Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 33 (1892)
- Issue
- Heft 4 (14.1.1892)
- Date
- 1892-01-14
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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XXXHI. Jahrgang. Erste Beilage «u M 4 des „Israelit". Leitender Artikel. Zur Lage in Argentinien. Von Konsul Dr. rned. Albert Rosenau in München. II. Eine Befürchtung in dem Sinne, das; man die dorthin ausgcwanderten Inden in ihrcni Besitzstände gefährden, ihnen gegenüber Ausnahmegesetze machen oder ihnen Hab' und Gut eonfisziren konnte, halte ich für vollständig ausgeschlossen; auch ihre persönliche Sicherheit scheint mir genügend gewährleistet. Denn, wenn auch die gegenwärtige Centralregierung, welche auf der Bans einer mißglückten Revolution, also auf illegalem Wege entstand, kein besonderes Ansehen und Vertrauen im Lande genießt, stark genug erscheint sie mir, um jeden Eingriff dieser Art in den nahe gelegenen Provinzen abzuwehrcn. Nur, wo die Entfernungen sehr große sind, wo die Bahnverbindung fehlt und wo der Truppentransport ans Schwierigkeiten stoßt, findet sie eine Grenze ihrer Machtentfaltung, und ist cs deßhalb pon Wichtigkeit, die Colouien auch räumlich in den Bereich des Schurzes der centralen Gewalt zu stellen. Die Provinzen machen zwar fast jeden Moment Putsche und Revolntiönchen, fast immer aber im Einverständnisse mit der augenblicklichen Negierung, die auf diesem Wege ihr mißliebige Persönlichkeiten entfernen läßt und auch wohl manchmal ein Auge zudrücken muß, wenn es einmal nicht so ganz ihrem Willen entsprechend geht. Aber wenn die National-Rcgiernng energischen Willen hat, so tanzen, um so zu sagen, auch die rebellischsten Elemente rrach ihrer Pfeife, da mit ihnen in diesem Falle nur kurzer Prozeß gemacht wird. Freilich ist es nicht ausgeschlossen, daß bei den vielen Mischehen der Einheimischen mit den zugekommenen Elementen und der dadurch bewirkten Verschmelzung eines Tages eine Naec an's Ruder konnncn kann, welche im Gegensätze zu der jetzt herrschenden gegen Andersgläubige vollständig unduldsam sich verhalten mag. Die Deutschen und Schweizer namentlich sind oft nur sogenannten lujas del pais vcrheirathct und nennt inan dieselben spöttisch, da sie nebenbei nicht immer als ehr wählerisch gelten, .-mcea-c.lavos «diejenigen, welche die Nägel auszichen). Von Wichtigkcir ist cs natürlich, daß man bei Landankäufcn sich von der Echrheir der von dem sogenannten Eseribano «Notar« hergestellten Bcsitzmel auf's Sorgfältigste durch Vergleichung der llnterschrifren u. s. w. überzeuge, da Fälschungen und Saiwindcleicn dabei an der Tagesordnung sind; nach Erhalt dieser Documente aber ist das Eigenthnm trotz aller politischen und sonstigen Umwälzungen fast ebenso gesichert wie in unseren Rechtsstaaten. Was die Bodenproducre betrifft, so gedeihen alle Erzeugnisse der tropischen bis zu den gemäßigten und kalten Zonen bei der Iilxgfräulichkeir des Landes in ausgezeichneter Weise, und Anpflanzungen von Zuckerrohr, Tabak, Eaffee geben im Norden eben so gutes Resultat, wie die fiidlichcn Striche alle Prodncte unserer gemäßigten Zonen in hervorragend schöner Weise liefern. So wird heute schon mit dem Exporte von Radieschen, Spargeln, Artischocken nitd namentlich von Pfirsichen nach den Provinzen, wo dieselben nicht gedeihen, ein einträglicher Handel getrieben. Wenn man andererseits bedenkt, daß noch vor 20 Jahren ein großer Theil des nöthigen (Getreides von Chile nach Argentinien eingeführt wurde, während dieses Land jetzt zu den reichsten .Kornkammern der Welt zählt, so geht man in der Annahme wohl nicht zu weit, daß dasselbe uach einiger Zeit seinen ganzen Bedarf an Bodenproducten im Znlande decken und noch von seinem Ueberschusse exportiren kann. Sollte dann die Zeit kommen, wo die sicher bekannten ziohlenminen, Erzlager und Petroleumquellen ben Industrieen zugänglich gemacht werden und sollte man diese wichtigen Betriebselemente nicht mehr vom Auslande beuothigen, so würde mit einem Schlage Argentinien in die erste Reihe aller iiberseeischen Länder treten. Leider hat sich die maßlose Speculationswuth der letzten „fetten" Jahre, lvo die Laplatastaaten noch großen Credit hatten, gar nicht dieser wichtigen Objecte bemächtigt und ist heute deren Ausbeutung wegen der Größe der Kapitalien und der Transportkosten nur in ganz geringem Maße möglich und muß erst die allmählich uach der Peripherie fortschreitende Civilisation deren Verwcrthung gestatten. Dagegen haben wir dort schon heute eine bedeutende Marmorindustrie und haben ferner die Steinbrüche von Tandil es ermöglicht, daß nicht mehr fast alle Materialien zt« Hänserbantcn von Europa kommen müssen. Grund und Boden ivar schon seit Jahrzehnten nicht mehr so billig, aber jetzt ist und liegt die Ursache in der früher durch die Spekulation in's Maßlose gesteigerten Erhöhung der Tcrrainprcise, während dieselben seitdem Hereiubruche der Krisis wohl weit unter ihr normales Niveau znrückgesnnken sind. Mir wird von glaubwürdiger Seite versichert, daß bei den jetzigen Badenpreisen ttnd bei dem augenblicklichen Werthe der exportfähigen Bodenproduktc in Europa, sich das in Grundbesitz angelegte Kapital bei sachverständiger Leitung auf 30 verzinsen kann, einigermaßen normale Verhältnisse vorausgesetzt. Daran dürsten auch gute Ernten in Rußland und Amerika nichts Wesentliches ändern tlnd auch die in letzter Zeit in's Land gefallenen Heuschrecken dürften iw Ganzen keinen zu großen Einfluß ansüben, da gegen diesen Feind von der Regierung und von privater Seite mir der nochigeu Energie gekämpft wird. Alan ersieht also daraus, daß die augenblickliche Preislage des Bodens für das Projeet des Baron Hirsch eine abnorm günstige genannt werden kann, um so mehr, als bei dem große!« zur Verfügung stehenden Kapitale und bei einer planvollen Leitung, ferner bei der Größe des erworbenen Complercs sich eine Rentabilität des Unternehmens vielleicht noch eher sichern läßt. «Fortsetzung folgt.)