Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 32 (1891)
- Issue
- Heft 102 (31.12.1891)
- Date
- 1891-12-31
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2446951-2448122-2448217--33381-2481271- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Um so mehr aber müsse sie selbst die Abwehr der „Schädigungen" in die Hand nehmen, welche unser Volk von dem Judenthum erleide. Hörde, (Westfallen) 23. Dez. Ein Kulturkampf im Kleinen wird in unserer Stadt geführt. In der 70er Jahren war eine communale Volksschule mit simultanem Charakter eingerichtet worden. Die Katholiken gingen bald von der unter Zustimmung und auf Veranlassung der Negierung geschlossenen Vereinbarung ab, nur die Evangelischen und die Juden blieben bei der simulanten Volksschule und fanden sich gut dabet. Die Ansichten wechseln und auch bei Regierungen ist oft heute nicht mehr Recht, was in den 70er Jahren Recht war. Die Regierung in Arnsberg hat jetzt schon zum zweiten Male die Ausweisung der Juden aus der Volksschule verfügt, da der christliche Charakter der Anstalt leide, wenn ein jüdischer Lehrer an ihr mitwirke. Die Stadtverordneten sollten gestern die Mittel für die Einrichtung einer besonderen jüdischen Schule bewilligen, sie haben es aber abgelehnt. Die Stadtverordneten meinen, die Regierung habe kein Recht, in dieser Weise unter ihrer Mitwirkung zu Stande gekommene Verträge aufzulösen. Man darf gespannt sein, wie sich die Sache entwickeln wird. München, 17. Dezember. Der ultramontane bayerische LandtagSabg. Dr.Fr. Frank hat soeben im Manischen Verlage in Regensburg eine Broschüre unter dem Titel: „Die Kirche und die Juden" erscheinen lassen. Unter der Kirche ist selbstverständlich die katholische Kirche gemeint. Der Inhalt der Schrift gibt im Allgemeinen keinen Anlaß zu Erörterungen; er bringt eine außerordentlich emsig zusammengetragene Uebersicht über Verfolgungen und Beschuldigungen der Juden, bei der der Verfasser sich nicht allzuweit von dem traditionellen Standpunkt der Klerikalen entfernt und u. A. auch Rohling als Autorität heranzieht. Um so interessanter ist deßhalb feine Stellungnahme zum AntiftmitiSmuS, den er entschieden zurückweist. Es heißt in der Schrift: „Man nennt die Juden einen Staat im Staate, eine fremde Nation, eine Sondergcmeinschaft, der das Bürgerrecht in einem deutschen Nationalstaat nicht gebührt. Das sind Redensarten, die einem Katholiken allerlei Bedenken erwecken müssen. Wie oft haben wir schon gehört, daß man die Katholiken einen Staat im Staate nannte! Wie oft hat man den Katholiken schon den Vorwurf gemacht, sie seien Rcichsfeinde, sie erkannten einen Fremden als ihr Oberhaupt an! Vielleicht helfen wir den Antisemiten, daß die Juden aus dem Deutschen Reich vertrieben werden, und zum Danke dafür müssen wir es uns gefallen lassen, daß man auch unS des Bürgerrechts in dem nationalen proieftantischen Staat für unwürdig erklärt. Oder hat man es den Jesuiten anders gemacht? „Die Anisemiten wollten Aufklärungsschriften über die Gefährlichkeit des Jndenvolkes verbreiten. Ja, ist denn das Judenvolk als solches gefährlich? Gewiß nicht! Wir hahen gesehen, wie weder in der Thora noch im Talmud, wenn sie nach der gegenwärtig allgemein geltenden Erklärung befolgt werden, eine Gefahr für die Christen liegt; wenn es unter den: Judenvolke volksgefährliche Elemente gibt, so bilden dieselben nicht das ganze Volk. Es geht eben bei dem Jndenvolke, wie es auch bei den Christen geht. Bei vielen Juden hat die Beschneidung gerade so viel Werth wie der Taufschein bei den Christen, und nur mit Unrecht zählt man dieselben zu den Juden oder Christen . . . Und gibt es denn nur jüdische Wucherer? Gibt es nicht auch Christen, die vielleicht noch schlimmere Halsabschneider sind als die Semiten? . . . Fast möchte es scheinen, als ob auch unter den Antisemiten gar manche nur deswegen sich gegen die jüdischen Wucherer ereifern und dieselben aus dem Deutschen Reiche vertrieben wissen wollen, weil sie ohne die lästige jüdische Konkurrenz ihre sauberen Geschäfte mit um so größerem Erfolg betreiben möchten .... Nur Ausnahmegesetze gegen die Juden zu machen, bei denen sich ihre unbeschnittcnelt Konkurrenten in's Fäustchen lachen, dazu kann ich mich ebensowenig herbeilassen als zum Schmieden von Ausnahmegesetzen gegen katholische Ordensleute oder auch nur gegen die Socialdemokraten . . . Gerade die echten, gläubigen Juden üben zwei bürgerliche und zwei religiöse Tugenden, die es leicht erklärlich machen, warum sich ihr zeitlicher Wohlstand hebt: sie sind fleißig und sparsam, sie beobachten gewissenhaft den Sabbat und erfüllen treu das vierte Gebot Gottes. Wollte Gott, daß alle Christen mit den gläubigen Juden im Fleiß und in der Sparsamkeit, in der Heilighaltnng des Sonntags und in der Erfüllung des vierten Gebotes wetteiferten, dann würden bald viele Klagen verschwunden, viel Elend würde bald beseitigt sein." Die Broschüre schließt mit folgenden Worten: „Wenn ich noch beifüge, daß einzelne Bischöfe der Kirche, denen Gelegenheit geboten war, über den Antisemitismus sich anszusprechen, sich gegen denselben ausgesprochen haben; wenn ich beifüge, daß insbesondere die österreichischen Bischöfe vor dem Zusammengehen mit den Antisennten gewarnt haben, dann werde ich wohl damit schließen dürfen, daß ich auf die Frage: Kann ein katholischer Priester, überhaupt ein gläubiger Katholik Antisemit sein? gleich die richtige Antwort beifüge; Nein!" Türkei. Konftantinopel, 12. Dez. Die Einwanderung der Juden nach dem Orient dauert fort. Vorige Woche kamen wieder 30 Familien aus Rußland hier an und wurden vorläufig in Galata untergebracht. Mehrere hundert Familien bosnischer Auswanderer sind ebenfalls hier angelangt. Die türkische Regierung läßt dieselben in Klein- Asien ansiedeln.