Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 33 (1892)
- Issue
- Heft 6 (21.1.1892)
- Date
- 1892-01-21
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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XXXI11. Jahrgang. Erste Seilagr jtt J ö des „Israelit". Leitender Artikel. Zur Lage der Juden in Wußkand. Das von der Hungersnoth am stärksten betroffene Gouvernement S a r o t o w beherbergt auch die größte Anzahl von Nothleidenden. Seit Oktober hört man fast jeden Tag von Raubanfällen und Mordthaten. Tausende von Arbeitslosen und hungernden Bauern durchziehen die Gegend, und wo denselben nicht freiwillig Gaben verabreicht werden, dort rauben sie einfach, was sie finden. Eine Bande dieser nothleidenden Vaganten kam am 4. Januar, Nachmittags, in die Stadt S a m oz a n s k, wo sie vom Bürgermeister und den Stadtrathen energisch Unterstützung verlangten. Da die vom Zemstwo sowohl, als jene von der dortigen Abtheilung der russischen „Rothe Kreuz"-Gesellschaft gesammelten Vorräthe längst vertheilt waren, versuchte man die Hungernden mit der Aussicht auf die nächstens einlangenden Getreide- und Mehlsendungen zu vertrösten. Die Bande erfuhr jedoch, daß ein Eisenbahnzug mit Mehl und gebackenes Brot angekommen sei und nahm — verstärkt durch eine große Anzahl von ebenfalls hungernden Stadtbewohnern den Weg zum Bahnhof. Um die bevorstehende Plünderung des Zuges abzuwenden, verfielen mehrere Würdenträger der Stadt auf die Idee, die Aufmerksamkeit des Pöbels auf die Juden zu lenken. Plötzlich hieß es, die Juden hätten die meisten Nahrungsvorräthe, doch werden die letztern verborgen gehalten. Die Menge machte sofort Kehrt und stürzte mit den Rufen: „Juden, die Nahrung her!" gegen den Marktplatz, wo sich die meisten jüdischen Läden befinden. Ein Theil der Menge drang in die Werkstätte des reichen Kürschners M a i t r o w und begann dort die Maaren zu verschleppen. Binnen weniger Minuten war der Kürschner total ausgeplündert. Ein Trupp des Pöbels drang in die Nächstliegenden Läden, bemächtigte sich der Waaren und trug dieselben ins Freie. Was nicht mitgenommen werden konnte, wurde vernichtet; damit war die Wuth der Plünderer aber noch nicht gekühlt. Unter dem Rufen: „Her mit dem Essen!" stürmten die Räuber in die Privatwohnungen der Juden und begannen die Einrichtungsgegenstände zu zertrümmern. Alle Wohnräume wurden anfangs durchgesucht; da sich aber in den wenigsten Häusern mehr Brot oder Mehl vorfand, als zum eigenem Gebrauche der Hausleute nöthig war, riefen die Pflünderer: „Juden, Ihr habt uns gefoppt!" und begannen die Familienmitglieder zu mißhandlen. Frauen, Greise und Kinder wurden unbarmherzig aus den Wohnungen geworfen. Die Organe der Polizei ließen sich natürlich nirgends blicken und die Plünderer konnten ungestört wüthen. Die Menge hatte unterdessen mehrere Branntweinfäffer gefunden und ausgetrunken und fing an, die Häuser zu demoliren; mit Hacken und Beilen wurde darauf losgearbeitet, damit ja kein jüdisches Haus ganz bleibe. So wurden im Zeiträume von kaum anderthalb Stunden neunundfünfztg Judenhäuser zerstört. Während noch die Demolirungen vor sich gingen, hatten mehrere Mitglieder der Bande ungefähr 100 Stück geraubter Schwarzbrote neben einem Hause gelagert, um dieselben nach geschehener Arbeit zu vertheilen. Jüdische Frauen und Kinder, von denen die meisten selbst seit mehreren Tagen nichts gegessen, bemerkten die Brote und begannen dieselben mit Heißhunger zu verzehren. Kaum hatten die Plünderer davon erfahren, als sie herbeteilten und sich auf die Juden stürzten. Nun ereigneten sich furchtbare Szenen. Frauen und Kinder, die fast ebenso arm und vielleicht noch hungriger waren als die Räuber, wurden in unbeschreiblicher Weise mißhandelt. Aehnlich erging es im Orte Korzon des Gouvernements Pensa. Hier wurden die Gräuelszenen seit längerer Zeit vorbereitet. Ebenso wie in Saratow, hieß es auch da, die Juden seien im Besitze bedeutender Getrcidevorräthe und wollen dieselben an die Andersgläubigen nicht verkaufen. Am 5. Januar wurden die Judenhäuser geplündert und demolirt, wobei sich zahlreiche Schreckensszenen ereigneten. Vierundvierzig Häuser wurden gänzlich zerstört. Hunderte Familien sind obdachlos. Es wurde sogar der Versuch gemacht, das jüdische Gemeindehaus in die Luft zu sprengen. Eine mit Pulver gefüllte Kiste — das Material soll militärischer Provenienz sein — wurde unter die Einfahrt des Gemeindehauses gebracht und angezündet. Der Sprengstoff explodirte und beschädigte die vordere Seite des Hauses, ohne bedeutenden Schaden anzurichten. Auch da ließ sich die Polizei nicht sehen. Zeitungsnachrichten ttttb Correfponbenze«. Deutschland. Darmftabt, 17. Januar. Im Feuilleton des zweiten Morgenblattes der „Frkst. Zeitung" vom 13. d. M. fand sich eine Notiz („Elektrizität und Ritus"), fcie£in unseren Kreisen gewiß Jntereffe zu erregen geeignet ist. Dieselbe lautete: