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Der Israelit · 1891-12-31 · Heft 102 (31.12.1891) · page 18

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Journal
Der Israelit
Volume
32 (1891)
Issue
Heft 102 (31.12.1891)
Date
1891-12-31
Page
– (sequence 18)
Language
German
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1924 lichsten unserer Religionslehre gehört, in alter und neuer Zeit oft genug bewährt haben. Dem Herrn Oberpfarrer ist es doch bekannt, daß wohl keine Religionsgemeinschaft zahlreichere Glaubensmärtyrcr aufzuweisen hat, als die israelitische. Was anders hat diese, allen irdischen Verlockungen gegenüber, in den Tod getrieben als eben der Glaube, daß wir nicht „für dieses weltliche Leben leben." was anders spricht aus dem bejammernSwerthcn Schauspiel, welches die russ. Juden jetzt darbieten, die in Noth und Elend ihren Wandcrstab ergreifen, während sie durch ein Wort, auf das nur die orthodoxe Kirche wartet, vor all diesem Jammer bewahrt werden könnten<? O, es giebt viele, leider sehr viele,'die ihrem Glauben in jeder Weise Unehre machen, aber auch unter den Kotholiken unb Protestanten. Wir wollen uns aber doch davor hüten, dafür die Katholiken, die Protestanten verantwortlich zu machen. Daß dies der Herr Oberpfarrer aber den Juden gegenüber thut, ist wohl nur im Eifer der Rede geschehen, ebenso wenn die Frage: „Gründen die Juden etwa Wohlfahrtsanstalten, gehen die Judenmädcheu au die Betten der Kranken und werden Krankenpflegerinnen?" mit einem „Nein" beantwortet. All dies soll also den Israeliten abgesprochen werden, das Einzige, was bis jetzt noch unbestritten blieb, der Wohlthätigkcitssinn? Hat ja fast jede größere Stadt, in deren Milte reiche Juden leben, Wohlfahrtsanstalteu, philanthropische' Werke aufzuweisen, die von Juden und zwar^zumeist für alle Konfessionen gegründet worden sind. Wir brauchen nicht weit zu gehen und nur auf Köln hiuzuweisen, aus das Asyl und die Abraham Oppenhcim'schen Stiftungen. Und wer sagt dem Herrn Oberpfarrer, daß es keine jüdischen Krankenpflegerinnen giebt? Das; der bisherige Mangel einer Organisation darin nach Art der Orden in der Geschichte und der Stellung der Israeliten unter den verschiedenen Nationen begründet ist, bedarf dem Herrn Oberpfarrer gegenüber wohl nicht erst eines näheren Nachweises. Doch genug. Es sollte hier nur dem, ich darf wohl sagen, von meiner ganzen Gemeinde getheiltcn, schmerzlichen Gefühle Ausdruck gegeben werden, sowie der Befürchtung, daß der Herr Oberpfarrer in seinem Bestreben gegen die Socialdemokrnten und damit zugleich gegen die Aufreizung der verschiedenen Klassen und Stände Front zu machen, Mittel und Worte gegen die Juden gebraucht hat, die geeignet sein können, sicherlich gegen seine Absicht, eine Verschärfung der Gegensätze unter den Klassen und Konfessionen herbeiznführen. Dr. Horowitz, Oberrabbiner." Rumänien. Di“. C. Bukarest, 17. Dezember. Es sind schon beinahe zwei Jahre, daß ich Ihnen das plötzliche Verschwinden des neunjährigen Mädchens eines jüdischen Schächters mittheilte und die vergeblichen Bemühungen der Eltern, es zu ermitteln. Vor einigen Wochen timt brachte ein ehemals jüdischer. getaufter Droschkenkutscher, Jonitza Christu aus Bukarest, mehrere Personen nach dem Nonnenklofte r Paßarea und da entdeckte er das derj schwundene Kind, mit welchem er in seiner alten j .Muttersprache", im jüdischen Jargon, redete und! von ihr die Einzelnheiten erfuhr, wie sie geraubt wurde. Auf die Bitte des nun 11jährigen Mädchens machte der Kutscher, nach Bukarest zurückgekehrt, einigen Israeliten von der Sache Mittheilung, welche die jetzt im Galatzer Bezirk wohnenden Eltern verständigten, und auf Veranlassung von hochstehenden Personen der Israel. Gemeinde in Bukarest wurde vom Staatsanwalt Fratoschtitzeanu die Untersuchung eingeleitet. Trotzdem aber der Kutscher in Gegenwart der Klostersuperiortn seine Aussage wiederholte und die anwesende Mutter aus von ihm angegebenen Zeichen ihr Kind erkennen konnte, leugnete die Oberin, je ein solches Mädchen, welches inzwischen wohl bei Seite geschafft wurde, im Kloster gehabt zu haben. Daß dies nicht so sein kann, ergibt sich daraus , daß während der Untersuchung zwei andere Mädchen von 6—7 Jahren erschienen, welche bei den Nonnen häusliche Dienste leisten und wie aus dem mit ihnen angestellten Jnterrogatorium hervorging, ohne Wissen ihrer Eltern im Kloster waren. Dieselben wurden vom Untersuchungsbeamten mitgenommen, um deren Eltern zurückgegeben zu werden; das erst in Rede stehende Mädchen bleibt vorläufig verschollen.—Wir haben seit einigen Tagen wieder ein neues, jetzt rein konservatives Ministerium, von dem ich darum Mittheilnng mache, weil als eine ganz neue Person der Unterrichtsminister, Takje Jonescu, darin sich befindet und dies mit dem jetzt neu zu schaffenden Gesetz über den Primär-Unterricht in Verbindung steht, welchen der bisherige Minister Ploni uns Israeliten durch [einen £ l entziehen wollte. Wir haben -Hoffnung, daß uns dieses Unglück nicht treffen wird. Schritte sind gethan und Zusicherungen sind, gegeben, aber allerdings Hoffnung ist noch keine Gewißheit. -£» Vermischtes. «?- Leipzig, 25. Dezember. Die Gründung eines israelitischen Bildungsvereins zu Leipzig wurde am Dienstag Abend von einer aus ca. 60 Personen bestehenden Versammlung im Restaurant Stein beschlossen. Von der Versammlung wurde eine Commission von drei Herren gewählt, die unverzögert zur Ausarbeitung eines Statuts die ersten Schritte unternehmen soll. Dieses Statut soll der Behörde schleunigst unterbreitet werden. Wien. Im Vereine Liwias-Chen fand am 8. D ezember beim Nachmittagsgottesdienfte eine Gedächtnißfeier für die vor 10 Jahren bei der Ringtheater-Katastrophe Verunglückten statt. In Rumänien wird Dank den Bemühungen des neuen Unterrichtsminister Pani ein neues Volksschulgesetz die Unentgeltlichkeit und den Schulwzang für die Kinder „rumänischer Bürger" aussprcchen. Damit ist die überwiegende Mehrheit der eingeborenen Juden von dieser Wohlthat ausgeschlossen.

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