Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 32 (1891)
- Issue
- Heft 92 (26.11.1891)
- Date
- 1891-11-26
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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1718 Million **) Elender zu gewährende Hilfe nicht ausreichen kann. Aber wäre eS dann nicht längst Pflicht gewesen, diese Thatsache zur allgemeinen Kunde zu bringen und in bewegendsten Worten die schreckliche Sachlage zu schildern, und in zündender Ansprache die gesammte Judenheit zur ergiebigen Opferwilligkeit anzuspornen? Hätte dann das Central-ComitL nicht längst an Stelle der einzelnen Lokal- oder Provinzial-Comitös die sämmtlichen Gemeinden der Welt zu einem großen internationaljüdischen Congresse versammeln, bezw. zur Entsendung von Bevollmächtigten auffordern sollen, um die Noth der Millionen unschuldig leidender Glaubensgenoffen in ihrer schrecklichen Größe allen Juden eindringlich ans Herz zu legen und auf ausreichende Mittel zur Rettung zu sinnen, und Ntte die Delegirten-Bersammlung, da das Central- ComitL dieses unterlassen, nicht ihrerseits einen solchen Beschluß zu fassen sich gedrungen fühlen sollen? Wahrlich, wenn ausschließlich das rege Nutzgefühl, das Bewußtsein der innigen Zusammengehörigkeit mit den nothleidenden Brüdern und die Erkenntniß von der unabweisbaren Hilfspflicht das Central-Comits und dieDelegirten bei ihrem Wirken, Berathen und Beschließen geleitet hätten, dann wäre das Unbegreifliche jener engherzigen, unverständigen Handlungsweise und dieser zustimmenden, billigenden Haltung nicht möglich gewesen. Nur widerstrebenden schweren Herzens sprechen wir diesen Tadel von der Unzulänglichkeit des Wollens Männern gegenüber aus, die in der Vollführung wohlthätiger Handlungen begriffen sind und zum Theil mit vieler Hingebung gearbeitet haben. Das in der Weltgeschichte beispiellose Elend schreit in herzzerreißender Klage um Hilfe, und die schaurige Größe des namenlosen Unglücks heischt gebieterisch den vollen Einsatz einer großherzigen That. Mit dem alltäglichen Mitleide ist hier nicht gedient. Die Männer, welche die Leitung der con« centrirten Kraft der Gesammtheit übernommen haben, müssen für das außerordentliche große Werk auch einen außerordentlichen hohen Geist und ein außerordentlich großes Herz und einen außerordentlich weiten Blick und eine außerordentlich feurige Begeisterung besitzen und bethätigen, müssen den Ernst und die Größe des weltgeschichtlichen Augenblicks voll und ganz erfassen und die Gesammtheit zu einem außerordentlich großen Werk zu entflammen verstehen. Die Größe der Aufgabe erheischt wahrhaft große Männer. Wie klein, wie winzig klein erscheint die bisherige Leitung in dieser einzig **) Dr. Rülf in Memel schätzt die HülfSbedürftigen auf l* lj2 Million. hohen und ernsten Minute der jüdischen Leidensgeschichte. — — Als die schreckliche Judenverfolgung der Jahre 1648 bis 1651 des Kosackenhetmans Chmelnicki die Welt mit Entsetzen erfüllte, und Hunderttausende polnischer Juden nackt und elend zu flüchten gezwungen waren, da zeigten die glücklicheren Glanbensgenoffen sich der obliegenden Bruderpflicht voll gewachsen. Die deutschen, holländischen, österreichischen, italienischen und türkischen Juden damaliger Zeit öffneten den Flüchtigen in wahrhaft brüderlicher Liebe die Arme und suchten ihnen bei sich neue Heimstätten zu gründen. Da bewährte sich tn Wahrheit das rpt> nt o'my sie standen nicht in kaltherziger Gesinnung den Flüchtigen, den von Allem entblösten Brüdern gegenüber, sie wußten sich mit ihnen eins, es war ihnen keine leere Phrase, daß das Elend der Brüder ihnen nahe ging. Unter schweren Opfern nahmen sie die polnischen Juden bei sich auf. Und heute? Fünf Millionen unserer Brüder seufzen nicht nur unter Druck, nein, die Möglichkeit ihrer Existenz ist in Frage gestellt und für mindestens die eine Hälfte absolut vernichtet, denn darüber kann kein Zweifel mehr sein. Die aus den inneren Theilen Rußlands in den sogenannten Anstedelungsrayon getriebenen Juden sind nicht nur der eigenen Existenz vollständig beraubt, ihre Gegenwart mutz mit absoluter Nothwendigkcit auch die Existenz der großen Menge der tn diesem für die Zahl der Juden ohnehin viel zu engen Raum Ansässigen zerstören. Schon längst gewährte dieser beschränkte Landstrich der Masse der daselbst Eingepferchten kaum das kümmerlichste Leben. Es fehlte schon längst an Lust, Licht und Nahrung in einigermaßen auskömmlichem, menschenwürdigem Umfange, und nur eine so genügsame Bevölkerung wie die dortige jüdische, hat solche Lebcnszustände ertragen können. Der Zuwachs von ein bis anderthalb Millionen, die in diesen Raum gewaltsam getrieben werden, macht Alle ohne Ausnahme — die wenigen wirklich Vermögenden nicht mitgezählt — nicht allein zu Bettlern, sondern benimmt Allen ausnahmslos die Möglichkeit der Existenz in buchstäblichem Wortsinn. Das ist in grauenhafter Wirklichkeit die Lage der Juden des russischen Reichs. Und da kann es das erste unwidersprochene Wort des Borsitzenden des Central- Comitös sein, daß die Aufgabe vor Allem darin bestand, den Armen und Elenden — nicht Hilfe zu gewähren — sondern Hilfe zu versagen, und die Unglücklichen mit ihrem ,, unaussprechlichen Jammer" in das alte Elend zurückzujagen!! Und da hatte es nichts Eiligeres zu thun, als dafür zu sorgen, daß die weite Grenze des russischen Reichs gegen Deutschland den verzweifelten Un-