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Der Israelit · 1891-12-07 · Heft 95 (7.12.1891) · page 7

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Journal
Der Israelit
Volume
32 (1891)
Issue
Heft 95 (7.12.1891)
Date
1891-12-07
Page
– (sequence 7)
Language
German
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1783 aristokratischen Abstammung hatten und die adeligen Ahnen ihres Geschlechtes Nachweisen konnten. Eines ihrer Großväter war ein englischer Hengst gewesen, der einst Kanaans Boden paisirend, sich dort mit einer arabischen Stute vermählt hatte. Eine andere Großmutter wieder entstammte einem berühmten Geschlechte und hatte in ihrem Leben viel Pulver gerochen, und wiederum eine andere war sehr gebildet, hatte in einer berühmten Anstalt ihre Erziehung genossen und pflegte seiner Zeit sogar in Gesellschaft anderer, gleichfalls hochgebildeter Pferde, Vorstellungen im Tanzen und Springen zu geben. Man muß nämlich wissen, daß bei den Pferden *) die Rasse eine überaus wichtige Nolle spielt. Edles Blut wird sehr ernst genommen, und die einem guten Gestüte entstammenden Pferde werden „wohlgeboren" titulirt. Diese edlen Pferde eben weideten überall unbehelligt; machten Schaden uno verwüsteten das Getreide, welches die Bauern im Schweiße ihres Angesichts gesaet hatten. Aber cs achtete Niemand darauf und man sagte ihnen kein böses Wort; die Rosse wieherten, scharrten und schlugen nach vornen und nach htnten mit den Füßen aus, und das alles mit einer Wildheit und beinahe übernatürlichen Kraft. . . . Plötzlich ließ sich aus der Ferne ein starker Lärm vernehmen; menschliches Geschrei vermengte sich mit Hundegcbell. Anfangs schien es mir, daß die Bauern unter solch einem Gejohle rennen, um die herrschaftlichen Widder und Rosse aus ihrem Getreide zu vertreiben. Aber nein. Die Stimmen kamen von einer ganz andern Seite. Bon Neugierde ergriffen, begab ich mich nach der Richtung, von welcher das Geräusch kam, um zu erfahren, was eigentlich los sei. Als ich eine Strecke zurückgelegt hatte, erblickte ich einen großen, grasbewachsen!n Platz und eine furchtbare Szene bot sich meinen Augen dar: Bon allen Seiten kamen Gassenjungen und Taugenichtse herbetgelaufen, eine magere, dürre Schindmähre verfolgend, sie mit Steinen bewerfend und einen ganzen Rudel verschiedenartiger Hunde ihr auf die Fersen hetzend. Ein Thei! dieser Hunde zwar bellte, knurrte und fletschte nur die Zähne, ein anderer Theil aber biß darauf los, wieweit es nur ging. Ich konnte nicht in der Ferne stehen und solch einer abscheulichen Handlungsweise gleichgültig zusehen. Man muß doch Erbarmen haben, und sich so an Jemands Qual zu weiden, das empört ja das menschliche *) Unter „Pferde" ist ironisch auch Menschen gemeint, denn im Jargon nennt man einen Dummen „Pferd". Gefühl; aber abgesehen von Erbarmen, hat die Mähre alle Rechte auf meinen Schutz, da ich ein Mitglied des Thierschutz-Vereines bin, welcher ganz und gar nicht wünscht, daß man lebendige Geschöpfe quälen und martern soll, denn sie haben auch Blut und Knochen und gleiche Existenzberechtigung wie wir. Ich will mich hier nicht auf Auseinandersetzungen über Menschen und Thtere einlassen; wegen meiner soll es so sein, daß ich, der Mensch, das Ziel der Schöpfung, die Vollkommenheit aller Geschöpfe bin, daß Alles was lebt, nur dazu da ist, meine Bedürfnisse zu befriedigen und mir das Leben angenehm zu gestalten. Soll es wegen meiner dabei bleiben, daß ich als Mensch König und Herr aller Wesen bin und daß diese mir zu dienen, mein schweres Joch zu tragen und ihr Leben sogar mir zu opfern haben; dennoch aber habe ich für diese Stute, für diese einfache Unterthanin, gewisse Pflichten, die, wenn sie auch nicht im Gefühle der Menschlichkeit bastren, doch einem Rechtsbewußtsein entspringen. „Ihr Taugenichtse", schrie ich, mich der Gruppe der Gassenjungen nähernd, „was hat sich diese unglückliche Schindmähre zu Schulden kommen lassen? Was wollt ihr von ihr?" Ein Theil der Strolche beachteten gar nicht mein Schreien, andere wiederum hörten und lachten unverschämt. Manche Hunde schauten mich verwundert an, einige bellten mich aus der Ferne an, andere wiederum glotzten mich mit ihren Augen boshaft an, als hätten sie Lust, mich rücklings zu überfallen und mich in Stücke zu zerreißen. „Ihr Hallunken", rief ich noch einmal, „warum weidet ihr euch an den Qualen eines göttlichen Geschöpfes, einer unglückseligen Schindmähre?" „Wieso unglücklich", erwiderten sie mir höhnisch. „Warum grast sie hier? Warum treibt sich deine schone Stute da umher? „Wie das?" erwiderte ich, „ist doch dieser Weideplatz ein gemeinschaftlicher und das ganze städtische Vieh weidet hier seit undenklichen Zeiten." „Städtisches Vieh ist ganz was anderes, diesem ist es gestattet, aber nicht ihr." „Warum? Ist sie etwa nicht so wie das übrige städtische Vieh?" „Vielleicht ist sie nicht so," bekam ich zur Antwort. „Ach, ihr abscheulichen Kerle", rief ich, „aber sie hat ja wahrscheinlich ihren Herrn, der all die städtischen Abgaben und Steuern für sie zahlt und dadurch allein ist sie ja doch ein städtisches Vieh." „Davon wissen wir nicht, und ob sie dem städtischen Vieh beigesellt werden kann, ist noch eine große Frage."

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