Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 33 (1892)
- Issue
- Heft 4 (14.1.1892)
- Date
- 1892-01-14
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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XXXltt. Jahrgang. "i.. A.<< v. r Tr- M 4. Der Israelit. Ein Aenlrak-Hrgan für das orthodoxe Iudenlhum. Begründet von Dr. Lehmann in Mainz. Donner ft ag, den 14. Januar S«S2 (1892). Leitender Artikel. Zur Würdigung des SchutchanAruch. Bon Bezirks-Rabbiner Dr Ehrmann in Baden (Schweiz). III. Gleich dieser sein erster Satz, bietet ein klassisches, charakteristisches Beispiel für die Eigenart des Schulchan Aruch. Wohl gibt der Schulchan Aruch nur das wieder, was bereits in den Quellenschriften der geschriebenen und mündlichen Thora ausgesprochen ist, aber die Art und Weise, in der er es wiedergibt, diese ist es, welche ihm sein eigenartiges Gepräge verleiht. Bibel und Talmud enthalten viele Stellen, welche der Bedeutsamkeit des Frühaufstehcns das Wort reden. Es wird uns thcilS in unmittelbaren Aussprüchen, oder aus Beispielen aus dem Leben unserer großen Allvorderen die Werthschätzung dieses Moments auf die verschiedenste Weise nahe gelegt. Nirgends dürfte es sich aber ausgesprochen finden, daß das, was vielfach betont, als heilsam gelehrt und empfohlen wird, nicht nur geschätzt, sondern auch thatsächlich als jüdische Pflicht von jedem Einzelnen befolgt werden müsse, als eben im Schulchan Aruch und etwa noch in dem ihm zu Grunde liegenden Werke: Tur im. Man hat oft behauptet, daß das bloße Vorhandensein des Schulchan Aruch auf das Studium und die Autorität des Talmud einen nachtheiligen Einfluß ausgcübt habe, weil durch seine systematische Anordnung und Gruppirung Sichtung und Fixirnng des reichen talmudischen Stoffes, man diesen nun unbeachtet liegen lassen, und sich auf die im Schulchan Aruch gebotene, für das tägliche Leben berechnete Darstellung beschränken kann. In Wirklichkeit ist jedoch das gerade Gegentheil der Fall. Abgesehen davon, daß die weitverzweigte Literatur, die gerade der Schulchan Aruch erzeugt hat, im Wesentlichen darin besteht, den Inhalt des Schulchan Aruch mit den Quellen, aus welchen er schöpft, zu vergleichen, zum gründlichen Studium der talmudischen Schriften führen mußte und noch täglich führt, so ergibt sich auch aus obigem Beispiel, wie die Anerkennung des Schulchan Aruch die Autorität des Talmud an und für sich, erst recht in allen Schichten der Judenheit erhöht und gefestigt hat. Die großen Meister in Israel, die ja ihre Größe eben der Lehre des Talmud verdanken, wie sie dieselbe in ihrem ganzen Thun und Lassen zum treuen, verkörperten Ausdruck brachten, haben alle Zeit, auch vor dem Vorhandensein deS Schulchan Aruch aus den herrlichen talmudischen Lebensregeln das unverbrüchliche Gesetz ihres Lebens geschöpft. Daß aber dieser Geist in alle Volks kreise der ganzen Diaspora draug und %mrbiQut aller wurde, das ist das Verdienst des Schulchan Aruch, indem er die aus dem Leben und Lehren unserer großen Vorbilder gewonnenen Abstraktionen, auch der Form nach, als das für alle verbindliche Gesetz darstellt. Es ist von Interesse einmal an einem Beispiele die Art und Weise zu zeigen, wie aus den in Tnach, Mischna, Gemora, Midraschim und späteren Werken zerstreuten Lehren, Erfahrungen, Bemerkungen über den dem ersten Satz des Schulchan Aruch zu Grund liegenden Gegenstand, dieser selbst nun die uns vorliegende Form gewann. Wenn der erste Jude sich erhebt das Bild der Verwüstung zu schauen, die ihm Gott vorher enthüllt, um sie für das Erziehungswerk seinen Nachkommen zu verwerthen, wenn sich derselbe ferner anschickt, um in der Opferung seines einzigen Kindes die höchste sittliche Menschenthat freien, freudigen Gottes-Gehorsams zu vollziehen, so unterläßt die Ueberlieferung nicht, uns auf einen Zug in diesem allen Zeiten mustergiltig voranleuchtenden Lebensbilde aufmerksam zu machen, der so unwesentlich er auch erscheint, doch dem ganzen Vorgang erst seine volle Bedeutung sichert. *) Wohl brauchte es nicht erst ein Abraham zu 1) I. B. M., Cap. 19, B. 27 und Cap. 22, V. 3.