bestrebt sein, die Zahl der Auswanderer in diesem Jahre noch so viel als möglich zn beschränken, und die Agenten desselben bemühen sich schon jetzt, durch entsprechende Rathschläge und Aufklärungen die Auswanderungslnst der Juden zu zügeln und die Emigration zu einer langsamen und allmäligen zu gestalten. Diese Bemühungen werden durch die Thatsache unterstützt, daß die deutsche Regierung in jüngster Zeit die Auswanderung durch Abschließung der Grenze erschwert hat, mit der Begründung , daß die in den deutschen Häfen ankernden Schiffe den Transport der Auswanderer nach Nordamerika verweigern, daß man dieselben dort nicht ausschiffen lasse und daß ein solcher Zuwachs der einheimischen Bevölkerung den wirthschaftlichen Interessen des deutschen Volkes nur nachträglich wäre. Das erwähnte Coinite wird daher die Auswanderung der Juden nach Südamerika derart organisiren, daß dieselben in Gruppen zu je hundert Mann vor sich geht. Berlin, 4. April. Die wenigen lauteren Elemente, mit deren Gefolgschaft der Antisemitismus bisher zu prahlen pflegte, wenden sich, von dem Treiben der zeitigen Führer angewidert, immer deutlicher von ihm ab. So hat am 20. März Professor Adolf Wagner Gelegenheit genommen, über den Antisemitismus sein Urtheil abzugeben, das einer Verurtheilung auf's Haar ähnlich sieht. In der am 29. März stattgehabten außerordentlichen Generalversammlung des konservativen Wahlvercins des II. Berliner Wahlkreises sprach Herr Stöcker über „die konservative Partei, das konservative Programm und die Forderungen der Gegenwart." In der Diskussion wurde von mehreren Seiten die Nothwendigkeit betont, den antisemitischen Standpunkt mehr hervorzukehlen, als es bisher der Fall war. Andernfalls sei ein weiterer Niedergang der konservativen Partei und speziell der „Berliner Bewegung" zu befürchten. Professor Wagner erläuterte — nach einem Berichte der „Post" — unter häufig!m Widerspruch eines Theiles der Versammelten seine abweichende Stellung zum Antisemitismus. Eine Redensart sei, dem den Patriotismus abzusprcchcn, der nicht Antisemit fei. Die antisemitische Bewegung übertreibe viel und kämpfe mit Waffen, die vielfach weder vom ästhetischen, noch vom sittlichen Standpunkte schön zu nennen seien. Ju einer oberflächlichen Auffassung der sozialen Frage gebe sic viele allgemeine F.hler ausschließlich den Juden Schuld und suche nur an Symptomen herumzukuriren. Die Entfernung sämmtlicher Juden aus Deutschland würde an unseren Verhältnissen sehr wenig ändern, man würde damit nichts Durchschlagendes erreichen. Es sei unhiftorisch, nur die Juden für unsere Zustände verantworlich zu machen, und deßhalb werde auch die antisemitische Bewegung nichts Rechtes erreichen. Daher zeige auch die Negierung kein Entgegenkommen auf diesem Wege. Die Zustände seien überall gleich, der Spekulationsgeist nicht eine ausschließliche Eigenschaft jüdischer Firmen, sondern des ganzen Volkes. — Wir halten solche Aeußerungen für symptomatisch, weil sie u. A. beweisen, daß man in gewissen Kreisen ansängt, sich des Antisemitismus — zu schämen. Hamburg, 6. April. Eine große Enttäuschung wurde den hiesigen Antisemiten bereitet. Dieselben beriefen eine Versammlung ein, woselbst der Abg. Schönerer ans Oesterreich sprechen sollte. Die von etwa 3000 Personen besuchte Versammlung wurde jedoch gleich nach der Eröffnung polizeilich aufgelöst, weil dieselbe nicht ganz ordnungsmäßig angemeldet worden war. Man sieht aus dieser Thatsache, daß die Hamburger Behörde alles aufbietet, den konfessionellen Frieden nicht zu gefährden. Sämmtliche Schüler der Prima I der Hamburger „Talmud Thora" haben nach abgelegter Prüfung das Zeugniß für Berechtigung zum eintährigen Dienst erhalten. — oh. — M rslowitz, 2. April. Der Durchzug von russisch-jüdischen 'Auswanderern, die nach Südamerika sich begeben und im vorigen Jahre in jeder Woche nach vielen Hunderten zählten, hat jetzt vollständig aufgehört. Jeder aus Oesterreich von Oswiecim hier eintreffende Zug wird polizeilich nach Auswanderern durchsucht. Bekennen sie sich als jüdisch, so wird ihnen die Weiterfahrt nicht gestattet und sie werden mit dem nächsten Zuge nach Oswiecim zurückbefördert. Das trifft nun freilich die österreichischen Juden ungerechterweise, da bei ihnen nicht die Gründe vorliegen, die den Ausschluß der russischen Juden herbeigeführt haben, daß nämlich ihr Heimathsstaat sie unter keiner Bedingung zurücknimmt, wenn sie ans irgend einem Grunde zurückgewieseu werden. Allein es erschien unmöglich, hier einen Unterschied zn machen, weil sich eben zwischen russischen und galizischen (österreichischen) Juden fast keine Grenze für die Unterscheidung ziehen läßt. Selbst die Ausweispapiere würde den russischen Juden in beliebiger Zahl von Galizianern beschafft. Wenn man also die russischen ausschließen wollte, so war es geboten, auch die österreichischen mit