Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 33 (1892)
- Issue
- Heft 20 (10.3.1892)
- Date
- 1892-03-10
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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XXXIII. Jahrgang. Erste Beilage ju M 20 des „Israelit“. Leitender Artikel. Die Waßrljeit siegt. Roman in zwei Theilen von Michael Singer. Mit einer Vorrede von Dr. Adolf Sil berste i n. (Budapest, Karl Grill's Hofbuchhandlung.) Ein junger Christ liebt eine fromme Jüdin; der Conflict wird in zwei Bänden gelöst, indem sich (vergleiche Lessings Nathan) das Mädchen nur als die Ziehtochter des Juden herausstellt und also kann sie nach Herrn Singer ihren Geliebten glattweg heirathen, als ob Glaube nur ein Geburtsrecht wäre. Unzählige Mal ist diese Fabel behandelt worden, aber das müssen wir gebührend anerkennen, wohl selten mit solcher Oberflächlichkeit und Ungeschicklichkeit als von Herrn Michael Singer. Der criminalistische Vorgang, der um die Liebesgeschichte herumspukt und dem das Buch den Titel verdankt, ist nicht minder schülerhaft gezeichnet. Dabei ist das ganze Buch voll der köstlichsten Stilblüthen, die dem Zwerchfell jedes Lesers gefährlich werden können. Hätte diese Zeitschrift eine humoristische Ecke, so würde ich Vieles bringen können, so aber mußte ich mich mit einer Auslese der ersten Seiten begnügen. Der Roman beginnt mit Seite ll; schon S. 12 „setzte er sich un d lebte seinen Gedanken," S. 13 „spornte er seine müden Beine. Seite 26 aber lesen wir: „Das Dunkel, das ihren Geist 11111 nachtete, brachte entsetzliches Licht in die Seele...." Seite 36 „spuckt er mit wonnigem Behagen Galle von sich." Ihr armer Rezensent hätte gern mitgespien, aber nicht mit wonnigem Behagen. Das einzig Gute in dem Buche ist die Vorrede des Herrn Dr. Silberstein (Redakt. am Pester Lloyd); ne wäre sehr schön, wenn sie nicht vor diesem Buche stände. Herr Dr. S. sagt: Herr Michael Singer betritt als ein in sichFcrtiger die literarische Bühne. Dem können wir, im Interesse der Lesewclt, nur den Wunsch ansügen, daß er auch außer s i ch bald fertig sein möge. Zeitungsnachrichten und Correspondenze». Deutschland. Mainz, 6. März. Wir erhalten von hochgeschätzter Seite die Miltheilung, daß in vielen Zuckerfabriken bei der Bereitung des Zuckers Spiritus verwendet wird, und glauben wir schon deßhalb allein darauf Hinweisen zu müssen, daß man für den Gebrauch des Zuckers an Pesach recht vorsichtig sein möge und nur solchen Zucker verwende, über dessen Herstellung man von wirklich autoritativer Seite die Gewißheit erlangt hat, daß er ttwn dw H2 am hdd genossen werden darf. 0. Frankfurt a. M., 7. März. Gestern Abend fand im Verein Mekor Ehajim der letzte Literaturvortrag des Winterhalbjahres statt, und dies bot Herrn Dr. Sulzbach Gelegenheit, nachdem er in formvollendeter Rede die Bedeutung der Tosaphisten dargelegt hatte, in einem Rückblick auf die Geschichte zu konstatiren, daß das Judenthum, trotz der Ungunst der Zeiten stets vorwärts strebend, alle politischen Hindernisse siegreich überstand, und daß weder Verleumdung noch Lüge die stets fortschreitende Entwicklung unserer Literatur zu hemmen vermochte. Diese Vorträge, die sich insbesondere seitens der Jugend eines zahlreichen und stets zunehmenden Besuches erfreuen, zeigen, wie durch die Kenntniß unserer Literatur die Freude am Judenthum erhöht wird, und gewiß bedarf es nur einer Anregung, daß auch die Realschule der isr. Religionsgesellschaft, in der ja unter der bewährten Leitung des Herrn Dir. Dr. Hirsch alle Zweige jüdischen Wissens in mustergültiger Weise gelehrt werden, dieser Wissenschaft — wenigstens in den obersten Klassen — einen Platz einräumt. Berlin, 3. März. Nach Mittheilnngen aus Myslowitz sind dort sechzehn von den sechsundzwanzig russischen Juden, welche von F r i e d m a n n für M i d i a n angeworben worden, angelangt und mit dem Auswanderertransport nach Amerika befördert. Die übrigen noch lebenden neun Auswanderer sind in Triest im Lazareth untergebracht. Berlin, 3. März. Zn welchem Wahnwitz sich die Phantasie der Antisemiten versteigt, crgiebl sich uns folgender Schilderung der letzten Berliner Straßenkrawalle, welche die in Antisemitismus schwelgende „Kreuzztg." aus der „Neuen Deutschen Ztg.", einem Leipziger Antisemitenblatte, entnimmt: „Hier in Berlin konnte man am Donnerstag im Lustgarten, Unter den Linden u. s. w. auffallend viele ausländische Modejnden beobachten, welche, französisch parlirend, immer wieder da auftauchten, wo der Radau losgehen sollte. Unter anderen weilte auch hier ein bekannter französischer Sozialistenführer, ein Jntinius des berüchtigten