Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 33 (1892)
- Issue
- Heft 13 (15.2.1892)
- Date
- 1892-02-15
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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247 „Dcs Menschen Höchstes ist die Liebe, was aber heißt Liebe? Lieben sollen wir nicht nur einen Menschen, sondern alle Menschen und als dem Schöpfer und Allumfasser der ganzen Welt, gilt die höchste Liebe unserem Gotte! Selig werden nur diejenigen, die die richtige Erkenntniß haben, und deßhalb ist es unsere höchste Pflicht, sowohl gegen Gott als auch gegen die Menschen, alle Seine Kinder, die sich von Ihm verirrten, Ihm wieder zuzuführen. Das ist mein Streben, das ist mein Zweck und das Ideal meines Daseins, und Du, mein Kind, Du bist, wie ich hoffe, von ganz dem gleichen Wunsche beseelt, den ein Jeder in der Welt haben muß, der gut ist und fromm." „Gewiß, ich bin beseelt", entgegnete Iwan, „es gibt kein größeres Vergnügen, als die Leute zur griechisch-orthodoxen Kirche zu bekehren." „Sagen wir statt Vergnügen lieber Verdienst und Freude," erwiederte der Priester „und dann Haft Du das Richtige erkannt. Von demselben Sinne wie wir, ist auch unser erhabener Herr, der Kaiser, erfüllt. Ihn aber muß neben der Sorge für die Seelen seiner Unterthanen auch die für ihres Leibes Wohlsein beschäftigen. Es leiden nun manche Landeskinder, wie Du weißt, an einem schauderhaften Aussatze, dem Nihilismus, der für die Seele wie für den Körper gleich verderblich ist. lind da es Gottes Wille ist, daß Alles, was hoch stehet, am leichtesten seinem Zorne sich darbietet, so hat er es gefügt, daß auch ein Thetl unseres höchsten Adels von dieser scheußlichen Krankheit befallen wurde und mit seiner Religion sein Glück im Diesseits und Jenseits und seine richtigen Begriffe von Ehre und Vaterland verloren hat. Daneben aber sind es jene unseligen Menschen, die sich schon vor fast zweitausend Jahren mit der haarsträubenften Sünde befleckt haben, die je die Welt gesehen, es sind auch die Juden, die in übermäßiger Anzahl von dem Nihilismus ergriffen wurden und sogar bei den fluchbeladenen Mördern unseres hochsccligen Kaisers, die in der Hölle Aergcres zu erdulden haben werden als Mazeppa, der Landesverräther, den die Gemeinde am Feste der Rechtgläubigkeit vieltausendstimmig verflucht, *) nachdem ihr der würdige Archidiakon den Fluch vorgesprochen, auch unter diesen wahnsinnigen Teufeln befand sich eine Jüdin. *) Johann Mazeppa, russisch Iwan Stepanowitsch Masepa, geb- 1645. Ein polnischer Edelmann Falibowski überraschte ihn bei einem Liebesabenteuer, ließ ihn entkleidet und rückwärts liegend auf sein eigenes Pferd binden, und gab ihn seinem L-chicksal preis. Das Pferd brachte Masepa übel zugerichtet bis zu desien Gute. Er begab sich fliehend in die Ukraine, kund wurde Hetmann der Kosaken; auch gewann er das Vertrauen Peters des Großen, der ihn zum Fürsten der Ukraine erhob. Nach dem Frieden zu Altranstädt näherte Unser gnädigster Oberherr hat nun beschlossen, so weit es möglich ist, die Juden auszurotten, und obgleich ihm die Macht zu Gebot steht, sie Alle zu tödten, wenn er will, so hat er doch in seiner großen, erhabenen Liebe es für besser gehalten', die Schlechten zu Guten umzugestalten, als sie zu vernichten, denn der Herr im Himmel hat verkünden lassen, daß er den Tod der Frevler nicht will. Mir nun ist die erhabene Aufgabe zugefallen in diesem Gouvernement, das von alter Zeit her besonders heilig ist, da sich von dieser Stätte aus das Heil über ganz Rußland verbreitete, daß ich in dieser heiligen Stadt, die man „die Wiege des Glaubens unserer Vorfahren", und das „Jerusalem der russischen Lande" nennt, die wahre Religion verbreiten soll." „Welch' eine schöne Aufgabe!" rief Iwan, „aber was werdet Ihr thun, wenn die Juden starrköpfig und thöricht genug sind, der Wahrheit sich zu verschließen?" „Dann gibt es nur ein Heilmittel für sie, und das ist der Tod!" „Todtschlagen!" rief Iwan, „das ist richtig, das muß man thun!" „Wenn man zu diesem äußersten Mittel schreiten muß", entgegnete würdevoll der Abgesandte der Synode, „so wird man durch ihr fließendes Blut dem kranken Adel ein abschreckendes Beispiel geben, und ihm mit eisernem Griffel in das Gedächtniß schreiben, welche Macht der Kaiser noch besitzt. Wenn also die Juden durch ihr Dasein für Religion und Vaterland nicht nützlich werden können, so sollen sie es durch ihren Tod sein." „Ich bin ganz Euer Diener, heiliger Vater!" rief Iwan frohlockend, „wir wollen bekehren, und wenn das nicht gehen sollte, bestrafen." „Ich hoffe zu Gott, daß das Erstere ausführbar sein wird, denn was könnte es Schöneres geben, als einen Menschen seinem Wahn zu entreißen und ihn aus der Hölle der himmlischen Seligkeit zuzuführen, ihn auf dieser und jener Welt glücklich zu machen. Ein idealeres Werk der Liebe gibt es nicht auf Erden. Aber wenn wir selbst gezwungen sein sollten, einige von ihnen, die verstockt bleiben, zum Ruhme Gottes zu tödten, so thun wir auch das nur aus Liebe für sie, denn wie viel besser ist sich Masepa dem Könige Karl XU. von Schweden. Diese Ränke wurden Peter entdeckt, doch schickte der Czar beide Ankläger Masepa selbst zur Bestrafung zu, der sie hinrichten ließ. Als aber der Czar anderer Ueberzeugung wurde, erstürmte er die frühere Residenz Masepas, und ließ ihn im Bildniß aufhängen. Masepa wandte sich nun zu Karl XII. und nahm an dessen Zuge in die Ukraine theil. Nach der Niederlage bei Pultawa, flüchtete er mit Hem schwedischen Könige nach Bender, wo er am 22. Sept. 1710 durch Gift starb.