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Der Israelit · 1891-11-30 · Heft 93 (30.11.1891) · page 7

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Journal
Der Israelit
Volume
32 (1891)
Issue
Heft 93 (30.11.1891)
Date
1891-11-30
Page
– (sequence 7)
Language
German
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1743 der Familie, den hochbetagten, aber noch sehr rüstigen Moses Lilienfeld deckte seit einigen Tagen schon das Grab. Unerwartet und plötzlich war der Tod gekommen, ein Herz war gebrochen, das 68 Jahre lang treu und fest für seinen Gott und für seine Familie geschlagen hatte. Dieser schwere Schicksalsschlag hatte das Gemüth seiner Gattin so sehr erschüttert, daß sie aufs Krankenlager niedergeworfen wurde, und sie fühlte, daß sie sich nicht mehr davon erheben würde. Tag und Nacht umstanden Mirjam und Samuel, der ja immer mit der Nachbarfamilie so sehr befreundet war und auch jetzt an ihrem herben Geschick innigen Antheil nahm, das Krankenbett. Letzterer war es auch, der seinem in Wien weilenden Freunde Nachricht gegeben und ihn an das Krankenlager der Mutter rief, die in ihren Fieberphantasien fortwährend den Namen ihres Sohnes nannte. Es war schon spät am Abend, die Kranke war eben aus einem langen Schlafe erwacht, als die Thüre aufgerissen wurde und ein bleicher Jüngling hereinstürzte und vor das Bett der Kranken niedersank. „Adolf" rief die Kranke, „o mein Adolf, bist Du endlich da, wie sehnsuchtsvoll, wie schmerzlich habe ich Dich erwartet und zu Gott gebetet, daß er den Todesengel solange zurückhalten möge, bis ich Dein liebes, liebes Antlitz geschaut." Doch keine Antwort erfolgte, der Jüngling hatte sein Angesicht tief in die Kiffen des Bettes gegraben, und heiße Zähren rannen über seine Wangen. „Warum", fuhr die Kranke fort, „hast Du solange nicht geschrieben, mein Sohn, o, wenn Du wüßtest, wie sehnsuchtsvoll der selige Vater auf Nachrichten von seinem Liebling gewartet hat, wie trostlos Mirjam" — „Höre auf, Mutter," flehte er, „vermehre meine Qual nicht mehr, o verzeihe Deinem ungeratheneu Sohne, verzeihe ihm, der Dir den Abend Deines Lebens verbittert, ihm dem Abgefallnen" —- „Dem Abgefallenen", rief die Kranke wild, „also hast Du mit Deinem Gotte gebrochen, hast Du seine heiligen Lehren übertreten und mißachtet? Hast Du das gethan? O wie glücklich ist doch der Vater, daß er nicht mehr den Abfall seines Einzigen zu schauen brauchte"! „Mutter, habe Mitleid mit Deinem abgefallenen und so tief unglücklichen Sohne," schrie Adolf mit herzzerreißender Stimme. „Ich habe schwer gebüßt," rief er, und erzählte unter Schluchzen der aufhorchenden Mutter seine Lebensschicksale. „Die Strafe des Himmels für Deinen Abfall" murmelte tief erschüttert die unglückliche Mutter, „soweit konntest Du finken, daß Selbstmordgedanken in Deiner Brust aufstiegen, o mein Adolf, welchen Schmerz bereitest Du Deiner Mutter!" Während Mutter und Sohn ganz in dieses Gespräch versunken waren, hatten sie nicht das junge Mädchen bemerkt, das am Kopfende des Bettes stehend mit blutleerem Antlitz der Erzählung Adolfs gelauscht hatte. Geräuschlos verließ sie das Gemach und eilte hinauf in ihr Stübchen, um sich dort auszuweinen. Die 7 Trauertage um den Tod der Mutter Adolfs waren verflossen, er selbst und Mirjam hatten der Einladung der Eltern Samuels Folge geleistet und waren in ihr Hänschen eingezogen. Bis dahin hatte der tiefe Schmerz einestheils um den Tod seiner Eltern, anderntheils die Untreue jener Wiener Bankierstochter Adolf seine Umgebung vollständig vergessen lassen, und so kam es, daß er jetzt erst bemerkte, zu welch' herrlicher Jungfrau Mirjam während seiner Abwesenheit erblüht war, wie sie, die vorher kaum entwickelte Knospe, jetzt sich zur herrlichen Rose entfaltet hatte. Wie trunken hingen manchmal seine Blicke an ihrer zarten Gestalt, wie verfolgte er mit den Augen ihre stille Geschäftigkeit; er fühlte die Wunde, die ihm die Treulosigkeit jener Wiener Kokette geschlagen hatte, allmählich vernarbten, je mehr er dieses holde Wesen erblickte. Durfte er es jedoch wagen um ihre Hand zu werben, er, der Treulose um die Hand der Reinen, Edlen, der Abtrünnige um die Hand der Glaubenstreuen? Wenn sie seine Frevel wüßte, o wie würden sie sich mit Abscheu von ihm abwenden, dem einstmals so sehr Geliebten. Wäre es nicht viel besser, er würde es verheimlichen, tief vergraben in seinen Busen? Nein, fort mit diesen abscheulichen -Gedanken, alles soll sie wissen, alles erfahren. „Zum Richter will ich sie machen über meine Thaten," rief er sich zu, „auf den Knieen ihre Verzeihung erbitten." Mit diesem Vorsatze eilte der junge Mann fort, um Mirjam aufzusuchen, und er traf sie, wie sie im Gartenhäuschen sitzend sich mit einer weiblichen Arbeit beschäftigte. Es mußte etwas Trübes gewesen sein, an das sie eben dachte, denn der außenstehende Jüngling sah wiederholt Thränen in ihren Schooß herabperlen. „Mirjam," redete er sie an, indem er sein geistvolles Auge fest auf sie heftete, „Mirjam, bist Du im Stande etwas Schmerzliches zu vernehmen, bist Du stark genug, nach dem großen Unglück, das Dich und mich betroffen, und worüber, wie ich eben bemerkte, Du noch immer nicht getröstet bist, noch größeres zu ertragen, willst Du die Schuld eines reuigen Sünders anhören?" Bei den ersten an sie gerichteten Worten war Mirjam erschreckt aufgesprungen, als wäre sie auf

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