Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 33 (1892)
- Issue
- Heft 6 (21.1.1892)
- Date
- 1892-01-21
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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SS 4"\ \/c$) KiS Der Hünffting des Gzaren. Eine Erzählung aus Rußland. Von Jon. Lehmann» vr. phil. (10. Fortsetzung.) VI. Fürst Michail hatte die Tochter des Gouverneurs um eine Unterredung unter vier Augen ersucht und war von Lydia ohne Zeugen empfangen worden. Der einfache, brave Mensch, der sich so gern seiner psychologischen Kenntnisse rühmte, war nicht wenig erstaunt, als er Alles, was er auf dem Herzen hatte, vorgetragen und damit gar keinen Eindruck auf die Fürstin hervorgerufen hatte. „Unschuldige Abenteuer!" erwiederte sie, „vielleicht auch ein ganz klein wenig Uebcrtreibung von ihm. Wie sollte man übrigens einer Jüdin mehr Glauben beimessen, als einem russischen Edelmanne? Gewiß hatte sie ihn gereizt, oder doch wenigstens auf sich aufmerksam zu machen gesucht. Dieses Volk ist zu Allem fähig, ein schmutziges, häßliches Volk!" Vergebens suchte Fürst Michail eine bessere Meinung von den Juden zu erwecken; es gelang ihm nicht. Lydia sah in der Jüdin Nichts, als die Nebenbuhlerin. Der Gouveneur erschien, mischte sich in das Gespräch und erzählte auch, daß im Aufträge der Petersburger Synode *) ein Großpope in die Stadt gekommen se^, der öffentliche Versammlungen ciuberufen und fromme Reden halten werde. Solche Männer würden nun durch dos ganze Land verschickt; denn der gegenwärtige Obcrprokurator der Synode sei ein gar heiliger Mann, dem Nichts verhaßter wäre, als Ketzerei. Auch den Juden sei er feindlich gesinnt und es wäre wohl anzunehmen, daß der verehrungswürdige Abgesandte der Synode auch gegen jene seine Reden richten werde. Der Gouveneur war auch der Meinung, daß es politisch gar Nichts schaden könnte, wenn man eine kleine Hetze gegen die Hebräer veranstaltete; denn erstens seien doch die Hebräer Juden und verdienten deshalb wohl verfolgt zu werden, und zweitens wären solche Arrangements immer dazu geeignet, den Vornehmen sowohl, als auch dem Volke einige Abwechslung zu bieten und die Leute zu verhindern, daß sie sich politischen Gedankenhängereien hingäben. Der Nihilismus spucke ohnedies wieder hie und da in den *) Oberste Behörde der griechisch-orthodoxen Kirche. Köpfen, namentlich auch in Hebräerköpfen und so könne eine weise Regierung zwei Wölfe auf einmal vernichten, indem sie dieselben sich gegenseitig auffreffen ließe. Fürst Michail, der dem Gouverneur nicht zu widersprechen wagte, besonders da er wußte, daß jener seine Meinung nicht sowohl aus Ueberzeugung als von Regierungs wegen habe, ging tief betrübt hinweg, Trauer um sein verlorenes Glück, noch mehr Trauer um die verlorene Menschheit im Herzen. Wai um liebte er die Für ft in Lydia? Warum war er gerade ihr so sehr zugetban, die doch in ihren Anschauungen und Gefühlen sich so weit von ihm entfernte? Er hätte sie Haffen mögen, heute besonders fühlte er ein inniges Verlangen darnach — und dennoch vermochte er es nicht. Vieles hatte er studirt und so manche Stunden hatte er nachgedacht über die Empfindungen der menschlichen Seele, und nun konnte er sich selbst nicht Rechenschaft geben über die Wünsche des eignen, seiner Meinung nach so thörichten, Herzens. Er hätte sich zürnen mögen, seiner ihm unbegreiflichen Liebe wegen, er bezeichnete sich selbst mit den ausgesuchtesten Scheltworten, er wiederholte sich unzählige Mal, wie gewöhnlich und allgemein das Gefühl der Liebe sei, daß es nicht ein bestimmtes Weib, sondern nur ein ihm entsprechendes Weib wäre, das der Mann erstrebt und daß er sicherlich viele solcher Frauen zu finden vermöchte, wie die Fürstin Lydia. Doch wie er auch sann und wie er sich abquälte, es war Alles vergebens, der Liebcspfeil stack in seinem Herzen und jedes Rütteln an demselben bohrte ihn nur noch tiefer in die Wunde. Vergrämt und still begab er sich zu dem Freunde, und er konnte sich eines Gefühles, das er für Neid halten mußte, nicht erwehren, als er des Glückes der beiden Liebenden ansichtig wurde. Für ihn, darüber konnte er sich nun nicht mehr täuschen, war dieses Glück unwiederbringlich dahin gegangen. — Als Fürst Michail das Haus des jüdischen Fabrikherrn betrat, fand er die ganze Familie nebst vielen entfernten Verwandten, die sich stets gern bei dem reichen Vetter sehen ließen, in der großen Halle versammelt, die in dem Hofraum des Hauses sich befand. Dieser von Holz erbaute Saal „Schalasch" genannt, war zu gesellschaftlichen Zwecken errichtet worden, doch Alexei Chaimowitsch benutzte ihn mehr, um die Armen der Stadt zu speisen oder zu verpflegen, als zur Abhaltung großer Festlichkeiten. Auch eben, als Michail den Raum betrat, bot sich ihm eine angenehme und wohlthuende Scene dar. Es war kurze Zeit vor dem israelitischen Osterfeste. Die armen Leute pflegen, um sich und ihre Kinder vor der strengen Kälte des Winters zu