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Der Israelit · 1892-03-24 · Heft 24 (24.3.1892) · page 9

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Journal
Der Israelit
Volume
33 (1892)
Issue
Heft 24 (24.3.1892)
Date
1892-03-24
Page
– (sequence 9)
Language
German
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XXXM. Jahrgang. Erste Beilage ju M 24 des „Israelit". Zeitungsnachrichten und Correspoudenzeu. Deutschland. Berlin, 21. März. Unter der allgemeinen Aenderung der politischen Verhältnisse ist auch bemerkenswert die veränderte Stellung der Freikonservativen zum Antisemitismus. Die „Post", einzelnen Antisemiten sehr hold schreibt nämlich: „Die Antisemitend ebattc, welche anläßlich der dritten Lesung des preußischen Etats trotz der Eilbedürftigkeit des Abschlusses derselben von konservativer Seite inszenirt wurde, hat, wie gewöhnlich, zu heftigen persönlichen Auseinandersetzungen geführt, bei denen beide Theile sich den Sieg zuschreiben. Einen unmittelbar praktischen Zweck hatte die Debatte, so weit es sich um die Thätigkeit der Landesvertretung handelt, nicht; ihr Zweck lag also wohl außerhalb des Parlaments. Es liegt ja die Annahme sehr nahe, daß die Konservativen, ivelche sich darüber nicht mehr gut täuschen können, daß ihre Aussichten für die nächsten Wahlen nichts weniger als günstig sind, den antisemitischen Wind in ihre Segel zu fangen trachten. Fraglich ist freilich, ob damit viel gewonnen wäre. Die Leistungen der Antisemiten bei den Wahlen stehen, wie dies noch kürzlich bei der letzten Reichstags-Nachwahl im Königreich Sachsen hervortrat, zumeist und von einzelnen besonderen Ausnahmen abgesehen, mit ihren großen Worten in argem Mißverhältnis Aber selbst, wenn das anders wäre, würde cs des Charakters der autisemitischen Bewegung wegen sich nicht rechtfertigen lassen, derselben um einiger Wahlvortheile willen Konzessionen zu machen. Wir sind sicher nicht geneigt, unsere Augen vor häufiger unter unseren jüdischen Mitbürgern vorkommenden Fehlern zu verschließen, verurtheilen eben dieselben aber genau eben so streng, wenn sie, was gleichfalls nicht eben selten ist, von Christen begangen werden. Jedem volle und strenge Gerechtigkeit, aber gleiches Recht wie gleiche Pflicht für Alle. Neben dem verhetzeuden Charakter der antisemitischen Bewegung liegt das Hauptbedenkcn gegen dieselbe darin, daß sie in der Hauptsache aus derselben Wurzel erwächst, wie die Sozialdemokratie. Beide nähren sich vernehmlich von dem Neide gegen den Besitz und insbesondere den Kapitalbesitz." Amerika. New-York, im Februar. Seit einiger Zeit ist auch in den amerikanischen Zeitungen die traurige Erscheinung wahrzunehmen, daß manche derselben gegen die Juden hetzen und die öffentliche Meinung gegen dieselben einzunehmen versuchen. Diesen antisemitischen Versuchen tritt der in allen Kreisen des Landes bekannte und hochangesehene Georg R. Wendling im „New-Uorker Herald" mit aller Entschiedenheit entgegen: „In meinen Adern", schreibt er, „rollt kein Tropfen jüdischen Bluts; ich bin mit Juden weder durch Heirath, noch durch irgend welche andere nähere oder fernere Beziehungen verwandt. Ich schulde keinem Juden einen Dollar und kein Jude schuldet mir etwas. Ich spreche daher vom Standpunkte völliger Unabhängigkeit über die Juden, in denen ich heute eine hervorragende Rasse erblicke, hervorragend in ihrer Geduld, in ihrer gegenseitigen Liebe, in ihrer Ausdauer, in ihrer Weisheit, in ihren maßvollen Gewohnheiten und hervorragend in ihrer Anhänglichkeit an ihre mosaischen Ideale. Die Juden sind das Volk mit dem reinsten Blute und der beftbegründeten Abstammung der Welt. Weder Mirabeau hat in der französischen Convention, noch Patrick Henry oder Sam Adams hat in den ältesten Zeiten über unsere Colonie jemals ein erhabeneres Wort gesagt, als Disraeli dies im Unterhause that, indem er den Vorwurf, daß er ein Jude sei, mit den Worten zurückwies: „Ja, ich bin ein Jude! Aber als die Vorfahren der Herren Abgeordneten noch als wilde Barbaren auf einem unbekannten Eiland hausten, waren die meinigen bereits Priester des einzigen GotteS im Tempel zu Jerusalem." Es ist ein gehässiges, falsches Christcnthum. welches die Juden haßt. Wir singen jüdische Psalmen und fühlen uns gehoben durch die Poesie jüdischer Propheten. Und trotz alledem drehen wir Christen uns um und spotten über die Juden. Ich habe mit Lehrern der Philosophie Unterhaltungen gepflogen, welche von den Juden verächtlich sprachen und trotzdem mit Enthusiasmus Ideen lehrten, welche sie von Maimonides und Spinoza entnommen hatten, — seit den Tagen Platos mil Ausnahme von Kant die beiden größten Philosophen, und beide Juden. Ich habe gehört, wie Musiker die Juden verurteilten und sich dann Tag und Nacht abmühten mit dem Versuch, die Schönheiten vvn Meyerbcer zu interpretiren. Vor einiger Zeit plauderte ich mit einer begabten Schauspielerin und hörte, wie sie und ihr Gatte beide — natürlich im Vertrauen — die ganze Rasse der Juden auf's Schärfste verdammten, und doch würde jene Frau die Hälfte ihrer Jahre dafür geben, wenn sie nur jene Höhe erreichen könnte, auf welcher die große Königin der Tragödie, Rachel, sich mit so majestätischer Macht bewegte — und Rachel war eine Jüdin. Hier in Washington habe ich strebsame Politiker — wenn sie außerhalb dem Bereiche des Reporterstifts waren — die Juden verspotten hören, und doch war eS ein Jude, der viele Jahre lang als gewandter und kluger Präses dem nationalen Count« einer unserer größten politischen Parteien Vorstand. Der gescheiteste Mann in der südlichen Confederation war Judah P. Benjamin, ein Jude, und Chase verdankte einen großen Theil seines Erfolges bei Verwaltung unserer Staatsfinanzen während einer gefahrdrohenden Periode dem beständigen Rathe eines New-Aorker Juden. Daß man niemals einen jüdischen Spitzbuben oder Trunkenbold sieht, ist sprüchwörtlich, daß man nie einem jüdischen Bettler begegnet, notorisch, ebenso wie es eine statistisch feststehende

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