Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 33 (1892)
- Issue
- Heft 14 (18.2.1892)
- Date
- 1892-02-18
- Page
- – (sequence 19)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2446951-2448218-2448233--33689-2481593- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
- Aleppo 1× ep/1047811
OCR text
275 Letzteres ist noch viel unwahrscheinlicher, als daß von jeher schon Israeliten in walachtschen Dörfern gewohnt haben sollen, aber der Herr Regierungspräsident will eben auch was für die Unsterblichkeit in der Nachwelt gethan haben und sucht nach dem „Vagabunden"-Vorwand, daher gerade die Jahre 1890—1891. In den Dörfern des Bezirkes Jassy, wo doch den letzten Sommer schon wiederholte Vertreibungen stattgefunden haben, werden noch Nachzügler — versteht sich, willkürlich — geschaffen. So erhielt der Mosche Erbiceanu in Berleschti, der im Dorfe Erbiceni geboren ist (daher sein Beiname), wo sein Vater viele Jahre wohnte, den Ausweisungsbefehl. In Ramnicani, Bezirk RLmnic-Szarat, ist es der Marcu Schmiel, welcher die Verfolgungswuth des Ortsschulzen wach hält, indem dieser auch die Frau des Ersteren mörderisch geschlagen hat. Auf Beschwerde hat das Ministerium des Inneren die Untersuchung der Sache angeordnet. Der Jancu Awram in MoivilitzL, Bezirk P u t n a, hat es mit dem Lrndrath seines Kreises (Unterpräfect Constantin GätzL) in höchsteigener Person zu thun. Es ist nämlich der niedrige Neid der Konkurrenz, welcher den Regierungsbeamten zur Verfolgung und Ruinirung des Schmiel ausstachelte. Dieser betrieb eine handwerksmäßige, kleine Spiritusfabrikation, durch welche er sich und seine Frau, sechs Kinder und seine Eltern schlecht und recht ernährte. Dies stach dem Unterpräfekten die Augen aus und er richtete sich ebenfalls einen „Kessel" ein. Damit aber seine Spekulation gelinge, muß natürlich „der jüdische Konkurrent" ausgewiesen werden, obwohl er im Dorfe geboren, bei der Rekrutirung gestanden, und Schmiel läuft seitdem bald zum Präfekten nach Fokschani, bald zum Minister nach Bukarest, die ihm wiederholt schriftliche Befehle an den Unterpräfekten, ihn in Ruhe zu lassen, mitgaben; aber es hat ihm bis jetzt nichts geholfen, denn sein Verfolger sagte ihm rund heraus, daß er sich um die Befehle nicht kümmert. So sorgen bei uns die Ober- und die Unterbeamteu dafür, daß die Judenjagd nicht ausstirbt. Rußland. Petersburg, im Febr. (Ein judenfreundltcher Mas.) Aus Rußland kommt die überraschende Kunde von einem merkwürdigen kaiserlichen Ukas, mittels dessen der Czar die verschärfte Ahndung aller Pöbelexcesse wider die jüdische Bevölkerung seines Reiches anordnet. Dieser Ukas muß geradezu verblüffend wirken; denn dieselbe Gewalt, welche gestern noch die grausamsten Ausnahmegesetze gegen die Juden erlassen und an denselben trotz der einhelligen Entrüstungskundgebung der gelammten gesitteten Welt feftgehalten hat, will jetzt plötzlich für den Schutz der Juden eintreten. Man fragt nach der Erklärung dieses unerwarteten Gesinnungswechsels. Die Annahme liegt nahe, daß es sich hier um einen russischen Pumpversuch handelt. Rußland braucht Geld, viel Geld, und die Franzosen scheinen eS müde zu sein, fortgesetzt finanzielle Opfer zu bringen. Man befürchtet russischerseits wohl nicht mit Unrecht, daß eine neue Anleihe ohne die Mithilfe Rothschilds nicht placirt werden könne. Da scheint man denn nun ander Newa wieder auf Rothschild zurückgreifen zu wollen, und der Ukas, der die judenfeindlichen Exceffe unter Androhung der schwersten Strafen verbietet, soll vermuthlich das Mittel sein, um den jüdischen Pariser Geldfürsten kirre zu machen. Vielleicht verfolgt man mit dem Erlaß noch weitere Zwecke. Die russischen Machthaber werden sich wohl sagen, der russische Pöbel werde, wenn ihn der Hunger zum Plündern und Morden antreibt, kaum an den Grenzen der jüdischer Häuser Halt machen, sondern sich mit gleichem Ungestüm auch auf die Herrenhöfe der Edelleute und auf die Wohnsitze der begüterten Bürger werfen. So wird man also überhaupt alle Exzesse gegen die Besitzenden treffen wollen. Syrien. In Syrien setzt die Cholera ihren unheilvollen Umzug fort. Nach Aleppo ist Damaskus an die Reihe gekommen. In dieser letzteren Stadt ist die jüdische Bevölkerung 8000 Seelen stark, von denen die sehr arme Majorität von der Hand in den Mund lebt. Die Quarantainemaßregeln, welche von der Behörde angeordnet wurden, haben jeden Verkehr nach außen gehindert, so daß alle Geschäftsverbindungen unterbrochen wurden. Nahezu tausend jüdische Familien, die nur von dem Kleinhandel mit den umliegenden Dörfern leben, sind urplötzlich in das tiefste Elend gestürzt worden. Das Central- Comite der „All. isr." kam diesen armen Leuten zu Hülfe; andererseits haben ihnen auch mehrere großmüthige Leute aus Paris und London Hilfsmittel geschickt. Die Summe der zu diesem Zweck nach Damaskus gesandten Gelder beträgt 11,000 Frs. Neuestens wird berichtet, daß die Cholera auS Damaskus geschwunden sei, die Quarantaine aufgehoben, und die Israeliten der Stadt ihre Geschäfte wieder aufnehmen können. vermischtes. Wien. Der Journalist, Herr Oswald Boxer, welcher in Brasilien für die geplante Colonisation ruff. Juden thätig war, ist in Rio Janeiro plötzlich am gelben Fieber gestorben.