Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1892-03-24 · Heft 24 (24.3.1892) · page 7

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
33 (1892)
Issue
Heft 24 (24.3.1892)
Date
1892-03-24
Page
– (sequence 7)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2446951-2448218-2448243--33892-2481805
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

467 Duma, *) um Raths zu pflegen. Energische Schritte wurden unternommen und an den Minister deS Innern, sowie an den Gouverneur die dringende Aufforderung gerichtet, die Ruhe wieder herzustellen. Der Gouverneur erhielt eine entsprechende Weisung von Petersburg. Große Plakate folgenden Inhalts wurden allenthalben angeheftet: Die Nihilisten haben die Juden überfallen, viele ermordet und beraubt, eine Reihe von Häusern zerstört. Von nun an werde ich gegen jeden Unruhestifter mit Militärmacht einschreiten. Der Gouverneur. Als am nächsten Abend der Pöbel seine lustige Arbeit wieder beginnen wollte, fuhr Artillerie mit Kanonen auf, einige Regimenter Kosacken wurden in der Stadt vertheilt und schossen unter das Volk. Die Wuth des Pöbels war grenzenlos, nicht ganz ohne Berechtigung riefen die Leute: „Zuerst befiehlt man uns, die Juden zu plündern und hernach schießt man uns todt dafür." Das Volk leistete kräftigen Widerstand, einige Kosacken wurden getödtct und der Führer derselben, Oberst Kletschanowski, durch ein Steinwurf schwer verwundet. Die römisch-katholische und die protestantische Geistlichkeit sprach sich in den schärfsten Ausdrücken gegen jene Vorkommnisse aus und ließ durchblicken, wie wenig der griechisch-orthodoxe Glaube eine Religion der Liebe sei. Die russischen Papiere sanken fast auf die Hälfte ihres Nennwerthes. Die russischen Banken in den Städten, wo die Plünderungen stattgefunden, geriethen mit ihren Zahlungen in's Stocken, da ihnen indirect durch die Plünderer ein ungeheurer Schaden zugefügt worden war. Alle diese Vorgänge erregten großen Mißmuth in den höchsten Kreisen Petersburgs, man fing zu spät an, zu begreifen, wie unklug man gehandelt habe, und wie es in solchen Fällen zu gehen pflegt, richtete sich der ganze Unwille gegen die Ausführungswerkzeuge des schlechten Planes: die Feinde Iwans Alexandrowitschs, und das waren die meisten einflußreichen Leute in Petersburg, arbeiteten mit voller Macht gegen ihn, und versuchten die guten Beziehungen zwischen dem Czaren und ihm zu erschüttern. Der Protopope erhielt von der Synode den Befehl, so schnell als möglich nach Petersburg zurückzukehren. Die ganze Sache hatte auch für die Person des Kaisers eine große Unannehmlichkeit. Eine jüdische Deputation war vor ihm erschienen, um ihn um Schutz und Hilfe zu bitten und der Kaiser sagte hier aus, die Vorgänge seien von den Anar- *) Stadthaus. chisten ausgegangen. Europa aber, das die Vorfälle im helligen Rußland sehr wohl durchschaut hatte, bildete sich über diesen Ausspruch seine eigene Meinung, die den hohen Kreisen in Petersburg nicht verborgen blieb. Der Mißmuth über die stattgehabten Vorkommnisse stieg von Tag zu Tag. XIII. In der Nacht, in der die Judenkrawalle stattfanden, saß Iwan Alexandrowitsch in der vollen Uniform eines Gardelieutenants in dem Prunkzimmer jenes schönen Häuschens, das er eigens gemiethet und eingerichtet hatte, damit es von dem geraubten Mädchen bewohnt würde. Seine Spannung und seine Aufregung war auf das Höchste gestiegen, denn heute mußte es sich entscheiden, ob der lang vorbereitete und mit so vieler Mühe ln's Werk gesetzte Plan sein Ziel erreichen würde. Iwan Alexandrowitsch war seit einer Reihe von Monaten nicht mehr gewohnt, daß irgend ein persönlicher Wunsch ihm versagt blieb und daß sich diese Jüdin seinem Willen so lange entzog, das steigerte seine Leidenschaft zur Maßlosigkeit; es wurde ihm schier zur fixen Idee, daß er sein Vorhaben erreichen müsse, jeder Augenblick, in dem die Erfüllung desselben ihm versagt blieb, wurde ihm zur Höllenqual, die Marter des Wartens, die der Jüngling, der sich so ganz von seinen Leidenschaften beherrschen ließ, hier erduldete, war kaum geringer, als das Leid, das so mancher Jude in demselben Augenblick ertragen mußte. Die Unruhen in der Stadt hatten schon vor länger als einer halben Stunde begonnen, längst schon hatte Iwan erwartet, daß Kolascheff kommen und ihm die ersehnte Beute zuführen würde, er hatte Späher ausgeschickt, die ihm berichten sollten, wenn der Brautzug sich nahte, doch Minute auf Minute verging, das Tosen und Schreien in der Stadt stieg immer höher, doch Niemand kam zu ihm, der hier in seiner Einsamkeit wartete, keiner der ausgesandten Boten kehrte zurück, keine Nachricht kam von Kolascheff, nicht einmal durch einen Abgesandten ließ er ihm mittheilen, daß das heißersehnte Ziel endlich errungen wäre. Wie ein gefangener Löwe im Käfig, rannte Iwan im Zimmer umher, die Aufgeregtheit seiner Seele theilte sich allen seinen Gliedern mit, keinen Augenblick vermochte er in Ruhe zu verbleiben. „Sie kommen nicht, noch immer nicht." Der Kammerdiener, der bekümmert den Zustand seines Herrn wahrnahm, suchte ihn zu trösten und wollte ihm Vorhalten, daß Kolascheff vielleicht durch das angesammelte Volk, das den Zugang der Straßen sperrte, gehindert würde, schneller zu kommen, doch Iwan jagte ihn mit Scheltworten von dannen.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.