Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 33 (1892)
- Issue
- Heft 4 (14.1.1892)
- Date
- 1892-01-14
- Page
- – (sequence 18)
- Language
- German
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74 -£» vermischtes. °4- Mainz, 0. Januar. Auch hier hat sich au» augeseheueu Bürgern der Stadl ohne Ansehen der Partei und aus den Geistlichen aller Konfessionen ein (5omitd zur Unterstützung der bedrängten russischen Inden gebildet. An der Spitze de» Ausrufs sind der Oberbürgermeister Tr. Oechsner und die Beigeordneten verzeichnet. .ttülsheim i. B., 13. Xc'v Heute starb plötzlich Herr Moses Held von hier im Alter von 60 Jahren. Wahrhafte nngehcnchcltc Frömmigkeit, Biederkeit des Charakters, Freundlichkeit, Friedensliebe, (Geradheit der Gesinnung und strenge Gerechtigkeit sowie echte Menschenliebe zählten zu seinen Tugenden. Bei Allen, die ihn kannten, bei Inden und Nichtjnden, stand er in Hohem Ansehen. Seinen Hindern gab er eine mnstcrbaste religiöse Erziehung, und Harke er da» hohe Glück, dieselben in seinem Sinne heranwachsen zu sehen. Wien. Ter Minister für Enluis und Unterricht hat in Ansiührnng der 3 und 4 des Gesetzes vom 21. März 1*90 betreffend die Regelung der äußeren Rcchtsverhältniftc der israelitischen Religions-Gesellschaft am 4. d. eine Verordnung erlassen, welche die Feststellung und Abgrenzung der israelitischen Cnltns-Gemcinde- Sprengel in Rieder-Oesterreich betrifft. Rach der Verordnung haben in Rieder-Oesterreich künftig 13 israelitische Cnltnsgemeinden zn bestehen. Tie israelitische Cultnsgemeinde Wien nmsastt das ganze erweiterte Gemeindegebiet. Budapest, 21. Tcz. Tie Wiltwe des gefeierten Staatsmannes Grasen Julius And ras sh hat der jüdischen Gemeinde in M.-Hndas ein Grundstück zn dein Bau einer Synagoge geschenkt. Im „Choreb-Verein" in Ung.-Brod hielt am 2<s. Tezcmber Herr Rabbiner Tr. Ri. Grünwald ans Inngbnnzlan einen mit grostem Beifall ansgenommenen Bortrag „über die Ethik des Talmud". Feuilleton. Die Schindmähre. Ein Allegorie. Bearbeitet und ins Deutsche übertragen von S. H o r o W i tz. (Schluß.) „Ich will nur das gesagt haben," fuhr die Schindmähre fort, „daß jeder mit seinen physischen Bedürfnissen zur Welt kommt, und deßhalb kann er von derselben deren Befriedigung verlangen. Essen, Trinken und freie Bewegung sind Lebensbedingungen und deßhalb kann diese niemand verkümmern, und wem man dies vorenthält, dem hemmt man den Lauf der Natur. Die verfeinerten Bedürfnisse hingegen, die der fortschreitenden Cultur, entwickeln sich bei dem Individuum nicht gleichmäßig und auch nicht mit einer Elementargewalt, sondern im Verhältniß wie das Wesen an dieser Cultur theilnimmt und auf sich einwirken läßt, weßhalb die verfeinerten Genüsse nicht für jeden in gleicher Fülle zur Verfügung stehen können, jene Bedürfnisse aber, die mit dem Geschöpfe zur Welt kommen, müssen befriedigt werden, und darf man niemandem die Mittel hierzu benehmen. Und da wir schon einmal bei der Sache sind, muß ich Dir gestehen, daß ich Dein Mitleid oder Barmherzigkeit gar nicht beanspruche! Nicht deßhalb sollst Du mich von'Quälereien befreien, daß man mir gestatte mein nacktes Leben zu fristen, weil das Erbarmen es diktirt; meine Existenzberechtigung stütze ich auch nicht auf den Grad meiner Nützlichkeit; das ist eine alte abgedroschene Leier. Gewöhnlich beginnt's bei der Menschlichkeit, beim Mitleid, dann, wie das erste Gefühl verraucht, wird man praktischer und der Utilitarismus und die Nützlichkeit mengt sich in» Spiel. Erft zuletzt, wenn das Verständniß der Natur und der Naturerzeugnisse zum Durchbruche kommt, dann erst macht sich der Wahrheit»- und Gerechtigkeitssinn geltend, lind so will ich weder von Humanität noch Utilitarismus wissen, sondern verlange Gerechtigkeit. Ich bin wie alle andere lebendigen Geschöpfe und besitze dieselben Rechte; ich will meine Existenz nicht der Barmherzigkeit zu verdanken haben, denn das hieße ja mich meine angeborenen Rechte entäußern und um jemands Gnade betteln, während ich fordern kann, daß mir Subsistenzmittel gewährt werden. Ich kann auch das Nützlichkeitssystem nicht gelten lassen. Denn das hieße, ich sei das Mittel, um Jemandem zum Ziele zu verhelfen und daß ich eigentlich sonst nichts von der Welt beauspruchen dürfe. Ich will aber allen anderen gleich gestellt sein, weil ich eben für mich erschaffen worden bin, verstehst Du mich, mein barmherziger Herr 'i Auf Euer Humanitätsgefühl und Euren Nützlichkeitssinn kann ich mich nicht verlassen. Du kannst morgen in schlechte Laune gerathen, denn auch ich kann die geforderten Dienste nicht ganz leisten, somit wird meiner Existenzberechtigung in Deinen Augen der Grund und Boden entzogen und ich schwebe dann haltlos im leeren Luftraum! Wenn wir aber als Basis die Gerechtigkeit annehmen, dann ist auch meine materielle Existenz gesichert, und da ich meine leiblichen Bedürfnisse, die sich mit Elementargewalt geltend machen, befriedigen kann, dann wird sich mein bis jetzt so verbittertes Gemüth von selbst der Bildung und Cultur erschließen und Du wirst nicht nöthig haben, mir Moralpredigten zu halten. Was sagst Du dazu?" „Was ich dazu sage?" antwortete ich; „aus Dir spricht heute ein anderer Geist, den ich an Dir bisher nicht erkannt hatte."