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Der Israelit · 1891-11-19 · Heft 90 (19.11.1891) · page 26

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Journal
Der Israelit
Volume
32 (1891)
Issue
Heft 90 (19.11.1891)
Date
1891-11-19
Page
– (sequence 26)
Language
German
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dieser Thorarolle gekommen, ist sagenhaft ausgeschmückt. Ueber der heiligen Lade befindet sich eine Lampe mit zwei Lichtern, die dem Andenken zweier in Worms unbekannten Männern gewidmet ist, welche einst zur Zeit der Kreuzzüge selbst ihr Leben Preisgaben, um die hiesige israelitische Gemeinde vor drohendem schweren Unglücke zu bewahren. Wir verlaffen die Synagoge und begeben uns zur im Westen an dieselbe angebauten Raschikapelle. Hier treffen wir einen an die Wand eingelassenen Stein, den sogenannten Raschistuhl. Raschi, die Abkürzung von Rabbi Salomon Jizchaki, wurde in Troyes (Champagne) 1040 geboren und besuchte, um sich im Talmudstudium zu vervollkommnen, die berühmten Schulen zu Mainz, Speyer und Worms. Es ist hier nicht der Ort, um über Raschi's Thätigkeit und Leben zu berichten, dieselben sind ja auch allbekannt, wir erwähnen nur kurz, daß sein Wissensdrang so groß war, daß er Haus und Weib verließ, um in der Fremde seine Kenntnisse in der Gorteslehre zu erweitern. Er erzählt von sich selbst, in welch' dürftigen Verhältnissen er das Studium betrieb, „in Mangel an Brod und ordentlicher Kleidung, obwohl in der Ehe lebend." Hin und wieder besuchte er seine Frau, kehrte aber immer wieder zu den genannten Lehrstätten zurück, bis er sich im Alter von 25 Jahren dauernd in Trotzes niederließ. In seiner Bescheidenheit ahnte er nicht, daß man ihn schon damals als einen Meister im Talmud verehrte. Der Raschikommentar über Bibel und Talmud ist auch nichtjüdischen Kreisen allbekannt und hochgeachtet. Aus allen Theilen Deutschlands .und Frankreichs ergingen an Raschi gutachtliche Anfragen und seine Antworten zeugen ebensosehr von tiefer Sachkenntniß, als von liebenswürdiger Milde des Charakters. Raschi starb in Trotzes 1105 und liegt nicht, wie manche Geschichtsschreiber behaupten, in Worms, sondern in seinem Geburtsorte begraben. In der Raschikapelle treffen wir außer den Werken Raschis noch eine Anzahl Gebetbücher für die Festtage, mit hebräischer Quadratschrist auf Pergament geschrieben und mit Miniaturmalereien versehen. Bei unserem Gange durch die Synagoge und Raschikapelle war es nur der historische Faden, den wir bei jedem einzelnen Gegenstände festzuhalten suchten. Daß aber diese ein ganzes Retz von sagenhaften Maschen umgibt, ist hier, wie bei allen Dingen, deren Sein in die dunkle Vergangenheit zurückreicht, selbstverständlich. Vielleicht finden wir einmal Zeit und Muße, dann sollen auch die Sagen, die sich an die jüdische Gemeinde Worms knüpfen, Gegenstand einer besonderen Behandlung sein. Zeitungsnachrichten und Correspoudenzen. Deutschland. Berlin, 14. Nov. Heiter auch in ernster Zeit ist die Devise der antisemitischen „Staatsbürger-Zeitung". Sie hat offenbar mit jüdischen Kreisen allerintimste Fühlung gewonnen und ist daher in der Lage, folgende sensationelle Mittheilung, von der sonst „Niemand was weiß", ihren Lesern aufzutischen: „Von sonst gut unterrichteter Seite geht uns nun die Mittheilung zu, dnß von jüdischer Seite gegen den Fürsten Bismark Manifestationen geplant seien, und zwar sollen dieselben bereits morgen, Sonnabend, in Scene gesellt werden. Wir nehmen von dieser Mittheiluug lediglich zu dem Zwecke Notiz, damit unsere Leser für den Fall, daß dergleichen cintreten sollte, wissen, von welcher Seite dies hcrrührt." Das klingt aber höchst verdächtig. Wenn solche „Manifestationen" wirklich stattgefunden hätten, und die „Staatsbürgerztg." behauptete nachher, sie seien von jüdischer Seite in Scene gesetzt, so würde ihr das schon kein anständiger Mensch glauben. Wenn sie nun gar schon vorher mit Fingern auf die Juden als Urheber solcher „Manifestationen" -hinweist, so erregt das natürlich höchstens den Verdacht, als ob die „Staatsbürgerztg." selbst Lärmscenen erregen will, um nachher auf die Juden schimpfen zu können. Wenn die „Staatsbürgerztg." den „Lockspitzel", den agent provocateur, spielen will, muß sie es klüger anfangen. svermischtes. < Allenstein, 1. Nov. Herr Dr. Nosentha! in Rogasen ist zum Rabbiner der hiesigen Gemeinde gewählt und tritt am l. Januar 1892 seine neue Stelle an. Aus Sachsen, 9. Nov. Der ehemalige Landtagsabgeordnete für den Wahlkreis Dresden-Antonstadt und frühere Führer der christlich-sozialen Partei in Dresden, EisenbahnbetriebSingenienr B a r t h o l o m ä u s machte dieser Tage seinem Leben durch Gift ein Ende. Die Ursache des Selbstmordes, der in Sachsen großes Aussehen erregt, — ist gutem Vernehmen nach — darin zu suchen, das; dem Bartholomäus die Verhaftung auf Grund des 176 Abs. 3 des Strafgesetzbuches lievorstand. Merkwürdigerweise mußte sein unmittelbarer Vorgänger in der Vertretung des bezeichneten Landtagswahlkreises, der konservativ - antisemitische Rechtsanwalt R. Schmidt s. Z. eine längere Freiheitsstrafe wegen Unterschlagung verbüßen. Budapest, 11. Nov. Das jüdische Mitglied des Magnatenhanses,Dr. Ignatz Hirschler, bekannter Augenarzt, ist 68 Jahre alt gestorben. Für den folgenden Theil ist die Redaction nicht verantwortlich.

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