Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 32 (1891)
- Issue
- Heft 93 (30.11.1891)
- Date
- 1891-11-30
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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XX\n> Jahrgang. Israelit «»» Ieschurun Zkllstzäfl W Mm«ß jU. Skistrs ssd \il Kebrss in Ws. Gr«r!idr M Ztzilr. Gentrat-Hrgan für das orthodoxe ZudentHum. Begründet von Dr. Lehmann in Mainz. MT Fermsprechanfchlutz unter Nr. 315 nach Darmstadt, Frankfurt (Main), Bockenheim, Hanau, Wiesbaden, Offenbach (Main), Heidelberg und Mannheim. Montag, den SO. November 5652 (1891). Leitender Artikel. In eigener Sache! Mainz, 24. November. In Nr. 61 dieser Zeitschrift vom 16. Oktober vorigen Jahres gelangte der nachfolgende Artikel zum Abdruck: Alzey, im Oktober. Der bekannte Ausspruch Ben Akiba's findet bei unserer Reform keine Bestätigung. Denn seit ihrer Jncenirung sind wir gewohnt, in kurzen Zwischenräumen „nie dagewesene" Ueberraschungen an ihren Führern und Leitern zu erleben. Der Gottfried von der trefenen Bouillon oder das am Sabbat sein Pfeiflein schmauchende Rabbilein sind zwar nicht mehr im Stande, uns Rufe des Staunens zu entlocken, dagegen dürfte es neu sein, daß ein Schochet die Kaboloh (Befahigungszeugniß) zum Schächten) erhält, der nicht ein Wort Hebräisch lesen kann. Sie fragen, wer denn dies Ungeheuerliche zu Stande gebracht habe? Wenden Sie sich, bitte, an unseren Herrn Rabbiner Dr. Rothschild, er wird Ihnen nähere Auskunft darüber geben können. Ein armer, 16 /2 jähriger Lumpensammler in dem benachbarten Dorfe Pfennersheim ist der Bevorzugte, der mit der Kaboloh unseres Herrn Rabbiners in der Tasche uns mit „Koscherfleich" beglücken will. Man nimmt natürlich allenthalben Anstand, diesen jungen Mann, der weder eine höhere jüdische oder nichtjüdische Schule, noch ein Seminar besucht hat, vom Schächtfache selbstredend keine Ahnung hat, und der nicht mehr Bildung besitzt, wie der erste beste Hausbursche, die Schächtfunktion ausüben zu lassen; dennoch soll er an einem kleinen Orte in der Nahe bereits geschachtet haben. Doch die Bäume wachsen (nicht in den Himmel, und auch der Unwille gegen unser geistliches Oberhaupt hat einen solchen Höhepunkt erreicht, daß dasselbe sich genöthigt sah, sein Entlafsungsgesuch einzureichen. Wenn man auch hier nicht den orthodoxen Prinzipien huldigt, so wünscht man doch nicht, daß der Rabbiner sich rasirt oder am Sabbat per Eisenbahn die seinem Bezirke unterstellten Ortschaften aufsucht, um den Leuten von der Kanzel aus zu sagen, wie sie Gottes Gebote halten sollen. Herr Dr. Rothschild hat nun Muße, seinem Freunde Rahmer Betrachtungen über die „starre Neuorthodoxie und das Finsternitz um sich her verbreitende Muckerthum" zu liefern. Unserem Rabbinate aber wünschen wir, daß, entgegen dem bekannten Spruche, bald etwas BeffereS Nachkomme. Auf Betreiben des Herrn Rabbiners Dr, Rothschild in Alzey hat sich hierauf die Großherzogliche Staatsanwaltschaft veranlaßt gesehen, gegen den verantwortlichen Redacteur dieser Zeitung die Anklage wegen Beleidigung zu erheben; als Nebenkläger traten die Herren Berger, Vater u. Sohn auf, die sich durch den Artikel in ihrem Gewerbe geschädigt sahen. Bei der heutigen Schöffengerichts-Sitzung gelangte dieser Gegenstand zur Verhandlung. Auf Befragen des Richters über die Entstehung des Artikels theilte der Redacteur ds. Ztg. ungefähr Folgendes ntu: Während des ganzen vorjähr. Sommers sprachen in kurzen Zwischenräumen Leute aus dem Kreise Alzey, Lehrer, Vorstände u. auch Privatpersonen bei mir vor, die über die Art und Weise der Ausübung der rabbinatlichen Funktion von Seiten des Herrn Rabbiners Rothschild bittere Beschwerde führten und namentlich darüber klagten, in wie leichtfertiger Weise der Herr Rabbiner Kabolohs (Befähigungen zum Schächten) ausstelle. Man bat mich wiederholt und dringend, doch im „Israelit" darauf hinzuweisen, wie hierdurch eine unserer heiligsten Institutionen untergraben werde und hoffte daß wenn die Sache derOeffentlichkeit übergeben werde, H. Rothschild sich vielleicht veranlaßt fühle, in Zukunft mit Ertheilung seiner Zeugnisse vorsichtiger zu sein. Ich habe mit Rücksicht darauf, daß diese Mißstände nicht neueren Datums, sondern bereits während der ganzen langen Amtsdauer des erwähnten Rabbiners vorhanden waren, allen diesen Beschwerden kein Gehör geschenkt, zumal bereits in früheren Jahren vom „Israelit" mit ziemlich wenig Erfolg dagegen geschrieben worden war. Da kamen die Herbstfeiertage heran, und es wurde mir erzählt, daß ein Herr Jsaac, der erst vor Kurzem aus dem Kreise Alzey hierher gezogen war, sich in der Synagoge, während unser Herr Rabbiner Dr. Bondi über die Wichtigkeit und Heiligkeit der Schechitah sprach, sich seinen Nachbaren gegenüber äußerte, es sei zu bedauern, daß sich Niemand fände, der