Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1891-12-31 · Heft 102 (31.12.1891) · page 9

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
32 (1891)
Issue
Heft 102 (31.12.1891)
Date
1891-12-31
Page
– (sequence 9)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2446951-2448122-2448217--33380-2481270
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

XXXII. Jahrgang. Beilage?u m 102 -es „Israelit & Ieschurun" Zur Lage der Juden in Hiußkand. Die Lage der russischen Juden hat fick, wie der „Frf. Ztg." von wohlunterrichteter Seite geschrieben wird, im Laufe der letzten Wochen sehr erheblich verschlimmert. Im Mai und Juni d. I, stellte, wie seinerzeit auch durch die Presse berichtet wurde, das Moskauer General-Gouvernement den dort noch verbliebenen Juden Aufenthaltsscheine auf die Dauer eines halben Jahres aus. Zugleich wurde diesen zeitweilig geduldeten Familien eröffnet, daß sie die Verlängerung der Duldungsscheine im Herbste zu crbittcn hätten. Die Entscheidung ist nun erfolgt, sie lautet durchweg ablehnend; so findet denn nun, mitten im strengsten Winter, der Wegzug oder die Ausweisung dieser Hunderte von größtentheils sehr armen Familien statt; es handelt sich dabei fast nur um Handwerker. Eine weitaus größere Zahl von Opfern fordert eine zweite Maßregel. In den Gouvernements Wilna und Kiew wurde die Ausweisung aus den Dörfern bisher nicht streng durchgeführt: vielleicht scheute die russische Regierung eben deshalb davor zurück, weil diese Provinzen die relativ größte Zahl jüdischer Dorfbewohner aufweisen und man vorläufig vermeiden wollte, die Massen in Bewegung zu setzen. Seit Mitte November ist dies anders geworden; die Leute, die bisher als Guts- und Mühlenpächter, als Wirthschaftsbeamte, ein sehr großer Theil auch als Taglöhuer auf christlichen Gütern ihren Unterhalt gefunden, werden nun in die städtischen Ghetti verwiesen, woher sie oder ihre Eltern stammen; es giebt Familien darunter, die bereits in der dritten Generation ländlicher Beschäftigung uachgegangen, also den Verhältnissen ihrer Geburtsorte ganz entfremdet sind; in den überfüllten Märkten und Städten erwartet sie nun der sichere materielle Untergang. Eben so tief einschneidend erweist sich eine dritte Maßregel: die Durchführung der gesetzlich von jeher bestehenden, aber bisher nur ausnahmsweise durchgeführten sogenannten „fünfzig Werst-Grenze", d. h. die Ausweisung der Juden aus solchen Orten, die fünfzig Werst von der Reichsgrenze entfernt sind. Gerade in jenen beiden Grenz-Gouvernements, wo die jüdische Bevölkerung am dichtesten haust, in Bessarabien und Podolien, werden nun die Ausweisungen im Hinblick auf diese veraltete Verordnung am schärfsten durchgeführt; z. V. sind vor einigen Wochen die Juden aus Kammenez-Podolsk, wo sie seit der Besitzergreifung durch Rußland, also seit länger als einem Jahrhundert unbehelligt gewohnt, ausgewiesen worden. So beläuft sich die Zahl jener Menschen, welche durch die Maßregeln der letzten Wochen zu Grunde gerichtet worden find wieder auf Hunderttausende; jene von ihnen, die mit dem Rest ihrer Habe oder mit Hülfe ihrer dortigen Gtaubensgenoffen noch bis zum Frühling ausharren können, haben in den russischen Judenstädten ihre Zuflucht für den Winter gesucht; wer aller Mittel baar ist oder sein Letztes nicht aufzehren will, macht sich sofort auf die Reise. Daraus erklärt sich die traurige Erscheinung, die in der bisherigen Geschichte der jüdischen Auswanderung aus Rußland nicht ihr Gleiches hat. Trotz des Winters währt die Emigration ungeschwächt fort und der Zustand, in welchem die Unglücklichen auf deutsches Gebiet treten, spottet jeder Beschreibung. Das „Deutsche Eentral-Comitö für die russischen Juden" hat die Aufgabe der Unterstützung und Beförderurg dieser Auswanderer nach Amerika bisher voll erfüllen können; hoffentlich fließen ihm auch ferner die dazu nöthigen, allerdings sehr beträchtlichen Mittel zu. ZeitUttgsuachrichLe« und Correfpondevze«. Deutschland. Berlin, 17. Dez. Auf dem Auswandererbahnhof bei Ruhleben herrscht mit Ausnahme der Sonnabende reger Verkehr. Mit verschiedenen Zügen kommen die Reisende an, die dann täglich mit zwei Zügen, Nachmittags und Nachts, weiter befördert werden. Ein großer Theil der russischen Auswanderer erhält von dem Comitö Fahrkarten unentgeltlich. Manche von ihnen versuchen nach London oder Paris zu gelangen, indem sie Freifahrscheine vom ComitL erbitten unter dem Vorgeben, dort bemittelte Verwandte zu haben; fast alle kommen aber von dorr bald wieder zurück. Mehrfach ist es auch vorgekommen, daß Männer ihre Frauen hier haben sitzen laffen. Von den Auswanderern, die Freifahrtskarten bis Amerika haben, sind viele mißtrauisch; sic suchen entweder in Berlin auszusteigen, oder sie verlassen hier in Spandau heimlich den Bahnhof, um sich nach Berlin zum Lehrter Bahnhof zu begeben und von dort aus nach Hamburg zu fahren. Berlin, 23. Dez. Die Antisemiten zerfallen bekanntlich unter einander wieder in einer, Reihe von Einzelgruppen, die sich gegenseitig in der ihnen eigenen Weise bekämpfen. Jetzt erklärt es der „Reichsbote" gegenüber den antisemitischen deutschsozialen Blättern des Herrn Fritsch in Leipzig als Pflicht, dem „naturalistischen RossenantisemitiSmus" entgegen zu treten. Die konservative Partei habe alle Ursache, sich mit demselben „unverworren" zu halten.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.