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Der Israelit · 1892-03-10 · Heft 20 (10.3.1892) · page 7

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Journal
Der Israelit
Volume
33 (1892)
Issue
Heft 20 (10.3.1892)
Date
1892-03-10
Page
– (sequence 7)
Language
German
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383 senkte, Tod und Verderben über die Juden der Stadt bringen würde. Ein Gefühl der Befriedigung beschlich den Fürsten, daß er wenigstens die Eine, die am schwersten Bedrohte, den Händen ihrer Verfolger entrissen hatte, und er rief dem Kutscher zu, schneller zu fahren. Polternd fuhr die Equipage des Fürsten in schnellstem Trabe über das holperige Pflaster der Straßen, zur Stadt hinaus und gelangte, nachdem schon tiefe Finsterniß herabgesunken war, vor das Lustschloß des Gouverneurs. Die Fenster desselben waren erleuchtet, die Tochter des Besitzers^war anwesend, und empfing mit eistger Kälte den jungen Reitknecht, den ihr Michail überbrachte. Auch von dort draußen konnte der heimfahrende Fürst das wüste Geheul vernehmen, das sich in den Straßen der Stadt erhoben, in denen eine betrunkene Menschenmenge umherwogte. Bald sollten sich dort Scenen abspielen, wie ste seit den rohesten Zeiten des finsteren Mittelalters Europa nicht mehr gesehen. XI. Die ganze Stadt war glänzend illuminirt, als ob ein hohes und freudenreiches Fest begangen werden sollte. An den Fenstern der meisten Häuser standen brennende Lichter vor Heiligenbildern und Kreuzen. Wie einst in Aegypten die Häuser der Juden bezeichnet waren, damit der Todesengel in der Nacht vorüberschreite, so machten durch jenen Schmuck die Rüsten ihre Wohnungen kenntlich, damit die durch die Straßen fluchende Wuth des Pöbels nicht auch ihnen Schaden bringe. Schreiend und johlend, hocherregt durch die Erwartung dessen, was nun eintreten sollte, zogen die Masten umher und schwollen bei jedem Schritte zu größerem Umfange an. Unter den fremden Bauern und dem einheimischen Pöbel ragten viele etwas besser gekleidete Männer hervor; das waren die Eisenbahnarbeiter, die aus der ganzen Umgebung herbeigeströmt kamen. Die Aufregung der Masse wuchs von Minute zu Minute, einige jüdische Schankläden waren bereits erstürmt worden und das Volk schürte durch Branntwein seinen Zorn. Hier und dort gab es ein lautes Gelächter. Man hatte irgend eine der festverschlossenen kleinen Verkaufsbuden, durch die sich viele arme Juden zu ernähren pflegten, erbrochen und theilte sich frohlockend in den Trödelkram. Alle Häuser waren verriegelt und verrammelt. Hier und da zog in gemächlichem Schritt eine militärische Patrouille auf, der das Volk gern einen Durchlaß gewährte. Wußte man ja, daß das Brüderchen Soldat dem Väterchen Bauer Nichts thun werde und daß die Bewaffneten nur ausgestellt waren, um Excesse gegen christliche Häuser zu verhindern. Die Patrouillen zogen an die Straßenecken, nahmen Gewehr bei Fuß und sahen gleichgiltig dem Treiben der Menge zu. Von Zeit zu Zeit fingen die Glocken der Kirchen ein abgebrochenes, dumpfes Sturmläuten an. Warum sie läuteten und woher hierzu der Auftrag gekommen, wer wußte es? Gewißlich hatten sich die Glöckner vorher ausgeschlafen, um wach zu bleiben in der blutigen Nacht. An einigen Stellen standen, auf Treppen, Steinen oder herbeigerollten Fässern die Führer der Banden und hielten glühende Reden an das Volk, in denen sie noch einmal kurz und schneidend alles das vorbrachten, wessen man die Juden anklagen konnte, oder was man gegen sie erlogen hatte. Laut und stürmisch war der Beilfall, den diese Volksredner erlangten. „Auf die Juden!" „Schlagt sie tot!" „Mordet sie l" war der vieltausendftimmig wiederholte Schluß dieser Aufrufe. Wie ein Tieger, der neckisch seine Beute umkreist, eh' er sich auf sie stürzt, sie zu verfleischen, durchzog die entsetzliche, brüllende Schaar die Gassen. Wann wird es angehen? An welchem Punkte sollte es beginnen? Die meisten der Plünderer waren zuerst im Podolvtertel *) gewesen, das am dichtesten von Juden bewohnt wird; dort waren schon allerlei schwere Ausschreitungen vorgekommen. Jetzt aber zog sich eine Schaar, wie von unsichtbaren Händen geleitet, in die Gegend der Lipki. Bor dem Hause des Alexander Chaimowitsch Horwitz sammelten sich die meisten Menschen. Dieses Haus schien wie ausgestorben; kein einziges der vielen Fenster war erleuchtet; kein lebendes Wesen war darin wahrzunehmen. Und in der That war die Dienerschaft zerstoben, selbst der alte Hausmeister und die Köchin, die in dem Dienste der Familie ergraut waren, zogen es, auf den Rath Alexei's hin, vor, sich jin die Wohnungen geringerer Leute zu begeben, die naturgemäß weniger der Habsucht des Pöbels ausgesetzt waren. Alexei und sein Weib verblieben allein in dem verödeten Gebäude. Das Haus war so groß und enthielt so viele Gemächer und Schlupfwinkel, daß es ein leichtes werden mußte, sich bei genügender Zeit und Vorbereitung so zu verbergen, daß kein Fremder das Versteck aufzufinden vermochte. Dies war um so eher möglich, da die Soldateneinquartirung kurz vor Beginn der zwei- *) Roggenmarkt.

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