Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 33 (1892)
- Issue
- Heft 4 (14.1.1892)
- Date
- 1892-01-14
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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63 und das nun neben ihm auf dem Divan ruhte, nicht seine beste Stunde; dem jungen Manne bereitete es ein Vergnügen, das arme Thierchen hungernd mit zu sehen zu lassen, wie er frühstückte und jedesmal, wenn es kläglich zn winseln anfing, hob er es empor, drückte es an seine Backen und gab ihm auch Wohl von Zeit zu Zeit einen kleinen Kuß; dabei nahm sein eignes Gesicht eine geradezu katzenartige Miene au. Die Qual des Thierchens bereitete ihm große Freude. Dieses eigenthümliche Spiel hatte wohl eine Viertelstunde gewährt, als plötzlich ein Gedanke durch den Kopf Iwans zu fahren schien, der ihn aufregte. Er sprang, die Theetasse umwerfend, von seinem Sitze empor, schleuderte mit einem wilden Fluch die Katze in eine Ecke des Zimmers , so daß dieselbe kläglich aufzustöhnen begann, stieß mit dem Fuße auf den Boden und rief: „Wo bleibt er, der Hund!?" „Nikolai!" schrie er mit heißerer Stimme. Ein Diener erschien und verbeugte sich fast bis zur Erde. „Ist Kolascheff noch nicht gekommen?" „Er wartet schon zwei Stunden im Vorzimmer", entgegnete der Diener. „Du Tropf! Laß ihn eintrcten." Ein Mann, in einfacher Toilette betrat das Zimmer; seine geschlitzten, zwinkernden Augen, die vorsichtig und schlau in die Welt blickten, ließen nichts Gutes hinter ihm vermuthen. „Seit Ihr schon lange in Diensten der dritten Abtheilung?" frug der junge Herr. Seitdem sie unter dem hochseligen Vater unseres Kaisers eingerichtet wurde.*) „Ich hoffe, Ihr seit tüchtig!" „Euer Hoheit möge mich prüfen und dann urtheilen!" entgegnete der Mann in unterwiufigcm und zugleich selbstbewußten Tone. „Ich gab Euch gestern einen Auftrag?" Der Mann verbe gte sich wiederum. „Die schöne Jüdin, deren Namen Ihr zu wissen wünschtet, heißt Rosa, ist die Tochter eines seit fünfzehn Jahren verstorbenen Warschauer Juden, wurde von dem Bangnier und Fabrikbesitzer Alexander Chaimowitsch als Pflegetochter übernommen, in dessen Haus sie bis heute lebte. Der Mann ist gewohnt, *) Die dritte Abtheilung der Kanzlei des Czaren war früher die speziell zur Aufsuchung politischer Verbrechen eingerichtete Polizei des Kaisers. Sie hatte sich durch die schreiendsten Gewaltthaten und das bitt erste Unrecht einen Namen der Schreckens in Rußland erworben. Man mußte sie auflösen, und nun untersteht die politische, nebst der ganzen übrigen Polizei, dem Minister der Innern; man pflegr indessen die Polizei für politische Angelegenheiten noch heute „dritte Abtheilung" zu nennen. vornehmen Besuch zu empfangen und Ihr könnt zu ihm gehen, ohne Aufsehen zu erregen." Iwan lächelte vergnügt. „Ihr seid gewandt", sagte er, „ich will Euch dankbar sein." „Ich weiß noch mehr zu berichten", entgegnete der Andere geschmeichelt. „Nach der gestrigen Fahrt haben die Juden Angst bekommen, der Sohn des Fabrikbesitzers hat sich mit Rosa verlobt und diese selbst wurde, um Euren Nachstellungen zu entgehen, auf das zehn Werst von hier entfernte Gut des Juden bei Slobotka gebracht." „Verdammt!" brüllte der junge Edelmann, „soll ich zehn Werst reiten, um mit dieser Jüdin zu tändeln?! Ihr bringt sie hierher zurück, sage ich Euch, oder Ihr werdet meinen Zorn fühlen!" „Was soll man thun?" entgegnete der Mann mit mehr Ruhe, als man nach diesem Wuthausbruche seines jungen Herrn hätte erwarten mögen. „Thut, was Ihr wollt, aber schafft sie zurück oder um Eure Stellung ist es geschehen. Wollt Ihr Tilularrath werden?" Die Miene des niederen Beamten hellte sich freudig auf; langsam, in erwägendem Tone sagteer: „Man könnte den jüdischen Gutsverwalter mit seiner Familie auf administrativem Wege nach Sibirien verschicken, dann hätte sie keinen anderen Wohnort mehr und müßte zurückkehren." „Es gibt Juden genug, bei denen sie ein Unterkommen finden kann", entgegnete der junge Herr, „und ich kann nicht Jeden, der sie beherbergt, nach Sibirien schicken." „Den Einen auf administrativem Wege, den Andern durch die Lokalbehörde**) den dritten, weil man ihn eines Verbrechens beschuldigt, dann wird sich Niemand mehr finden, der sie beherbergen will." „Nein, nein, das ist zu plump, das geht nicht, meine Feinde könnten das leicht benutzen, um mich bei unserem allerhöchsten Herrn zu verleumden. Hört zu, schlauer Polizcibcamter, ich will Euch einen besseren Rath erthcilen. Befindet sich ein Dorf bei dem Gute?" „Ein großes Dorf und nur eine halbe Werst davon ein anderes, noch größeres." „Gut denn, dorthin begebt Euch, stachelt irgend **) In Rußland steht es jeder Lokalbehörde frei, irgend ein Mitglied ihrer Gemeinde ohne Urtheil und Rechtspruch aufgreisen und nach Sibirien schicken zu lassen. Im Jahre 1885 wurde nach der Zählung von Georg Kennan 3751 Menschen durch den Spruch ihrer Lrtsbehörde nach Sibirien verbannt. Tie auf administrativem Wege TranSportirten urtheilt der Minister des Innern ab und es genügt meistens der Vorschlag eines Beamten, um über einen Menschen auf diese Weife den Stab zu brechen. A« Besten sind in Rußland die gemeinen Verbrecher daran, denn sie werden wenigstens vor ein Gericht gestellt.