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Der Israelit · 1892-01-11 · Heft 3 (11.1.1892) · page 7

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Journal
Der Israelit
Volume
33 (1892)
Issue
Heft 3 (11.1.1892)
Date
1892-01-11
Page
– (sequence 7)
Language
German
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47 Grübchen war zurückgebogen und entbehrte vollständig des Bartwuchses. Dieser Kopf mit rein weißem Teint und röthlich schimmernden Backen saß auf einem langen kräftigen Hals und konnte die kühnsten Stellungen annehmen. Was noch besonders an diesem Gesichte anffiel, waren zwei scharf gerundete Eurven, die an den Nasenflügeln beginnend nach den Mundwinkeln verliefen. Man sah diesem Gesichte sofort an, daß sich gewaltige Leidenschaften auf ihm abspiegeln konnten und der schwärzliche Rand um den Äugen des Jünglings deuteten auch daraufhin, daß schon mancher Sturm hier getobt. Fürst Michail mußte sich eingestehen, daß er selten so unregelmäßige, in sich widerspruchsvolle Züge gesehen, die ein so anziehendes Gesammtbild aufwiesen; er mußte sich sagen, daß etwas machtvoll Ergreifendes in diesen Zügen lag, stark genug, ein weiches Mädchenherz zu bethören. Eine namenlose Angst erfaßte Michail, wenn erbedachte, daßjenesMädchen,demer alles erdenkliche Gute wünschte, an den neben ihm sitzenden Mann gekettet würde. Nicht der drohende Verlust allein war cs, der ihm das Herz zusammenschnürte, sondern er hatte das ganz bestimmte Gefühl, als ob kein Mensch jemals mehr glücklich weiden könne, der sich einmal mit Iwan Alexandrowitsch verbunden. Er erschien ihm in diesem Augenblicke wie der Satan, der verkleidet in den Salons der Gesellschaft umhergeht, um Seelen zu ergattern. Fürst Michail wurde erst durch ein lautes, schallendes Lachen aller Anwesenden aus seinem dumpfen Brüten gerissen, er bemerkt jetzt erst, daß die Gesellschaft sich rings um Iwan gruppirte, der offenbar soeben eine lustige Geschichte zum Besten gegeben hatte. „So etwas kann nur in Petersburg geschehen!" rief Fürstin Lydia noch immer lachend, „hier in der Provinz werdet Ihr vergebens nach solchen Abenteuern suchen." „Ihr irrt, schöne Dame" cntgegnete Iwan, „ich habe hier schon etwas Amüsanteres erlebt." „Erzählt uns doch!" rief die Fürstin. Iwan legte sich in seinen Sessel zurück, verschlang die Arme über der Brust, lächelte cigenthümlich und begann: „Zwischen den beiden Bergen, auf denen die alte Stadt mit beni Kloster und der Festung liegt, breitet sich, wie Ihr wißt, im Thal, am Ufer des Dnjeper ein Häusermeer, aus dem die zahlreichen Gärten wie Inseln hervortreten und das mit seinen byzantinischen Kuppeln und dem Mastenwald am Dnjperufer mich lebhaft an Konstantinopels Pracht erinnert. Großartig ist das Bild, das man vor seinen Blicken sich entrollen sieht." Die Anwesenden lächelten geschmeichelt; es war ihnen angenehm, ihre Vaterstadt von einem Petersburger loben zu hören. „Ich war ganz im Anblick dieser Herrlichkeit versunken, als ich plötzlich neben mir den Ausruf „Wie schön, wie lieblich!" vernahm. „Als ich mich umdrehte, sah ich eine bildschöne Jüdin, deren Troika neben mir hielt. Da wußte ich denn nicht, ob ich jenen Ausruf auf die Gegend oder auf mich beziehen sollte!" Man lachte und fröhlich fuhr der Jüngling fort: „Ich that das Letztere und sprach gelassen: „Es freut mich, daß ich Euch gefalle." Sie. blickte mich cokett und einschmeichelnd an, so daß ich meinen Wagen dem Diener überließ und mir einen angenehmeren Platz auf den weichen Kissen der Troika verschaffte. „Die Schändliche!" rief die Fürstin. „Diese Juden verpesten Alles, was unserer Stadt sich nähert." „Sie verpestete gar nicht" rief lachend Iwan, „wir fuhren angenehm plaudernd am Dnjeperufer einher und noch brennt mir die Lippe von ihren holden Küssen." „Mein Vater, hört Ihr, was diese Jüdinnen treiben?!" rief Lydia erröthcnd. Der Gouverneur hatte längst sein Spiel verlassen und hörte der Erzählung Iwans zu. Sein Gesicht zog sich {in finstere Falten und mit verschleierter Stimme sprach er: „Man muß Maßregeln gegen dieses Volk ergreifen." „Aber ich bitte Euch, ein Scherz, ein kleiner Spaß" sagte Iwan lachend; „als wir in die Stadt zurückkehrten, bestieg ich meinen eigenen Wagen wieder und fuhr neben ihr her, und da that sie so sittsam wie Ihr, gestrenger Herr Gouverneur, es nur verlangen könnt: sie schlug die Augen nieder und wagte kaum mich anzurcden." „Habt Ihr auch die schöne Jüdin im Cirkus gesehen?" frug nun Apollo Karawlewski, ein junger Beamter, der bemerkte, wie unangenehm die frühere Wendung des Gespräches für den Wirth war. „Ich sah den Cirkus vor einem Monat in Petersburg." „Am Besten in ihm ist der Comiker!" rief Peter Poschewski. „Seine Sachen sind alt," entgegncte Iwan." „Ich habe ihn noch nicht gesehen," sagte Lydia. „Wollt Ihr wissen, wie er sich ansteüt?" rief Iwan lachend.

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