Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 32 (1891)
- Issue
- Heft 96 (10.12.1891)
- Date
- 1891-12-10
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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1795 zur Unterstützung der Verfolgten aufgefordert. Zugleich erinnerte er seine Gemeinde daran, daß die russischen Herrscher den Karaiten stets wohlgesinnt wären und auch der Czar Alexander III mache davon keine Ausnahme. Auch er habe diese jüdische Sekte unter seinen besonderen Schutz genommen, so daß ihre Mitglieder ruhig und zufrieden im russischen Reiche leben können und keine Verfolgungen zu befürchten haben. Was die Abstammung der Karaiten in der Krim und die Vorliebe der russischen Kaiser für dieselben betrifft so verweise ich hiermit auf das Werk v'-ip des berühmten Reisenden E. Deiuard. Derselbe hat sich sieben Jahre lang unter ihnen aufgehalten und ist dieser wie selten ein anderer competent ein Urtheil abzugeben. Welches der Ursprung der Karäer im Allgemeinen auch sein mag, von den Karäern der Krim steht es dem Verfasser auf Grund zahlreicher, zwingender Beweise fest, daß sie nicht von jüdischer Abstammung sind. ' Sie erscheinen vielmehr als Nachkömmlinge von Türken oder Mongolen, die im Laufe der Zeit jüdische Gebräuche angenommen, aber auch ihre ursprünglichen religiösen Sitten zum großen Theile beibehalten haben. Ueber die Beziehungen der Karäer zur Regierung und speciell zum Kaiser heißt es in dem ermähnten Werk: Fragt irgend Jemand die Karäer nach ihrer Religion, so antworten sie sofort: „Wir sind Juden." So haben es ihnen nämlich ihre Gelehrten eingeprägt, mehr wissen sie aber auch nicht. Fragt sie aber die Regierung, so antworten sie entweder gar nichts, oder sie sagen geradezu, sie seien keine Juden. Charakteristisch ist folgende Begebenheit, die in der Krim überall bekannt ist. Als Kaiser Nikolaus I. in der Krim war, besuchte er auch die Synagoge zu G u s l o w a (Eupatorin). Die Karaiten schmeichelten ihm in ihrer Weise und fanden auch Gunst in seinen Augen. Nach der Abreise des Kaisers errichteten sie ihm im Synagogenhof eine Denksäule zum Zeichen ihrer Verehrung. Sodann ließen sie in Petersburg durch eine Deputation aufragen, ob der Kaiser ihnen gestatte sein Bild an der Säule anzubringen. Dies wurde ihnen unter der Bedingung bewilligt, daß sie auch ein silbernes Kreuz aufstellen, welches der Kaiser ihnen schenkte. Darüber große Verlegenheit bei den Karaiten, und in ihrer Bestürzung suchten sie die kaiserliche Bestimmung rückgängig zu machen, indem sie das Bild des Kaisers ebenfalls nicht aujL stellten. Andere dagegen erzählen, das Kreuz sei heute noch im Besitz der Karaiten. Auch in L uza k soll früher ein Krenz in der karaittschen Synagoge gesehen worden sein. Thatsache ist, daß die Karaiten der Krim keine eigene Religion und kein feststehendes Gesetz haben. Denn als zur Enstehungszeit des Karaismus A n a n dem jüd. Gesetze den Rücken kehrte, baute er seine neue Religion auf der mohamedanischen auf. Durch die lange Zeit, während welcher die Karäer unter den Muselmännern lebten, nahmen sie nach und nach so viele mohamedanischen Bräuche an, daß heute die Karäer nur noch einen Schatten des jüdischen Gesetzes haben; 90° 0 ist islamitisch. Abgesehen von ihrer Kleidung, ihrer Sprache, ihrer Schriften und ihrer ganzen den Tartaren nachgeahmten Lebensweise, sprechen hierfür zahlreiche dem Islam entnommene religiöse Bräuche. Dazu kommt noch Vieles, das sie geradezu wörtlich dem Koran entnommen, aber durch Hinweise auf die Thora derart verbrämt haben, daß die ursprüngliche Quelle schwieriger festzustellen ist. Von der Thora Israels aber haben sie nichts als die heilige Sprache, in der sie beten, und auch hierbei haben sie keine in hebräischer Sprache abgesatzten Gebete, sondern sie recittreu nur aus dem Zusammenhang gerissene Bibelstellen, wie die Mahomedaner zusammengewürfelte Koranverse beten. Der Gebrauch der hebräischen Sprache beim Gebete ist aber noch kein Zeichen dafür, daß der Betende die Thora Israels anerkennt. Gibt es doch in England sogar eine christliche Sekte, welche hebräisch betet. Was das Aeußere der Karäer betrifft, so sieht man auf den ersten Blick, daß sie nichts vom jüdischen Typus an sich haben, wie das auch übereinstimmend von allen Reisenden, welche die Krim beschrieben haben, constatirt wird und wie es unsere heutige Abbildung auch zeigt. Sie sind von kleiner Statur, haben rabenschwarzes, kurzes, dickes Haar, große Ohren, kleine, runde Gesichter und lange dichte Bärte, die sie aber vielfach abrasiren lasten. — Die Christen und Mahomedaner, welche in der Krim wohnen, nennen die Karaiten „Jüdische Zigeuner." — Die Karaiten im Allgemeinen hassen die Rabbaniten mit erbittertem Kampfe bis auf den heutigen Tag. Sie freuen sich nicht nur heimlich über judenfeindliche Schriften, sondern sie betreiben mit aller Energie deren Colportage. Man könnte, wenn man bei den karailischen Gelehrten Haussuchung vornehmen wollte, Hunderte von Exemplaren derartiger Schriften finden. Während sie ein wissenschaftliches Buch nicht in die Hand nehmen, kaufen sie mit einer wahren Gier solche Schriften, welche sich zur Aufgabe machen, Schattenseiten des jüdischen Volkes aufzusuchen. — Spricht ein Karäer mit einem Rabbaniten, so gibt er sich äußerlich den Anschein einer freundschaftlichen Gesinnung. Hat aber der Rabbanit kaum