Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 33 (1892)
- Issue
- Heft 13 (15.2.1892)
- Date
- 1892-02-15
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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XXXE1I. Jahrgang Beilage ju M 13 des „Israelit“. Leitender Artikel. per Knaöenmord in Ianten vor dem Abgeordnetenhaus des preußischen Landtags. (Schluß.) Abg. Munckel (freif.): Das Drängen der Volksversammlungen ist verwerflich, weil die Versammlungen einschließlich ihrer Führer die Dinge nicht kennen. Man kann nur dankbar sein, daß das Drängen der Volksversammlungen keine Wirkung gehabt hat. Erfreulich war mir aus den Aeutzerungen des Abg. Stöcker, daß wir vom sogen. Ritualmord künftig nichts mehr hören werden. Ich hoffe, Herr Stöcker halt Wort. Er hat auch seinerseits in Volksversammlungen u. s. w. das Wort nicht in den Mund genommen, aber ganz frei von Gedanken an Ritualmord scheint er mir nicht zu sein, da er die Sache von Bernstein hier wieder aufgewärmt und Zweifel an seiner Unzurechnungsfähigkeit geäußert hat. Diese Zweifel an der Unparteilichkeit unserer Justiz sind jetzt ungerechtfertigt, und wenn er meint, daß man das Ministerium v. Schelling dereinst als ein Judenministerium bezeichnen würde, so täuscht er sich, lieber ein Uebermaß an jüdischen Richtern habe ich außer Herrn Stöcker noch Niemand klagen hören. (Widerspruch rechts). Begründeter wird die Klage dadurch nicht, daß die Herren im Chorus sich anschließen. Man bildet sich ein, wenn dem Juden nicht Unrecht geschieht, dann sei ihm schon zu viel Recht geschehen. Wenn bei irgend einem Verbrechen der Thäter ein Jude sein soll, dann ist seine Schuld schon von vornherein festgestellt, in den Volksversammlungen des Herrn Stöcker natürlich (Heiterkeit links), aber nicht in unserer Justiz, und für das Verbrechen eines Einzelnen wird gern die Gesammtheit der Juden verantwortlich gemacht. Was solle daraus werden, wenn man für Alles, was Herr Stöcker sagt, sämmtliche Christen verantwortlich machen wollte? Das wäre ja entsetzlich! (Heiterkeit links). Im Uebrigen hat die Statistik die geringe Kriminalität der Juden längst nachgewiesen mit Ausnahme der Fälle des betrügerischen Bankerotts u. dergl., woran sie naturgemäß, als meist dem Handelsgewerbe angeyörig, stärker betheiligt sind. Ich erinnere an die Vorgänge in China. Die Chinesen spielen dort jetzt dieselbe Rolle, wie bei uns die Antisemiten und ich glaube, sie stehen auch auf demselben Standpunkt. (Heiterkeit links). Abg. Fritz en-Rees (Centr.): Der Xantener Mord hat eine große Beunruhigung in der dortigen Gegend hervorgerusen. Ich will aus die Einzelheiten nicht so weit eingehen, wie Herr Rickert, zumal der Juftizminister mitgetheilt hat, daß Buschoff wiederum verhaftet ist. Ich werde nunmehr abwarten, was die Gerichte entscheiden; ich habe eine Hoffnung, daß nämlich das Gericht die Sache öffentlich verhandeln wird zur Beruhigung der Bevölkerung. Abg. Krause (nat.-lib.): Ich will ganz sachlich die Gerichtsverhältnisse kritisiren. nicht in der ganz unsachlichen und ungerechtfertigten Weise wie Herr Stöcker es gethan hat, die von allen Parteien energisch zurückgewiesen werden muß. Ich identifizire Herrn Stöcker nicht mit der konservativen Partei. Denn, wenn es wahr wäre, daß eine öffentliche Bewegung erst nothwendig war, so befänden wir uns in einer sehr schiefen Ebene. Wenn die Antisemiten aus der Schandliteratur etwas Vorbringen gegen einen Juden, dann kann man doch durchaus nicht erwarten, daß die Justizverwaltung dagegen einschreiten soll; das muß man doch den betreffenden Privatpersonen überlaffen. Hier handelt