Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 33 (1892)
- Issue
- Heft 7 (25.1.1892)
- Date
- 1892-01-25
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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XXXIII. Jahrgang. Erste Beilage;« M 7 des „Israelit^. Leitender Artikel. Hirsch und Grätz Ium Iahrzeitstage von Zlabbiner Hirsch am 27. Teweth von HÄnlein. I. Der vor einigen Monaten erfolgte Tod von Grätz gab uns — einem mich besuchenden Freunde und mir — Veranlassung, unsere Ansichten über beide Männer auszusprechen. Es war an einem Freitag Abend. Wir hatten aus dem Wege von der Synagoge nach Hause, uns so tief in unser Thema hineingeredet, daß wir auch zu Hause noch die Discussion fortsetzten, ohne uns gegenseitig überzeugen zu können. Wir hatten uns so viel zu sagen, so viel Material aus den zahlreichen Werken der beiden Männer für und gegen zu citiren, daß wir abbrachen mit dem Bewußtsein, fertig würden wir doch nicht und überzeugen würden wir uns gegenseitig noch weniger. Also, D*?tM j&i Dn. Die .st feinen hatten schon längst ihre Gebetbücher in Bereitschaft, um ihr Scholaum Alechem zu singen. Ihre Ungeduld, die sie erst durch Blicke, dann durch Räuspern und endlich durch einen eigenmächtigen Versuch auf eigene Faust das Sabbatlied anzufangen, in gar nicht mißzuverstehender Weise an den Tag legten, siegte endlich, wir singen an zu singen. Aber die Friedensengel, denen unser Sabbatgruß galt, wollten diesmal nicht kommen. Während die alten, trauten Weisen erklangen, wühlte ich mein ganzes Gedankeninventar durch, wie ich meinem Freund durch eine einzige kurze, packende Bemerkung, meine Ansicht über die beiden Männer darlegen konnte; ich fand nichts. Wahrheit und Dichtung, Sein und Schein, Hirsch und Grätz und noch eine Anzahl anderer Kraftworte, wirbelten mir durch den Sinn, aber ich fand nicht das rechte. Nach und nach fanden sich auch die durch unseren Streit eingeschüchterten Sabbatengel wieder ein, und als unser Lied und die ihm gewidmete Zimmerpromenade beendet war, und ich mich niedersetzte, um den crö^iyn im zu beten, waren wir alle wieder in der richtigen Sabbatstimmung und hatten das kleine Intermezzo vollständig vergessen, wenigstens für den Augenblick. Freilich diese Perle unserer Liturgie, die hat schon größere Wunder zu Wege gebracht, als den letzten, bitteren Satz eines Wortgeplänkels wegzuheben: Tie Innigkeit, die Kindlichkeit, die einfache, schlichte Größe, die da jedes Wort athmet, die kann man nicht beschreiben, nicht aussprechen, ja nicht einmal in ihrer unergründlichen Tiefe ganz Nachdenken und nachempfinden. .m^n jvw rootwn ihn D’ö^iyn bi im Meister aller Welten, Herr aller Seelen, Herr des Friedens! Was liegt doch alles in diesen Worten und was legt der denkende, fühlende Jude nicht in sie hinein, wenn sie sich ihm am Freitag Abend im Kreise seiner Lieben, aus dem bewegten Herzen über die betenden Lippen ringen. — Was er aber hineinhauchen, hineinsingen, hinetnlegen mag, alles Denken und Fühlen, alles Hoffen und Sehnen schmiegt und fügt sich den Worten an, und macht sie zum treuen Dollmetsch der neu geschenkten, zu ihrem Schöpfer aufjubelnden Sabbatseele. Meister aller Welten! Wenn jeder neue Sabbat ein Abglanz der kommenden Welt ist, dann ist jeder Freitag Abend die Weltscheide, in welcher unsere kleine, hastende, sich aufreibende Werktags-Welt und die große, einstige, ewige sich berühren, wo Zeitlichkeit und Ewigkeit sich die Hand reichen und Gott in der That als Meister aller Welten dem ahnenden Bewußtsein näher gebracht wird. In dem Wunder, wie der vor wenigen Minuten noch sorgende, schaffende, jagende Werktags-Geist, der heiteren, ruhenden, feiernden Sabbat- Seele weichen mußte, manifestirte sich Gott als Herr aller Seelen und als Herr des Friedens, der alle diese disparaten Gegensätze harmonisch ausgleicht. — Und wenn dann unser Gebet Gottes königliches Walten in einem ganzen Alphabet voll Attribute feiert, ihn zuerst als Ta* als die Schwungkraft besingt, die uns die Schwingen wachsen läßt, mit welcher wir uns von den Alltagssorgen losreißen, um uns zu der reinen, lichten, beglückenden Sabbathöhe emporzuschwingen, wie sich diese Schwungkraft an jedem einzelnen und an der großen jüdischen Gesammtheit bewährt, wie man ihre Fittige am Sabbat in der eigenen Brust sich regen glaubt, und welche Beruhigung darin liegt, daß dieses Bewußtsein kein schwärmerischer Wahn, daß es das Gottesangebinde ist, mit dem e r die zu ihm sich emporringenden ausgestattet hat, wie — doch halt! Jetzt hatte ich's gesunden, was ich so lange emsig vorhin gesucht hatte. Nach Tisch nahm ich den ersten Band von Hirschs Pentateuch-Commentar und den ersten Band von Gräiz. Geschichte der Juden und zeigte nun meinem Freunde an einem Beispiel, wie sich Hirsch und Grätz für mich unterscheiden. Die Auf sassung ches^. Wortes tsk, wie sie eben angedeutet