Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1892-04-07 · Heft 28 (7.4.1892) · page 9

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
33 (1892)
Issue
Heft 28 (7.4.1892)
Date
1892-04-07
Page
– (sequence 9)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
98% known words query
IRI
…/2446951-2448218-2448247--33978-2481895
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

XXXIII. Jahrgang. Erste Beilage;u M 28 -es „Israelit". Leitender Artikel. Explosivstoffe. Eine zeitgemäße Betrachtung zu Sabbat-Hagadol. Von Rabbiner Dr. H. Sänger. Die Vorschrift über pon np’“D das Suchen nach dem Chomez lautet: 'kn'? t'cnn rix ppin “Wy npn-ix? -NX .pon LL7 d’jdhp "pm nioipon ppiom r"nrn i:n „Am Abend zum 14. sucht man nach pcn mit dem dichte, in Löchern und Ritzen, an jedem Orte, wo man gewöhnlich pon hinbringt." Mit Licht sollen wir suchen-, und dazu ist die Nacht am geeignetsten. Die Hälfte unserer Lebenstage setzt sich aus Nacht, Dunkel und Finsterniß zusammen. Das hat Gott so angeordnsst. Es ist damit aber nicht gesagt, daß wir die Nacht in Dunkel und Unthätigkeit zubringen brauchen und sollen. Der Mensch hat schon seit den ältesten Zeiten sich Licht zu verschaffen gewußt, um sich die Nacht zu erhellen und nutzbar zu machen. Gibt es ja Länder, wo das Tageslicht nur einen kleinen Theil des Jahres hinkommt. Gott hat den Menschengeist mit Seinem Geiste erhellt, so daß er in seiner Weise gleichsam schöpferisch wirken, sich Licht verschaffen, Hervorbringen kann, wie sonst kein anderes Geschöpf, die alle nach den gegebenen Verhältnissen zu leben haben, ohne daran etwas ändern zu können. Licht in jedes Dunkel zu bringen, gehört mit zu unserer Aufgabe. Wo wir sehen können und sollen, haben wir zu suchen und zu forschen mit dem Lichte, das wir uns überall selbst verschaffen können. Und gerade, wo es finster ist, wird das Licht uns am Besten nutzen. Bei Tag ist es überflüssig, nützt unser Licht gar nichts. Finstere Punkte gibt es genug in uns, die wir erhellen können undsotten. GarVieles istunsunklar und unverständlich. Aber im Finstern umhertappen, im Finstern suchen wollen, ist thöricht. Zünden wir Licht an, um sehen zu können! Die Finsterniß im Großen, die läßt sich durch menschliche Kraft, durch irdisches Licht nicht erhellen. Kein Licht, und wäre es das hellste und stärkste, das wir Menschen hervorzubringen im Stande sind, vermag die Nacht zum Tage zu machen. Bloß einzelne Punkte lassen sich erleuchten. Die Nacht selbst soll Nacht bleiben, damit wir Ruhe finden, die dem Menschen so nothwendig ist, wie das durch das Tageslicht bedingte Leben. Es gibt vor Allem etwas, das mit Licht erforscht und gesucht werden muß, um es dann zu beseitigen, und das ist das pcn, der rohe G äh ru ng s st 0 f f im Menschen. Der Mensch in seiner Zusammensetzung aus zwei sich widersprechenden und doch sich ergänzenden Naturen, muß suchen, diese in das nothwendige richtige und gesunde Verhältniß zu bringen. Das pan kann nur durch Vermischung genossen werden. Herrschen im Menschen soll nur der Geist. Die rohe Kraft muß sich ihm unterordnen, wenn die Menschheit bestehen soll. Zu dieser Erkenntniß dringt die Menschheit sehr bald durch. Nicht so leicht der Einzelmensch, weil er sich selbst diese Vorschrift machen soll. Er ist oft des Glaubens, in ihm sei es Tag, er brauche kein anderes Licht, um weiter zu forschen: dunkle Punkte in ihm seien nicht vorhanden. Und wo es Licht ist, braucht kein weiteres Licht dazu zu kommen, bedarf es keiner weiteren Erhellung und Aufklärung. Und das gerade ist ein sehr d unkler Punkt. Ob es