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Der Israelit · 1892-03-31 · Heft 26 (31.3.1892) · page 24

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Journal
Der Israelit
Volume
33 (1892)
Issue
Heft 26 (31.3.1892)
Date
1892-03-31
Page
– (sequence 24)
Language
German
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520 Ausdruck co nt es könnte leicht mißverstanden werden, es kommt nur eine Erzählung in Betracht, die der Priorin. Mit contes übersetzt Beaulieu den Titel des englischen Werkes: The Canterbury Tales, einer Rahmenerzählung Chaucers, welcher im vierzehnten Jahrhundert lebte und die erste Stelle unter den englischen Dichtern des Mittelalters einnimmt. Wir können aus der Erzählung nur schließen, daß das Blutmärchen auch in England sehr bekannt war. Von einer antisemitischen Tendenz — um mich modern auszudrücken — kann keine Rede sein, und diese darin zu erblicken, wäre ebenso falsch, wie wenn man Shakespeare wegen seines „Kaufmanns von Venedig" für einen Judenfeind halten wollte. 4) Die Erzählung wird eben der frommen Priorin (Prioresse) in den Mund gelegt, die, bevor sie zum eigentlichen Thema kommt, erst eine lange salbungsvolle Einleitung macht; und während sonst nach jeder Erzählung eine kleine Diskussion unter den Reisegefährten sich entwickelt, und Vergnügen oder Mißbehagen sich zu erkennen gibt, sagt hier der Dichter nur: „Als das Mirakel nun zu Ende war, „Sah zum Verwundern ernst aus jedermann."2) Bald darauf stellt Chaucer sich selbst der Gesellschaft mit einem sehr luftigen Schwank vor. — Was den Inhalt unseres Gedichtes anlangt, so handelt es von der Ermordung eines jungen Christenknaben durch die Juden einer Stadt Asiens. Als Ursache für den Mord hören wir, daß das Kind, wenn es von der Schule nach Hause ging, die Judenstadt (The Jewrye) passirte und durch den beständigen Gesang 0 alma redemptoris — die Juden beleidigte und verhöhnte. Die Juden, „in deren Herz der Drache Satanas sein Wespennest hat", hatten sich und ihren heiligen Glauben durch jene Worte verhöhnt gesehen. — Eigenthümlich ist, daß Chaucer als Schauplatz der Handlung Asien annimmt; fast alle diesen Stoff behandelnden Sagen spielen im westlichen Europa, vgl. auch Hertzberg a. a. 0. pag, §. 45. — Daß auch nach Schottland schon sehr früh die Blutlüge sich verbreitete, darauf deutet eine Ballade, die von Percy, Reliques of Ancient English Poetry 1,31 ed. Frankfurt a. M. 1803) veröffentlicht ist. Interessant ist die Einleitung des gelehrten Herausgebers, der bereits damals so vorurtheilsfrei über die ganze Frage denkt. Ich gebe sie daher hier völlig wieder: „It (sc. the ballad) is founded upon the supposed practice of the Jews of crucifying or otherwise murthering Christian children out of hatred to the religion of their parents : 1) CH. Honigmann, Jahrbuch der deutschen Shakespeare- Gesellschaft VXII, 201. 2) Herzberg, Chaucers Canterbury - Geschichten, übersetzt. Leipzig. Bibliogr. Inst. a practice, which has been always alledged in excuse for the cruelties exercised upon that wretched people, but which probably never happen ed in a single instance. For if we consider, on the one hand, the ignorance and Superstition of the times when such stories took their rise, the virulent prejudices of the monks who record them, and the eagerness with wich they would be catched up by the barbarous populace as a pretence for plunder; on the other hand, the great danger incurred by the perpetrators, and the inadequate motives they could have to excite thcra to a crime of so much horror, we may reasonably conclude the whole Charge to be groundless and malicious.“ 3) — Die Ballade, betitelt „The Jew’s Daughter“ ist nicht vollständig erhalten, sondern ein Fragment und berichtet von der Tödtung eines Christenkindes durch ein Judenmädchen. Der Grund für die That wird nicht angegeben; weßhalb der Dichter ein Mädchen als Thäter annimmt, ist nicht ersichtlich; etwa, weil ein solches geschickter ist, das im Ballspiele begriffene Kind ins Haus zu locken? Als Ort der Handlung ist Mailand gedacht, so wenigstens erklärt Percy den Namen Mirryland Town. — In den „Stimmen der Völker" (ed. Kempel V, 157) hat Herder auch diese schottische Ballade übersetzt; zu welchem Zwecke, ist mir nicht recht klar, da Percy's Sammlung, welche ihrerseits auch der Wissenschaft von höchstem Nutzen war, andere Slücke enthält, die einer Uebersetzung würdiger sind. Ueberdies hat Herder durch die ungenaue Wiedergabe einer Zeile dem schottischen Gedicht einen Beigeschmack gegeben, den es ursprünglich nicht hat; er übersetzt, nämlich: „Sie legt ihn auf ein Schlachtbrett hin, Schlach't ihn, ein Christenschweiu." Das Original hat aber nur ganz harmlos: „She laid hi in on a dressing borde, And dresfc liim like a swine.“ Frankfurt a. Nt. Dr. Josef Caro. 3) „Dieser Ballade liegt die Annahme zu Grunde, daß die Juden Christenkiudcr aus Hatz gegen die Religion ihrer Eltern, zu kreuzigen oder in anderer Weise zu morden die Sitte haben. Diese Sitte iü stets als Entschuldigung für die Gräuelthatcn, welche man an jenem unglücklichen Volke ausübte, angeführt, aber wahrscheinlich in keinem einzigen Falle erwiesen worden. Tenn wenn wir einerseits in Betracht ziehen die Unwissenheit jener Zeiten, lvo solche Märchen ihren Ursprung nahmen, die giftigen Vornrtheile der Mönche, welche sie berichten und die Gier, mit welcher sie von der barbarischen Bevölkerung als Vorwand zum Plündern aufgegriffen wurden; andererseits aber die große Gefahr, welcher sich die Thäter aussetzten, und die unzulänglichen Beweggründe, welche sie zn einem so schaurigen Verbrechen veranlassen konnten: so müssen wir vernünftiger Weise schließen, daß die ganze Anklage eine grundlose und boshafte ist." Verantwortliche Redaction für die „Wissenschaftliche Beilage": Or. A. Sulzbach in Frankfurt a. M. Druck und Verlag der J oh. Wirth'lchen Hofbuchdruckerei-Actien-Gesellschaft in Mainz.

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