Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 32 (1891)
- Issue
- Heft 93 (30.11.1891)
- Date
- 1891-11-30
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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XXXII. Jahrgang. Beilage?«M 93 des Israelit«, Ieschurun" Zeitungsnachrichten und Correfpoudenzeu. Deutschland. Berlin. Seit Jahren spielt in der Agitation der Antisemiten ein Flugblatt eine Hauptrolle, welches angeblich eine Liste von 71 jüdischen Güterschlächtern aus Hessen vorführt. Das Flugblatt beginnt : „Wie der Jude in dem Hessenlande arbeitet, zeigt auch die nachstehende Liste, die auch einen kleinen Theil der jüdischen Güterschlächter und der von Haus und Hof gejagten hessischen Brüder aufzählt. In vielen anderen Gegenden steht es heute, Gott sei's geklagt, nicht besser." Und dann kommen die Namen der 71 Güterschlächter und der vom Hofe gejagten Bauern. Welche Bewandtniß es mit der Liste hat, hat der Abgeordnete Rickert in der Reichstagssttzung vom 17. d. bei der Berathung über die Petitionen, betreffend die Verschärfung des Wuchergesetzes in folgender Weise dargelegt. Herr Rickert sagte: „Meine Herren, ich bin in dem Besitz — und kann die Dokumente hier auf den Tisch des Hauses legen — von 30 Bescheinigungen der lokalen Behörden und der gerichtlichen Akten, durch die die Behauptungen der hessischen Güterschlächterltste als vollkommen haltlos und unwahr dargelegt werden. Ich will nur die Zahlen im ganzen angeben. Die Güterschlächterliste führt auf 71 jüdische Güterschlächter bei Namen, darunter sind 19 doppelt aufgcführt, bleiben 52. Von diesen sind 3 notorisch Christen. Denken Sie einmal, daß auch diese 3 Christen einfach beweisen sollen, wie „der Jude arbeitet." Da sagt man vielleicht, das sind kleine Jrrthümer, unter 52 Juden 3 Christen! Aber ich muß doch sagen, wenn man das, was jedes Kind an dem betreffenden Orte weiß, nicht einmal herausbekommt, wie soll man Zutrauen bekommen, zu der Zuverlässigkeit und Bedachtsamkett der Herren, die diese Aufstellung hier gemacht haben?! Und nun in 46 Jahren! — Bleiben also 49 jüdische Ausschlächter übrig — in 46 Jahren nämlich sind diese Dinge passirt! In Bezug auf 30 Fälle liegen aber, wie gesagt, die amtlichen Bescheinigungen vor, daß die Anklagen vollständig haltlos und unwahr sind; in Bezug auf 8 Grundstücke z. B. wird nachgewiesen, amtlich bescheinigt, daß die Grundstücke niemals ausgeschlachtet find. Einzelne von den angegebenen Personen existiren an den betreffenden Orten garnicht, in anderen Fällen hat man ihnen die Kaufgelder cedirt; sie hatten mit dem Verkaufe und mit dem sogenannten Ausschlachten garnichts zu thun." Ganz ähnlich verhält es sich mit den Güterzertrümmerungen im Friedberger Kreise, von dem der Abgeordnete Liebermann v. Sonnenberg in der Sitzung vom 30. April erkärte, „in den Jahren 1884 bis 1889 sind aus dem Friedberger Kreisblatt 80 Fälle von Güterzertrümmerung herausgefun den; davon waren 62 durch Juden bewerkstelligt, zweimal waren es Juden und Deutsche in Gemeinschaft, in 5 Fällen war die Herkunft ungewiß." Und wie ist diese Liste zu Stande gekommen? Herr v. Liebermann hat sich auf das Friedberger Kreisblatt berufen. Man hat nun eine genaue Untersuchung dieser Güterschlächtereien veranlaßt. Was hat sich da herausgestellt? Abgeordneter Rickert berichtet darüber: „Man kann aus dem Kreisblatte über die Güterzertrümmerungen überhaupt gar nichts erkennen; es ist dort einfach die Anzeige, daß ein Haus oder Land zum Verkauf gestellt wird. Die Anzeigen sind viele Male doppelt; einmal ist es der Agent, der das Haus oder Land zum Verkauf anbtetet, das andere Mal der Besitzer. Sie können aus dem Kreisblatt beim allerbesten Willen gar nichts ersehen: handelt es sich hier um eine Güterzertrümmerung? Sie können auch gar nicht ersehen, ob die Sache perfekt geworden ist. In 33 Fällen haben wir ermittelt, daß zwar die Anzeige ergangen ist, aber derGrundftücksverkaufnicht zu Stande gekommen ist. In den einzelnen Fällen kann ich Herrn von Liebermann nicht kontroliren, weil er sich wohl gehütet hat, bestimmte Namen und Daten anzugeben, und nur sagt, aus dem Friedberger Kreisblatte gehe hervor — wie man das aber feststellen soll, ist mir bisher unverständlich gewesen. Ich weiß nicht, welche 80 Fälle der Herr Abgeordnete Liebermann von Sonnenberg meint, und welche 62 jüdische Güterschlächter er meint. Wir haben herausgefunden, daß in einer Reihe von Fällen, z. B. acht mal der Besitzer verkaufte, weil er als Rentier leben wollte; in vier anderen Fällen hatte der Besitzer 2 Grundstücke; das eine lag ihm unbequem und er hat deshalb verkauft; in 11 Fällen wollte der Besitzer sich ein besseres Grundstück erwerben. Hier sind in diesen Listen die Verkäufer mit Namen, mit Daten, soweit es überhaupt zu machen war, vollständig enthalten." Das ist das sogenannte statistische Material, mit Hülfe dessen die Herren Liebermann von Sonnenberg und Gen. die Judcnhetze betreiben. Mit Recht bemerkte der Abgeordnete Rlckert, er halte die Methode der Antisemiten für verwerflich und hoffe, daß der bessere Theil des Volkes sich verbinden werde, diesem Treiben entgegenzutreten. Berlin. Das B. T. schreibt: Da die eigentlichen Ziele der Antisemiten bei den anständigen