so hell und klar in uns ist, das ist doch sehr zweifelhaft. Und wer es so leicht von sich behauptet, der befindet sich häufig im Dunklen. pari ist das S innliche, rein Materielle. Materiell ist unser Leben fast durchweg. Materiell ist ja auch unsere ganze Zeit. Dem Einzelnen kann man daraus weniger Vorwurf machen, denn es ist immer schwer gegen den Strom der Zeit zu schwimmen. Aber richtig ist es deßhalb doch nicht. Jeder Einzelne muß für sich nach dem Chomez suchen. Das ist eine Pflicht. Immer müssen wir denken, daß Tag und Nacht gleichmäßig herrschen, daß wir aber das Dunkel erhellen, der Nacht auch ihre Lichtseiten «bringen können und sie uns nutzbar machen müssen. Wir dürfen auch materiell sein: aber wir dürfen nicht glauben, darin allein bestehe das Leben. Die Nacht hat auch das Recht, aber wir können und sollen Licht hineinbringen. Dazu gab Gott uns den Verstand. Wie thöricht wäre der Mensch, der mit dem Nachtwerden alle Thätigkeit einstellen wollte, sich kein Licht anzünden würde, weil die Natur nun einmal so bestellt, von Gott die Finsterniß eingesetzt ist! Nicht minder thöricht ist es zu behaupten, weil die heutigen Verhältnisse all unsere Kräfte nach der materiellen Seite des Lebens hindrängen, sie in ihren Dienst zwingen, wir auch gar nicht dieser materiellen Zeitrichtung uns entziehen können, ohne Gefahr zu laufen, dabei zu unterliegen; deßhalb müsse jeder Versuch von vornherein aufgcgeben werden, mit dem Lichte unseres Geistes, diese Zeitverhältnisse in etwas zu beleuchten, um unS über das Elend derselben hinwegzuheben. Man plagt sich und müht sich heute ab, um zu leben, und als Resultat all dieser Mühe und Plage des Lebens gähnt uns ein großes Deficit an, kein Gewinn an bleibenden Gütern. Auch da finden wir das Chomez. Wozu hat uns denn Gott den schöpferischen Geist gegeben, wenn wir kein Licht da hineinbringen sollten, wo es dessen, wie man es so oft eingesteht, so sehr bedarf? Muß es denn immer finster, muß es denn immer Nacht bleiben, weil es nun einmal so ist? Wo der höhere Lebensgedanke fehlt, oder nicht aufkommen kann, da leidet der ganze Mensch darunter; da gibt es keine höhere Pflicht, kein höheres Streben, keine reine Freude, keine innere Wärme für das Gute und Wahre. Alle besseren Regungen werden erstickt, liegen im Finstern nnd verborgen. Es liegt ja wohl in der Natur der Sache, daß nicht ein Jeder über die höchsten Probleme Nachdenken kann. Nicht Jeder hat Zeit und Fähigkeit Gesetze zu machen. Aber Jeder hat die Verpflichtung, den Gesetzen gemäß zu leben. Wenn nun Jemand sagen wollte, weil er das Gesetz nicht gemacht, weil er es nicht versteht, deßhalb sei es für ihn nicht bindend: so ist das gewiß kein Lichtpunkt in seinem Leben; dann tappt er im Finstern herum. Wir haben es erst in diesen Tagen schaudernd miterlebt, wohin diese Ansichten in unserem Nachbarstaate geführt haben. Ehrbare Bürger, hochgeachteteRichter, Leute, die ihr ganzes Leben hindurch die strengste Pflichterfüllung beobachtet haben, suchte man durch Dynamitbomben in die Luft zu sprengen. Und womit entschuldigen diese entsetzlichen Verbrecher ihre ruchlosen Handlungen? Einfach mit dem Grundsätze: Gesetze, die wir nicht gemacht haben, brauchen wir nicht zu halten. Man höre nur, wie der in Paris erscheinende „Anarchist" die letzten Ereignisse in bestechenden Trugschlüssen vertheidigt: „Wir beklagen die unschuldigen Opfer eines gegen einen unserer Feinde gerichteten Attentates, aber andererseits ist es demjenigen nicht zu verdenken, der sich für außerhalb

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.