Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 33 (1892)
- Issue
- Heft 5 (18.1.1892)
- Date
- 1892-01-18
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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XXXID. Jahrgang. Ai 5» Der Israelit. Ein Kentrat-Hrgan für das ortßodo-ee Iudenlhum. Begründet von Dr. Lehmann in Mainz. Montag, den 18. Januar 5652 (1892). Leitender Artikel. Iur Würdigung des SchulchanAruch. Von Bezirks-Rabbiner Dr Ehrmann in Baden (Schweiz). IV. Das besondere Schicksal, welches über den Büchern waltet, machte sich bei dem Schulchan Aruch schon vor seiner Entstehung geltend. Zwei gleichzeitig lebende große Männer hatten den Plan ein derartiges Werk zu verlassen, ohne daß der eine eine Ahnung von der Absicht des anderen hatte: RabbiJosef Karo zu Safet im heiligen Lande und Rabbi Mo sch eh Jsserles in Krakau. Jener kam diesem mit der Verwirklichung seiner Absicht zuvor, und letzterer vereinigte nunmehr sein Werk in Form eingeftreuter, ergänzender, bestätigender und abweichender Anmerkungen mit dem Schulchan Aruch und nannte es M a p p a h, d. i. Tafeltuch für die von Rabbi Josef Karo hergerichtete Tafel. Diese Anmerkungen sind in sämmtlichen Ausgaben des Schulchan Aruch dem Texte einverleibt, so daß beide Werke ein vereinigtes Ganzes bilden, wenn die einzelnen Thetle auch kenntlich von einander geschieden sind. Sofort dem ersten Paragraphen ist die am Schluß des vorigen Artikels erwähnte Anmerkung beigefügt. Der nun folgende von dem Wortlaut des Schulchan Aruch nicht abhängige, selbstständige Theil, der zwischen den Paragraphen 1 und 3 eingcfügt ist, beginnt mit dem Psalmwort (16. 8): Ton ni:b 'n wir „Ich stelle mir Gott beständig gegenüber", und knüpft daran die Bemerkung: am 'Kn ’JD1? ivh o’pnx ntyoai miro. „Das ist ein großer Grundsatz der Thora und des stufenweisen Aufwärtsstrebens derjenigen Gerechten, die vor Gott wandeln." Man kann wohl sagen, der Satz: „Ich stelle mir Gott beständig vor," enthält das ganze Programm, ja repräsentirt den ganzen Inhalt des Schulchan Aruch in uuee. Gott und das Bewußtsein von ihm, nicht aus den Augen zu verlieren, ist ja der einzige Zweck aller hier aufgeführten Verzweigungen des ganzen jüdischen Pflichtenlebens, mit welchem die es regelnden göttlichen Satzungen zahlreich wie die Tage des Jahres und die Glieder des menschlichen Körpers verwoben sind. — Der Schulchan Aruch Orach Chajim schließt mit den Worten Tan nnro zb wen „Ein gutes Herz hat beständig Feiertag." (Mischle 15, 15.) Es soll uns damit vielleicht auch äußerlich veranschaulicht werden, daß die gewissenhafte Beobachtung der uns hier vorgeschriebenen Pflichten, nicht zu Engherzigkeit, Förmlichkeit und griesgrämiger Askese führten, sondern eine beglückende heitere Herzens- und Seelenstimmung zur Folge hat, welche jeden Tag unseres gewöhnlichen Werktaglebens mit festtägigem Glanze verklärt. Das sind die ,1102 p'on 'ir, die beiden feststehenden Pole, die zwei „beständigen" Punkte, zwischen welchen unser „Pfad des Lebens" liegt, der mit Ton /-i mir beginnt, um mit 2b wv Ton nnro zu enden. Beständig Gott vor Augen zu haben, auf jedem Schritt und Tritt, bei allem Thun und Lassen, beim Reden und Schweigen, Genießen und Versagen, im Leben und im Tode selbst, das ist in der That die große Norm für die Thora, für ihre Aneignung und die Verwirklichung ihrer Lehren und Satzungen. Nur dieser beständige Hinblick aus Gott hat dem Gottesvolk den Muth und die Ausdauer verliehen, das Gotteswort durch die Welt, durch die Jahrtausende so lange zu tragen, bis sich ihm einst die Geister und die Gemüther der gesummten Menschheit öffnen werden. Wo hätten die Träger der Thora, ohne diesen beständigen Hinblick auf Gott auch die Kraft und die Zuversicht hergenommen, das Vorurthetl und den Haß, die Aechtung und Verfolgung einer ganzen Welt zu ertragen, die ihnen gerade diese Trägerschaft allezeit etnbrachte und einbringi! Der Gedanke an Gott hat ein ganzes Volk, hat besonders