es sich nicht um eine Parteifrage, nicht um PhilosemitismuS, sondern darum, ob ein so schwerer Vorwurf hier im Hause der Justiz gemacht werden darf. Abg. Rickert (freist): Den Abg. Fritzen wollte ich nur vertheidigen gegen die in einer Broschüre enthaltene Bemerkung, daß Abg. Fritzen den Minister wegen der Xantener Mordes zu interpelliren vorhabe. Im Uebrigen habe ich in Bezug auf den Gang der gerichtlichen Untersuchung in diesem Falle nicht vorgegriffen, während Abg. Fritzen ihr eine bestimmte Richtung vorwies und die Richter dadurch in gewiffem Grade kaptivirte. Bon einem Richter finde ich da» auffällig. Dem Herrn Minister bin ich um so mehr für seine Erwiderung bezüglich des Xantener Mordes dankbar, als es für den Chef der Justizverwaltung sehr schwer ist, über eine schwebende Sache sich so zu äußern, daß der ordentliche Gang der Gerichte dadurch nicht beeinflußt wird. Beim Abg. Fritzen war es mir erstaunlich, daß er für da» Moment des rituellen Mordes kein Wort übrig hatte, lebte Abg. Windthorst noch, so würde er sich wohl dagegen und besonders gegen die Art wenden, in der auch die „Germania" von dem rituellen Mord spricht. Bezüglich des Abg. Stöcker ist den sachlichen Ausführungen des Herrn Ministers eigentlich wenig anzufügen. Schlag für Schlag führte er ihm ruhig die Thatsachen dicht vor die Augen, damit er sie endlich einmal sehen kann. Ich bedauere, daß auf jener Seite Niemand außer dem Abg. Stöcker sprach. Das Vertrauen des Abg. Krause, daß von den Konservativen Niemand den Ansichten des Abg. Stöcker zustimme, kann ich leider nicht theilen. Wie denken die Juristen drüben über die Stellung des Abg. Stöcker zur Justizverwaltung? Die Unterstellung des Abg. Stöcker, daß der Minister sich einer Volksversammlung gebeugt habe, ist eine Beleidigung, die sie in anderen Fällen auch nicht einmal einem Landrath gegenüber dulden würde. Bezeichnend für die christliche Liebe de» Abg. Stöcker ist es, daß er es für eine Schmach bezeichnet, daß sich Christen fänden, die zur Vertheidigung der Juden bereit sind, und meinte, ich vertheidigte die Juden gegen meine beffere Ueberzeugung: um so etwas sagen zu können, mutz man wirklich viel Courage haben. Wir vertheidigen die Juden, weil uns dies eine GewissenSpfiicht ist, au» einem Motiv, daß auch Sie zur Judenvertheidigung antreiben müßte, wenn Sie christliche Liebe im Herzen trügen. DaS Urtheil des Abg. Stöcker ist uns gleichgültig, jedenfalls ist es ehrenvoller, die Juden zu vertheidigen, als sie so anzugreifen, wie er es thut. (Beifall links.) Abg. Stöcker (kons.): Wenn Abg. Rickert seine Stellung zum Judenthum aus Gewiffensüberzeugung einnimmt, so beneide ich ihn um sein Gewissen nicht. Eine auf dem Fundament des Christeurhums beruhende Meinung habe ich in den 15 Jahren, in denen ich mit ihm verkehre, bei ihm noch nicht gefunden. Was unsere angebliche Vertheidigung der antisemitischen Schandliteratur anlangt, so vertheidige ich christliche Schandliteratur niemals, Sie drüben aber vertheidigen jede Schandliteratur, sobald sie nur mit Juden zusammenhängt. Die Bemerkung des Herrn Ministers, es sei am ersten Tage der Untersuchung bei Buschoff Haussuchung gehalten worden, stimmt nicht: Nach meiner, von einer amtlichen Person ansgehenden Information, ist, während der Mord am 24. Juni geschah, die erste Untersuchung am Thalort überhaupt erst am 4. Juli vorgenommen worden. Auch sagte ich nicht, wie der Herr Minister meinte, wo es sich um Juden handle, sei die Justiz nachsichtig, sondern ich stellte dies nur als die Auffassung weiterer Volkskreise hin, das meiner eigenen Ansicht conträr entgegengesetzt