Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 33 (1892)
- Issue
- Heft 23 (21.3.1892)
- Date
- 1892-03-21
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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454 reits bewährt und vielen Segen gestiftet hat, läßt sich nichts Neues sagen; über die vorliegende Neuauflage läßt sich aber berichten, daß sie als sorgfältig durchgesehene die Fehler der ersten berichtigt und in einer prächtigen Ausstattung erschienen ist, die dem Verleger um so größere Ehre macht, als er nicht dieses benutzt hat, den bescheidenen Preis von früher hinaufzusetzen. Zeitungsnachrichten und Correspondenzen. Deutschland. Frankfurt a. M, 18. März. Heute wurde Frau Adelheid Kulp eine der ältesten Frauen der hiesigen Gemeinde — sie stand im 92. Lebensjahre — zu Grabe getragen. Vor Kurzem konnten wir noch berichten, in wie überaus feierlicher Weise das 90. Wiegenfest dieser edlen, gerechten und frommen Dame begangen wurde und heute schon standen wir trauernd an ihrer Bahre. Es ist ein Stück der jüdischen Geschichte Frankfurt's, das mit Madame Kulp dahingegangen. In ihrer Jugendzeit sah sie die heilige und große Gemeinde ihrer Vaterstadt in voller Blüthe. Ein großes Band vereinigte alle Glaubensgenossen in Gottesfurcht und Gesetzesbethätigung, bedeutende Männer, große Talmudgelehrte leiteten die Menge auf die rechten Wege. In ihrem reiferen Alter begann der Abfall sein zersetzendes Werk, und es schien, als sollte vom Judenthum nichts übrig bleiben als ein anderen Culten entlehnter Tempeldienst. Da schaarten sich einige Gottbegeisterte Männer um einen genialen Führer, und neues Leben erblühte in Frankfurt für das wahre Judenthum. Frau Kulp nahm an der Seite ihres edlen, ihr lange vorausgegangenen Gatten an allen diesen Kämpfen den regsten Antheil, und am Abende ihres Lebens war es ihr vergönnt zu sehen, wie das anfangs kleine Häuflein der Gesetzestreuen immer mehr erstarkte und sich zu einer großen Kehillah entwickelte. Edel war die Dahingeschiedene, hülfreich und gut, unter ihrer Leitung und auf ihre Anregung fanden unter den wohlthätigen Frauen Frankfurts stets große Sammlungen für die verschiedensten guten Zwecke statt, allen derartigen Vereinen gehörte sie an, und die anonymen Geldsendungen, die Sie geehrter Herr Redacteur von Zeit zu Zeit in kleinen Umschlägen für die Armen des heiligen Landes erhielten, stammten von der nunmehr Entschlafenen. Im Trauerhause, sowohl wie auf dem Friedhofe wurden die Verdienste der Dahingeschiedenen, die eine große Reihe Kinder, Enkel undUrenkel hinterläßt in würdiger Weise hervorgehoben. Die Betheiligung an dem Leichenbegängnisse war eine überaus große. Möge es uns vergönnt sein, recht bald die Zeit zu erschauen, da Gott die Todten wieder belebet. Amen. Berlin, 19. März. Bei der dritten Lesung des Etats im Abgeordnetenhaus bringt bei dem Justizetat Wackerbart die Judenfrage (auf das Tapet, zu der jeder seine Meinung äußern und nicht stumm zusehen müsse , wie der Einfluß des Judenthums wachse. Redner bespricht eingehend den Tantener Knabenmord, bei dessen Untersuchung der semitische Einfluß unverkennbar sei; ferner den Fall Paasch, wo ein deutscher Mann aus nichtigen Gründen eingesperrt worden sei. Ritualmorde würden abgeleugnet, sie finden aber dennoch statt. Es geben Millionen Männer, welche es für eine große Ehre halten, das deutsche Volk gegen das jüdische zu vertheidigen. (Lebhafter Beifall bei den Konservativen.) Minister v. Schelling wundert sich, daß der Fall Buschoff nochmals hier erörtert werde. Der Thatbestand sei festgestellt; welche Schlüsse daraus zu ziehen, sei Sache der Gerichte, deren Unabhängigkeit er betonen müsse. Stöcker: Mir hat es ferngelegen, die Justizverwaltung allgemein als unter dem Einfluß des Judenthums hinzustellen; aber wo es sich um Juden handelt, werde der Eindruck erweckt , als ob die Gerichte befangen seien. Steht überdies der Richterstand außerhalb der Kontrole der Mitmenschen, daß einzelne auffallende Fälle nicht kritisirt werden dürfen? Regierungskommissar Lucas schildert ausführlich den Fall Paasch, bezüglich dessen es dem Justizminister außerordentlich gleichgiltig sei, ob das Vorgehen der Justizbehörde den Juden entspreche oder nicht. Ihr Leitstern sei lediglich die Pflicht und die Aufgabe, allen Staatsbürgern das Recht mit dem gleichen Maaße zuzumessen. (Bravo links.) Enneccerus (nat.-lib.) spricht seinen Abscheu aus über die Verdächtigungen Stöcker's und Genossen, die schließlich das Vertrauen auf die Justiz untergraben müßten. R i ck e r t (frcis.) weist in längerer Ausführung die Angriffe der Vorredner gegen die Justiz zurück. Er bedauert, daß die große konservative Fraktion Beifall klatschte und nicht gegen Wackerbart und Stöcker protestire. Simon v. Zastrow (konf.) : Wenn die konservative Fraktion zu einzelnen Fragen eine verschiedene Stellung einnimmt, so ist sie doch einig und identifizirt sich mit den Auslassungen einzelner Mitglieder durchaus nicht. Virchow (freist): Diese Entschuldigung könne man nicht gelten lassen. Die Konservativen seien schon durch den Beifall, den sie solchen Antisemiten