Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 33 (1892)
- Issue
- Heft 8 (28.1.1892)
- Date
- 1892-01-28
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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XXX11I. Jahrgang. Erste Beilage »i M 8 des „Israelit“. Leitender Artikel. Jüdische Sittenlehren über Christen. Von Dr. Adolf Blumenthal. *) Ratibor, 25. Januar. Die Kampfesmittel der antisemitischen Vaterlandsfeinde sind verschieden. Bald richten sie ihre Geschütze gegen die geschäftlichen Missethaten der Semiten, bald stürmen sie gegen die überhaupt nicht vorhandene thronuntergrabende Gesinnung der Fremdlinge an. Betrügt einmal ein Nichtjude, so heitzt es: „Der ist gar nicht Christ, das ist ein Jude!" und wird der Beweis erbracht, daß irgend ein Antisemitenhäuptling einst Sozialdemokrat gewesen, so constatirt sein Häuptlingscollege vor versammeltem Kriegsvolk, daß besagter Sozialdemokrat a. D. gar nicht sein „Parteigenosse", sondern höchstens sein „Gesinnungsgenosse" sei. Ist aber das ganze antisemitische Pulver verschossen und der blaue Dunst verflogen, dann greift man zu der Waffe, die zwar ein ganz ordinäres Caliber hat, die aber nie ihr Ziel verfehlt: man beschimpft die jüdische Religion, man lügt dem urtheilslosen Pöbel vor, der Talmud, der Schulchau-Aruch und die sonstigen nur für Juden bestimmten Schriften gebieten, den Christen zu bestehlen und zu betrügen, und das Geschoß schlägt ein und zündet. Mag auch die Volksseele vergiftet werden, mag auch die Drachensaat der Verleumdung zu blutiger Ernte reifen — was liegt daran! Mögen die Gerichte nachträglich den „rituellen Mord" auf Corfu als die bestellte Waare der Geschäftsantisemiten beglaubigen, inzwischen hat die Tendenzlüge unendliches Weh über zahllose Unschuldige gebracht; mag der Christenhaß der Rabbinen sich schließlich als blöder Wahnwitz entpuppen, inzwischen hat der Wahnwitz in den Köpfen der unteren Zehntausend seine Schuldigkeit gethan, und — „etwas bleibt immer hängen." Vor Jahren schrieb einmal der unrühmlichst bekannte Prager Professor Rohling in einer seiner Hetzschriften : „Wer mir irgend eine hebräische oder aramäische Schrift eines orthodoxen Rabbiners zeigt, die für jüdische Kreise bestimmt ist und die Lehre vorträgt, daß Nichtjuden als Menschen nach den Grundsätzen der Gerechtigkeit und Nächstenliebe, wie sie Moses lehrt, zu behandeln seien — dem setze ich 1000 Gulden aus." Die Wahrheitsliebe *) Sonderabdrücke dieses Aussatzes zur Verbreitung in nichtjüdischen Kreisen, stehen den geehrten Lesern des Israelit auf Verlangen kostenlos zur Verfügung. Nachoruck gestattet und erwünschteines Rohling hat schon längst Bankerott gemacht, aber wie die Hydra tausend Armer, so hat der des Meineides angeschuldigte Professor tausend geistige Söhne erhalten und so wenig ehrenvoll es auch oft erscheinen mag, mit diesen Leuten zu rechten, die angefeindete Wahrheit muß jederzeit Vorkämpfer auf dem Plane finden. Unwillkürlich denkt man an jenes Wort, wenn man die neueste Schrift des Wiener Rahbiners Dr. Güdemann über die „Quellenschriften zur Geschichte des Unterrichts und der Erziehung bei den deutschen Juden" durcdblättert. *) Es ist hier nicht der Ort, auf die hohe Bedeutung dieser werthvollen pädagogischen Quellenschrift hinzuweisen -- das mag einer anderen Feder Vorbehalten bleiben — nur die sittliche Seite der Schrift wollen wir kurz berühren. Diese Auszüge aus den Sittenschriften mittelalterlicher Gelehrter, diese Testamente, in denen hervorragende Weise ihren Söhnen eine Fülle von Weisheit und Tugend hinterlassen, sind ein ergreifendes Zeugniß von der sittlichen Erhabenheit jener Männer von ihrer Lebensauffassung. Diese Sprüche in ihrer Einfachheit uud stillen Größe erhebe» und beglücken uns; noch heute hat jedes dieser Sittenworte seine volle Giltigkeit, sie sind mit dem Griffel der Unsterblichkeit geschrieben. Ganz beiläufig fließen in diese Sentenzen auch Lehren über das Verhalten zu den Christen ein, Lehren, die zwar theilweise durch den Druck schon bekannt geworden, die uns aber in Güdemanns verdienstvoller Schrift von neuem mit Stolz erfüllen. Es dürfte vielleicht nicht überflüssig fein, wenige dieser Lehren, welche die Behauptung des Prager Professors und der modernen Hetzbolde schmählich Lügen strafen, einmal aneinanderzureihen. So schreibt Rabbi Jehuda den Samuel aus Regensburg in dem großen „Buche der Frommen" (13. Jahrhundert): „Wer auf Zins (wohlverstanden: nicht bloß Wucher) leiht, Geld beschneidet, Gewichte und Maß fälscht oder sonstwie betrügt, der jwird zu Grunde gehen - er, seine Kinder und alle die mit ihm verkehren, werden es büßen. Will einer Geld von dir borgen, es mag ein Jude oder Nichtsude sein und du willst ihm nicht leihen, weil du fürchtest um dein Geld zu kommen, so darfst du gleichwohl nicht sagen du habest keines, wenn dies nicht wahr ist." Rabbi Ascher ben Jech iel aus Deutschland (gest. 1327) schreibt in seinem Testament: „Sei aufrichtig und wahr gegen jedermann, auch gegen Nichtjuden; grüße jeden z uer st, ohne Unterschied des Glaubens!" **) Berlin, A. Hofmann 1891. 324 Seiten. L