Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 32 (1891)
- Issue
- Heft 101 (28.12.1891)
- Date
- 1891-12-28
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2446951-2448122-2448216--33356-2481245- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
1892 mit Recht einer der zunächst in die Augen fallenden Lichpunkte gefunden, welche aus diesem mächtigen Riesenelend leuchten. Noch bedeutsamer fällt die Verbrüderung ins Gewicht, welche die Helfenden und Rettenden sich die Hand reichen und alles vergessen läßt, was sie sonst so scharf von einander trennt, daß man die Gemeinsamkeit irgend einer größeren Aktion für unmöglich gefallen hätte. Aber Angesichts des erschütternden Jammers, der sich liier vor unseren Augen vollzieht, erscheinen doch alle diese Erwägungen als unzulänglicher Aschentrost, der kaum an das maßlose Web der unglücklichen Vertriebenen hinanreicht, geschweige denn, daß es uns mit ihm aussöhncn könnte. Denn die Gewaltthaten, die da an Millionen friedlicher, arbeitsamer, intelligenter jüdischer Menschen in unserer Zeit, in Europa, vor aller Augen verübt werden, sind so unerhört himmelschreiend, daß sich jedes fühlende Gemüth in wildem Schmerz aufbänmt, und der Genius der Menschheit vor diesen Gräueln trauernd das Haupt verhüllt. Sie sprechen doch allen Errungenschaften der Bildung und Gesittung Hohn, welche unser Jahrhundert in dem Geisftsinventar der Menschheit unantastbar sicher geborgen glaubte. Vor allem aber treten sie mit brutaler Gewalt die jüdischen Hoffnungen nieder, welche bereits das Morgenroth der Zeit gekommen wähnten, in welcher alle Willkür und Gewaltherrschaft von der Erde geschwunden und alle Menschen sich alS Brüder die Hand reichen werden. Und nicht nur die Aussichten für die Zukunft, die bewährten unerschütterlichen Anschauungen, unter welchen das Judcnthum seine Bekenner die Geschehnisse des Lebens auffassen und würdigen lehrt, sie drohen ins Schwanken zu gerathen oder starren uns doch wie unlösbare Räthsel an. Es giebt einen Gott, der über uns alle wacht, ohne dessen Willen kein Haar von unserem Haupte fällt, in dessen Hand Leben und Tod jedes einzelnen Menschen wie derGesammtheit liegt, warum werden Hunderttausende wehrloser Menschen aus ihrem Heim durch Länl er und Völker, über Meere und Wüsteneien in ferne, fremde, ungastliche Weitenden versprengt, um dort zu leben und zu sterben? Wohl mögen manche geirrt, gefehlt und auf diese oder jene Weise ein solches Loos verschuldet haben, aber die Braven und Wackeren, die ein an edlen Thaten reiches Leben hinter sich haben, die Reinen und Schuldlosen, die Kleinen, Unmündigen, die noch kein Hauch der Sünde entweihte, ]Nsn rhu wy dd, was haben diese Lämmer verbrochen? Während ich diese Zeilen schreibe, sitzen an meinem Tisch ein gebrochener 62jähriger Greis und eine trotz allem Weh, das über sie hingegangen ist, ungebeugte 65jährige Greisin, mit einem Theil ' ihrer Kinder. Jede Miene, jede Bewegung bestätigen ihre Worte, welche von den besseren Zeiten erzählten, die sie einst gesehen, und wie doppelt bitter ihnen das Bros des Exils wird. Sie erzählen das alte Leid, das einen immer wieder auf's neue ergreift, wenn es die schuldlosen Märtyrer auch zum hundertsten Male berichten. Wie schon seit Jahren die Gefahr der Ausweisung über ihren Häuptern s-chwebie, wie sie aber durch fortgesetzte empfindliche Geldopfer die Beamten vermocht härten Nachsicht zu üben. Eines Morgens vor 6 Uhr seren aber Kosaken mit blanken Säbeln in ihre Behausung gedrungen, hätten alles, was sie an Geld und Gut vorhanden, nicht etwa geraubt, sondern mit ungezügelter Zerstörungswut!) vernichtet und die Unglücklichen ans ihren Wohnungen für alle Zeit hinan? ins Elend getrieben, in dem sie heute noch umher irren. ^>o seien sie nach Deutschland gekommen^ und wären von Ort zu Ort weiter gewandert, ohne Ruhe zu finden. So hätten sie jetzt die Schweiz vergeblich nach einem Plätzchen durchsucht, das sie aufnähme und wollten jetzt in Holland ihr Glück versuchen um dann, wenn auch dieser Versuch fehlschlage, übers Meer zu gehen, das heißt den Sprung ins Ungewisse zu wagen, den Hunderttausende von Exilirten bereits gewagt und mit schweren, unsäglichen Enttäuschungen gebüßt haben. Noch ergreifender als diese Klagen, waren die Tröstungen, mit welchen die wackere Greisin den gebrochenen Lebensmut!) ihres Gattin aufzurichten suchte. Wie sie doch mitten in ihrem tiefsten Leid und Weh, so oft Gortes sichtbaren Beistand empfunden, wie oft er sie zu guten Menschen geführt habe, wie unerwartet seine Hilfe kam, wenn sie oft ganz mittellos und verlassen auf ihrer Wanderung, keine Möglichkeit mehr sa en, weiter zu leben und weiter zu kämpftu. Der Heilige, gelobt sei er, thut kein Wunder umsonst, er wird auch wieder die Wunden heilen, die er uns geschlagen hat, die Hilfe Gottes kann in einem Augenblick kommen, und sie kommt gerade dann, wenn wir die Hoffnung an sic ganz ansgeben zu müssen glauben. Und plötzlich unterbricht sie ihre Trostesworte mit der Bemerkung: Für mich und meine Familie sorge und fürchte ich nicht. Gott wird uns helfen, auch wenn wir cs nickt verdienen, so doch durch das Verdienst unserer Eltern und Großeltern, die gar brave fromme Leute waren. Aber die große Masse der Vertriebenen! Ist es nicht schrecklich, unbegreiflich, daß im ganzen großen. Europa sich nicht ein Staat findet, der uns anfnimnu? Daß wir ferne, fremde überseeische Länder und wilde Gegenden aufsucheu müssen, um ein Plätzchen für unsere müden Füße zu finden?