Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 33 (1892)
- Issue
- Heft 18 (3.3.1892)
- Date
- 1892-03-03
- Page
- – (sequence 17)
- Language
- German
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XXX11I. Jahrgang. Zweite Beilage ju M 18 des Israelit? Literarische Umschau. Israelitische Haus- und Familieu-Chronik von Prediger Lion Wolfs. II. Auflage. Verlag Siegfried Cronbach, Berlin W. Von allen Tugenden Israels, die bekanntlich von unseren Gegnern abgeleugnet werden, gibt es eine hervorragende' Eigenschaft, die selbst den enragirtcsten Antisemiten Anerkennung abgerungen hat und der Israel seine Existenz und Fortentwickelung verdankt; das ist der Familiensinn. Die Feier, die Sabbate und Festtage, die Begehung der „Jahrzeiten" sind Beweise, daß der Familiensinn und die daraus resultirende Tugend der Pietät immer noch in ungeschwächter Kraft in unserer Milte herrscht. Auf diesen Familiensinn mit Glück spekulirend, hat der Verfasser, — der durch seine zahlreichen homiletischen rc. Schriften bekannte Prediger Lion Wolff — das vorliegende Werk vor Jahren herausgegeben und der Verleger, von gleichen Prinzipien beseelt, hat die neue, — um das dreifache vermehrte — Auflage geradezu verschwenderisch ausgcstattet. Der Verfasser sagt in der Einleitung : „Unsere Voreltern schrieben die wichtigsten Fa- „miliendaten: Geburten und Jahrzeiten in den „Mohelbüchern und auf Wimpeln, die in der Sy- „nagoge anfbewahrt wurden. Die Gebetbücher „gingen verloren, die Wimpeln verblaßten und die „heutige Generation kennt sehr wenig von der Fa- „milie; seüen weiß Jemand, wer sein Urgroßvater „gewesen und wo er gelebt." Das umfangreiche Werk in Hochquart auf Carton gedruckt, bildet ein wirkliches Tagebuch von der Wiege bis zum Grabe und enthält in acht Abheilungen u. A.: Allgemeine Familiennotizen, — Tagebuch vor der Verlobung, — der Brautstand, -r- Hochzeit, - das Familienhaus, — Stammbaum, — die Kinder, — Barmizwa, — Tod, — Jahrzeit — Gedenktag u. s. w. Jede Abtheilung ist mit einem besonderen Titelblatt, wahre Kunstwerke der modernen Typographie geschmückt und jedes Kapitel wird mit passenden Gedichten, Sinnsprüchen und Talmudsentenzen eingeleitet. Wer seinen erwachsenen Kindern zum Geburtstage oder zu Purim ein passendes Geschenk machen will, er wird dadurch schon in der Jugend den Sinn für Familientradition wecken und seinen Kindern ein Tagebuch geben, das durch die regelmäßige Eintragung einen dauernden unschätzbaren Werth erhält. Besonders empfehlen wir das schöne Werk, — das durch den Verleger, Herrn S. Cronbach, Berlin W., sowie durch jede Buchhandlung für 12 und 15 Mk. zu beziehen ist, — für Verlobte und Neuvermähle, sowie als Barmizwogeschenk. Der Herr Hofprediger hat gesagt. und Anderes. Moderne Zeitbilder von C. Berg. Berlin >892. Verlag Sie fried Cr onbach, Berlin. Preis M. 1.50. Der Herr Hofprediger hat gesagt! Was hat der brav.' Herr Pastor nicht Alles gesagt und wieder zurückgenommcn, weil er — sich geirrt. Aber wo er sich geirrt und was er — geflunkert, das ist zum Theil im Morastboden aufgegangen, der bekanntlich auch Ginster nerzeugt. — Im Reiche der Kinder begründe ich meine Herrlichkeit, — heißt cs, und das Wort ist dem gewissenhaften Pädagogen heilig geworden. Die Schule soll eine Pflegestätte der Religion und Sittlichkeit sein; Wahrheit und Menschenliebe soll darin gelehrt werden. Wenn die confcsnonslosen Schulen die verderbliche Saat, die aus den Worten: Der Herr u. s. w. entsprossen, aufkommen lassen, so begrüßen wir mit Freuden dos neue preußische Schulgesetz, das Confessional- Schulen fordert. — Die Erzählung ist ein kleines Drama aus einer höheren Töchterschule, ein Drama aus dem Leben, wie wir es fast täglich von unfern Kindern hören, die geneckt und gekränkt werden, weil sie Nachkommen derer sind, die einst am Sinai die Lehre vernommen: „Liebe deinen Nächsten, wie dich selbst, die so herrlich von vielen Verkündern des göttlichen Wortes nach dem Muster des Hofpredigers interpretirt wird. Es stimmt uns traurig das Zeitbild, doch siehe da, die zweite Erzählung zeigt uns dagegen das liebliche Bild einer frommen, züchtigen Hausfrau, die durch Anmuth und Energie ihren Gatten zur Beobachtung der religiösen Vorschrift bekehrt. Eine „Prinzessin Sabbat", die in ihrem Heim einen Gottcsaltar aufrichtet und das Haus ihres indifferenten Gatten zu einer Stätte der jüdischen Sitte umwandelt. Die letzte Erzählung „Der Renegat" behandelt wieder einen Stoff aus der Neuzeit, daß leider so mancher Studirte seinen Glauben abschwört, um Carriöre zu machen. Wir glauben den Helden der Erzählung zu kennen und hat er auch nicht im Wasser geendet, so ist doch das Leben eines, eben wegen seines Abfalls verspotteten und verachteten Menschen schlimmer als der Tod; es ist ein Selbstmord in der Stunde des Uebertritts und eine Qual für das ganze Leben. Wir können die vier Erzählungen nur warm empfehlen. —