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Der Israelit · 1891-11-23 · Heft 91 (23.11.1891) · page 7

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Journal
Der Israelit
Volume
32 (1891)
Issue
Heft 91 (23.11.1891)
Date
1891-11-23
Page
– (sequence 7)
Language
German
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Zimmer, ohne zu wissen, was sie thun und was sie sagen sollte. Leah war inzwischen zu dem Kranken getreten und hatte seine Hand ergriffen. „Baruch", flüsterte sie, sich über ihn neigend, „Tirza ist hier — sie ist zu Dir gekommen — willst Du sie nicht sehend" Der Kranke schien sie nicht zu hören, wenigstens nicht zu verstehen. „Sprich' Du zu ihm, Tirza", bat Jakob, indem er sie mit sanfter Gewalt zum Bette drängte und ihr einen Sessel hinrückte, „setze Dich zu ihm und rufe ihn beim Namen." „Baruch!" stammelte Tirza, „Baruch!" „Du mußt lauter sprechen und Dich zu ihm neigen." Aber dem jungen Mädchen war der Hals wie zugeschnürt, sie war nicht sofort im Stande, ein lautes Wort hervor^ubringen. Mehrere Minuten verstrichen, bis sie enolich mit lauter Stimme den Namen des Kranken rief. Ein unaussprechlich glückliches Lächeln umspielte die eben noch vor Schmerz zuckenden Lippen des jungen Mannes, er schlug die Augen auf uud blickte in das über ihn geneigte Angesicht der Geliebten. „Tirza!,, murmelte er mit vor Freude bebender Stimme. „Du bift's. — Ach, wie lieb von Dir, daß Du zu mir gekommen bist. — Wenn Du wüßtest — wie sehr ich mich nach Deinem Anblick gesehnt habe — vor Sehnsucht habe ich die ganze Zeit hindurch nicht schlafen können —davon schmerzt mich der Kopf. —" „Aber jetzt Haft Du mich gesehen", entgegnen Tirza mit Macht ihre Erregung bezwingend, „jetzt wirst Du schlafen und mit Gottes Hilfe recht bald gesund werden." „Nein", flüsterte er, „nein, ich will nicht schlafen — denn wenn ich schlafe, kann ich Dich nicht sehen." Aber wider Willen fielen ihm die Augen zu, doch mit Gewalt riß er sie wieder auf. „Schlafe, liebes Kind, schlafe", bat die Mutter mit überströmenden Augen „Tirza bleibt hier, während Du schläfst, und nachdem Du geschlafen hast, kannst Du Dich mit ihr unterhalten." Er bemühte sich vergebens die Augen offen zu halten. „Jst's wahr Tirza d — wirst Du hier bleibend —" „Wenn Du es wünschest. —" „So gib mir Deine Hand — dann werde ich schlafen. —" Einen Moment zögerte das junge Mädchen. Aber die Tante sah so bittend zu ihr hinüber, daß sie seinem Wunsche entsprach. „Dank", flüsterte er, während er mit seinen beiden Hände die ihre umklammerte, er schien sie an seine Lippen führen zu wollen, aber der Schlaf übermannte ihn, er flüsterte noch einige unverständliche Worte, dann lag er ruhig schlummernd da, ein Lächeln umspielte seine Lippen. Seitdem weilte Tirza Tag für Tag mehrere Stunden au dem Schmerzenslager ihres Vetters dessen Krankheit rasche Fortschritte machte. Er litt unsäglich, nur wenn das junge Mädchen an seinem Bette saß, wenn er ihre Hand halten durfte, dann lag er ruhig und schien glücklich. Die zweite Woche seit Baruchs Erkrankung neigte sich zu Ende, seine Kräfte nahmen mehr und mehr ab, in demselben Grade als feine Schmerzen sich mehrten. Seine Mutter und sein Bruder wichen nicht von seinem Lager, Tirza verbrachte in der zweiten Woche den größten Thetl des TageS bei ihm, denn in ihrer Gegenwart fühlte er sich trotz seiner Schmerzen immer glücklich und auch ihre Eltern verweilten viel im Hanse ihrer Verwandten. Es war Abend, der Kranke lag kn unruhigem Schlummer, Jakob saß an seinem Bctte, während Leah von ihrem Schmerze übermannt, in einer entfernten Ecke des Zimmers ihren Thränen freien Lauf ließ und ihr Bruder an ihrer Seite sie zu trösten suchte. Tirza hatte sich auf Verlangen ihrer Mutter mit derselben bereits entfernt. Die Temperatur des Kranken stieg, je weiter die Nacht vorschritt, in unheimlicher Raschheit hob und senkte sich seine Brust, Plötzlich schlug er die Augen auf und blickte wild um sich. „Licht!" stammelte er,„Licht! — 's ist finster!—" Jakob schob den Schirm zurück, der die brennende Kerze verdeckte, der Kranke athmete etwas tiefer auf, indem er suchend um sich blickte. „Tirza — wo ist Tirza d" „Sie ist nach Hause gegangen", erwiederte Jakob, „sie schläft vermutlich schon, es ist gleich Mitternacht." „Laß' sie rufen", flüsterte der Kranke mit Anstrengung, „schnell! — schnell! ich muß sie sprechen." „Lieber, guter Baruch, mitten in der Nacht kann ich doch Tirza nicht rufen lassen. — Suche zu schlafen, dann vergeht Dir die Nacht rasch und morgen früh wird Tirzazu Dir kommen." „Morgen früh", wiederholte Baruch, während es seltsam um seine Lippen zuckte — „ich muß sie sprechen — schnell — schnell — Tirza!" wimmerte er, „Tirza!_" "Rabbi Juda eilte zum Krankenbette, Jakob teilte ihm flüsternd das Verlangen seines Bruders mit, und der erfahrene Mann erkannte sofort, daß, wenn der Wunsch des Kranken erfüllt werden sollte, man nicht zögern dürfe.

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