Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 33 (1892)
- Issue
- Heft 26 (31.3.1892)
- Date
- 1892-03-31
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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506 ten und auf jeden der Zuhörer ohne Unterschied der Parteistellung den ergreifendsten nachhaltigsten Eindruck hervorbrachten — verriethen sie doch in gleicher Weise das immense jüdische Wissen, den Reichthum der Gedanken, die Innigkeit des Empfindens — sei vorläufig nur hervorgehoben, daß Redner die Inschrift, welche unser nonn nn schmückt: rvn ds n: pn in geistvollster Weise dahin deutete, daß dieses Haus nichts anderes als ein Gotteshaus sei, nicht zum Menschentrutz, nicht zum Kampf und Parteihader, sondern lediglich 'i nxb errichtet sei. Daran anknüpfend gab Redner der Dankbarkeit des Vereins gegen den Herrn Rabbiner und die Cultusgemeinde für ihre Theilnahme am Festakte wärmsten Ausdruck und schloß mit dem Gebete auf König, Staat und Gemeinde. Die glanzvolle Einweihung der neuen Synagoge und der weihevolle Gottesdienst, der in der würdigen Umrahmung solch schöner Räume abgehalten werden kann, ist wohl der schönste Lohn für die Opferfreudigkeit und das unermüdliche Streben, Kämpfen und Ringen der Wenigen, die heute mit berechtigtem Stolz auf ihr herrlich gelungenes Werk sehen können. Oe st er r. - Ungar. Monarchie. Wien, 15. März. Im niederösterreichischen Landtag führte heute die antisemitische Gesellschaft wieder dieselben Scencn auf, die sich alljährlich bei Bewilligung der Subventionen für den deutschen Schulverein und den Volksbildungsverein erneuern. Der Schulverein ist den Antisemiten ein Gräuel, seit die Versuche vereitelt worden sind, denselben zum Werkzeuge antisemitischer Agitationen zu machen, lieber den Schulverein ergoß heute Herr Schneider eine Rede voll Unflath. Von dieser Hand besudelt zu werden, kann für den Deutschen Schulverein in den Augen der anständigen Leute nur eine Auszeichnung sein. Daß Herr Schneider nie zehn Worte sprechen kann, ohne sich in gröblicher Weise gegen die Wahrheit zu vergehen, hat heute der Abgeordnete Dr. Weitlof in eclatanter Weise nachgewiesen. Man macht aber immer merkwürdigere Wahrnehmungen über die Haltung und Taktik der Antisemiten und ihrer Freunde. Der hochwürdtge Herr Scheicher erklärte, es falle ihm nicht ein, Juden zu schlagen oder auch nur anzugreifen, aber er müsse auf seine Wähler Rücksicht nehmen. Die Rücksicht auf das Mandat ist also für den hochwürdtgen Herrn stärker als die Stimme des Gewissens. Tab, 21. März. (Gegen die Reception der israelitischen Confessionen.) Am jüngsten Samstag hielt Oberrabbiner Wilhelm Breuer im Tempel eine Rede, in welcher er sich gegen die Reception aussprach. Er hält die Lösung dieser Frage aus confessionellen Gründen für unmöglich; die bürgerliche Gleichstellung mit den übrigen Einwohnern des Landes habe die Eintracht und das friedliche Zusammenleben bezweckt; aber es sei gefährlich, daß auf die Reception die Mischehe folgen werde. England. London. In der neuesten Nummer von „Darkest Russin" wird nachstehende interessante Zuschrift des englischen Naturforschers, Professors T. H. Huxley, über die Verfolgung der Juden in Rußland veröffentlicht: Soweit die Juden in Frage kommen, bin ich voll und ganz Ihrer Ansicht. Nie habe ich vernommen, daß sie etwas anderes als ein fleißiges, sparsames und nüchternes Volk, frei von allen politischen Bestrebungen, seien. Ihr wirkliches Vergehen liegt, wenn ich nicht irre, in der Thatsache, daß sie, im Besitze dieser Vorzüge, es nicht vermeiden können, es weiter zu bringen, als das faule, leichtsinnige trunkene Volk, unter welchem sie leben. Es verstößt gegen das Interesse des Menschengeschlechts, daß unsere Mitmenschen ihrer Tugenden wegen Strafe erleiden sollen, und ich glaube nicht, daß die Russen sich über unbesugte Einmischung in ihre Angelegenheiten beklagen dürfen, wenn Ausländer ihnen die'Wahrheit sagen. Was die Verfolgung der Stundisten und Römischen Katholiken betrifft, so bin ich darüber zu wenig nnterrichtet, um mir ein Urtheil erlauben zu können. Hochachtungsvoll Ihr T. H. Hnrley. Egypten. Alexandrien, 17. März. Gestern verbreiteten die Griechen in Port-Sa'id das Gerücht, daß der jüdische Kaufmann Carmone ein christliches Mädchen abgeschlachtet hat, und schon im nächsten Augenblicke wurde C. mit Messerstichen verletzt und einige Juden der Nachbarschaft mißhandelt. Dank dem sofortigen energischen Einschreiten des engl. Militairs, welches die wüthende Volksmenge mit Bajonette und Dampfspritze zerstreute, wurde der verbrauchte Antisemitenplan im Keime erstickt. Carmone, (spanischer Jude) ist einige Stunden später leider seinen Wunden erlegen, hingegen wurde das fehlende ermordete!!! Christenmädchen kerngesund im Hause Carmone's aufgefunden. Das christl. Mädchen ging in harmloser Weise in Carmone's Haus, wo es oft zu verkehren pflegte; da aber die Osterfeiertage vor der Thüre sind, so benützte ein gegenüber wohnender Grieche diese Gelegenheit in der Hoffnung in Port-Said etwas ä la Corfu in Scene setzen zu können. Als Lohn für dieses Bravourstück haben dessen Gesinnungsgenossen vorläufig mit einem kalten Douche-Bad Vorlieb nehmen müssen.