Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 33 (1892)
- Issue
- Heft 1 (4.1.1892)
- Date
- 1892-01-04
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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7 ner, hatte er sofort durchschaut, daß Rosa aus Edelmuth die Unwahrheit gesprochen; er sah auch, wie schwer diese Lüge dem braven Mädchen wurde; sein Entschluß war gefaßt. „Nur ruhig, liebe Kinder!" sprach er sanft „mit dem Schreien und Weinen werden wir niemals zu einem befriedigenden Ziele gelangen. Wir wollen vernünftig besprechen, wie die Verhältnisse liegen und wie wir am besten handeln werden. Doch laßt uns Platz nehmen, im Stehen uud Springen verwirrt man sich leicht die Gedanken." Mit ruhigen Schritten ging er zu dem Tische und setzte einige Stühle um denselben. „Bitte, Tannas!" sagte er gebieterisch auf einen Sessel weisend. Schweigend gehorchte seine Gattin. „Hier, Du Rosa, dort Afka, da ich selbst." Ohne ein Wort der Entgegnung hatten sie Alle Platz genommen und blickten in höchster Spannung auf den Hausvater, der mit seiner ruhigen, Vertrauen erweckenden Stimme nun also begann: „Liebe Kinder, das Bestreben unseres ganzen Daseins ist, glücklich zu werden in dieser und in jener Welt. Ein jeder strebt darnach, und wenn er sein Ziel nicht erreicht, so ist cs nur, weil er von Leidenschaft verblendet oder in Jrrthnm befangen den richtigen Weg zu seinem Glücke verfehlte. Glücklich aber macht uns allein die rechtliche und moralisch schöne Befriedigung derjenigen Trübe, die die Grundzüge unserer Seele ausmachen und uns während unseres ganzen Lebens nicht verlassen. Mein guter Sohn, ist Deine Liebe zu Rosa ein solcher Trieb? Ist cs nicht etwa das plötzliche Aufwallen einer Leidenschaft, die nach ihrer Befriedigung wieder vergeht, so schnell als sie gekommen ist?" Die Ruhe des Vaters hatte wunderbar mildernd auf das Gemüth Afkas eingewirkt und cs war ihm vollständig gelungen, seine Fassung wieder zu erlangen. „Tu hast mich nach Deinen Grundsätzen erzogen, mein Vater!" sprach er, „und auch das strenge System meiner wissenschaftlichen Studien hat meinen Geist geklärt. Glaube mir, ich habe mich ernst und sorgfältig geprüft, ich bin nicht verliebt, sondern ich liebe, ich könnte auf jedes Besitzthum in der Welt verzichten, lieber als auf sie, die einzige Freude meines Daseins. Empfange Du, mein Vater, den heiligsten Schwur meiner Seele, daß meine Liebe währen wird, so lang ich lebe!" Alcxei Chaimowitsch nickte beifällig. „Dann ist es meine Pflicht", sprach er, „Dir nicht cntgegenzutreten, sondern Deine Liebe zu unterstützen, so weit ich es vermag. Was schadet cs, daß Rosa keine materiellen Besitzthümer ihr eigen nennt, wir haben ja so reichlich, daß wir niemals zu hungern brauchen. Daß Du an der Seite dieses edlen Mädchens glücklich werden wirst, das ist auch meine Ueberzeugung." „Und Du, mein Kind", fuhr er, zu Rosa gewandt, fort, „ich sehe es Dir an, daß Du vorhin die Wahrheit nicht gesprochen hast. Rede nur frei und ohne Scheu, ganz wie es Dir um's Herz ist." Bei diesen milden Worten vermochte Rosa nicht mehr an sich zu halten, sie sprang auf und stürzte dem edlen Manne zu Füßen, seine Knie umklammernd und sie mit heißen Dankesthränen netzend. Liebevoll strich der Vater mit der Hand über das lange, weiche Haar des Mädchens und sagte sanft: „Ich bitte Dich, mein Kind, keine aufgeregte Scene, da wir ruhig und vernünftig mit einander verhandeln wollen." Verwirrt stand Rosa auf. „Und was sagst Du, mein gutes, treues Weib", wandet sich nun Alexei an seine Gattin, „die letzte Entscheidung mache ich von Deinem Willen abhängig, sollen unsere Kinder glücklich werden?" Tanas fühlte sich geschmeichelt von seinen Worten, und sie konnte nicht gleich eine Antwort finden. „Was soll man machen?" brachte sie endlich in ihrer trivialen Weise hervor. „Wenn Du es willst, Alcxei, so wird es gewiß so am Besten sein." Da sprang Afka auf - und lautjubelnd stürzte er dem geliebten Mädchen um den Hals, bei dem nun die so lange zurückgedrängten Gefühle in wilder Leidenschaftlichkeit zum Durchbruche kamen. Das war ein Herzen und ein Küssen, ein Weinen und Lachen ohne Ende. Vor Lust, Wonne und Glückseligkeit wußten die Beiden kaum, was sie beginnen sollten und schrieen und tobten, wie ausgelassene Kinder, und sie sprangen miteinander umher, alle Welt vergessend in ihrerSeligkeit und ihrer unendlichen, ungeheuren Wonne ohne Damm und ohne Zügel freien Lauf lassend. Sie schrieen so laut, daß die Diener entsetzt in das Zimmer stürzten, um dann laut in den Jubel des glücklichen Paares mit einzustimmen. Auch die Eltern wurden durch die Freude ihrer Kinder bis zu Thränen gerührt und umarmten sich schweigend. Nachdem der erste Rausch der Freude vorüber war, legte Alcxei seine Hand auf die Schulter des Sohnes. „Noch Eines ist zu besprechen, Afka", sagte er, „was denkst Du von der Verfolgung Deiner Braut, durch Iwan Alexandrowitsch, meinst Du, daß es nur eine vorübergehende Laune von dem Günstling