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Der Israelit · 1891-11-19 · Heft 90 (19.11.1891) · page 9

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Journal
Der Israelit
Volume
32 (1891)
Issue
Heft 90 (19.11.1891)
Date
1891-11-19
Page
– (sequence 9)
Language
German
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[XII Jahrgang. eilage pt m 90 des „Israelit & Ieschnr»«". Iie DekegirLen-Alerfammtung zur Berathung der Hilfsaction für die Russischen Juden. V)cu' Karl Lmil Franzos-Berlin: Der Bericht, welchen ich Ihnen laiuens der Kolonisations-Kommission, beziehungsweise jener Körper« ■d'aft, welche uns aus ihrer Mitte gewählt und beauftragt bat, unseres cichäftssührenden Ausschusses, zu erstatten habe, bezweckt durchaus icbt, die gcsaininte Frage der Kolonisation der russischen Juden in Heu Punkten und bezüglich aller Länder. die hier in Frage kommen önncn, gleich eingehend und erschöpfend zu kritisiren und klarzustellcn. lllcrdings waren wir von Anbeginn darüber einig, daß die scbwere glicht, welche die Noth unserer russischen Glaubensbrüder allen gnden auferlcgt, für unser Theil nur dann voll erfüllt sein werde, x>cun wir uns nicht etwa nur aus den Transport beschränken, sondern auch für die dauernde Versorgung der Unglücklichen bemüht fein würden. Aber daß wir beiden Ausgaben nicht in gleicher vollständigeit und Ausschließlichkeit wurden Nachkommen können, war uns von ernhcrein klar, wir wollten versorgen, kolonisiren, wie die Andern, nit den Andern. Denn daß wir auch in diesem Zweig des kilfswerkes ganze Arbeit leisten sollten, war ja schon durch dasselbe Moincut ausgeschlossen. welches uns die gesammte Beförderung auserlcgt: die geographische Lage Deutschlands. Nicht minder aber durch die Beschränktheit unserer Kräfte und Mittel gegenüber der Größe der Ausgabe. Diese Ausgabe ist eine ungeheure und steht in der weltgechichtc ganz ohne Beispiel da. Das ist buchstäblich wahr, selbst wenn man von dem schlimmsten Falle absieht. In Rußland leben so viele )uden, als in allen andern Ländern des Erdballs, also annähernd genau die kälste unserer ganzen Glaubcnsgenossenschaft. Angenommen. es müßten Alle aus Rußland fort, dann würde die eine kälste für lue andere zu sorgen haben. Dieses Schlimmste ist zum Glück höchst unwahrscheinlich, ganz ebenso wie das Beste: daß eine ungewöhnlich starke Lmigrcttion^nur kurze Zeit sortdauern wird. Die Wahrheit ist: wir können die §>ahl heute nicht bemessen, aber nur der Leichtsinn kann die Möglichkeit ausschließen, das wir für Kundert- und aber lstmderttausende, für eine Million Menschen und darüber zu sorgen baben werden. War Aehnliches je da?! Ls gicbt in der Geschichte l>cs >0. Jahrhunderts einen einzigen Fall, wo plötzlich und jählings eine Maffonemigration stattstndon mußte; ich meine die Auswanderung aus Irland nach Amerika nach den großen, wiederholten Kungersnöth en in den vierziger Jahren. Aber sie wurde von einer Regierung aelcitet, mit der Autorität, den Mitteln, dem vcrwaltungsappara't eines des reichsten und geordnetsten Staatswesen der Welt. Und die Auswanderer wurden in 'Lebensbedingungen hineingeführt, welche von jenen ihrer Heimath nicht allzu verschieden waren, wie anders hier! Mir haben keinen Staat; private wohlthätigkeitsausfchüffe ohne die Autorität, das Geld, den Lredit, die Verwaltungsmaschine eines Staates sollen eine Aufgabe lösen, die auch mit alledem erdrückend groß wäre! Ja noch mehr, wir sind ja auch kein einheitliches Volk mehr, der Jude in den Kulturländern ist heute ein Deutscher, Franzose Engländer jüdischen Glaubens, und Gottlob, daß er's ist! wir find nur noch eine Glaubensgenoffenschaft, verstreut in alle Länder der Welt; unser überaus inniger Zusammenhang unter einander, unser herrschender Einfluß auf unsere Mitbürger anderen Glaubens besteht nur in der Phantasie unserer Gegner; in Wahrheit haben wir, so überaus verschieden sonst unsere Verhältnisse find, fast überall den Aampf mit dem vorurtheil zu bestehen. Und unsere Geldmittel?! Die reichsten Menschen der Erde sind nicht unter den Juden zu suchen, wohl aber höchst wahrscheinlich die ärmsten; der Durchschnitt ergiebt ein Resultat, welches Anderen keinen Neid, uns kein allzu großes Selbstvertrauen einzuflößen vermag. Um aber die Schwierigkeiten vollends in's Ungeheure zu steigern, sind auch die Lebensbedingungen, in welche wir uitzcrc Schutzbefohlenen hineiilziisnbrcn haben, vcn! ihren bisherigen überaus verschieden; sie müssen es sein und sollen e:? sein. Aber die Notbwendigkeit gebietet! Und so muffen wir Alli i unsere scbwacbe Kraft an dem Werk versuchen, dessen Gleichen di, I Welt noch nicht gesehen! (Beifall!) was aber insbesondere unse:! deutsches Ecntral-Komiree bcrrifft, so fassen wir seine Aufgabe nact I dieser kinffelst als eine doppelte aus: Wir wollen mit allen Anderer! volle Verständigung über Arbeitsgebiet, Arbeitsweise, praktisch, | Arbeitstheilnng anzubahnen versuchen, wenn irgendwo, so ist hie' j intimste Fühlung aller Arbeiter unter einander no'thwcndig. Die Ep sabrungen müssen fortwährend ausgetauscht werden, die guten zu: Ermunterung, die schlimmen zur Warnung der Anderen. Zweitem wollen wir selbst aus den uns erreichbaren Mitteln eine Kolonie be gründen, deren Ausdehnung natürlich von diesen Mitteln abhänqk was die erste Aufgabe, die Verständigung über die Arbeit, betrifft! var sie bisber desbalb nicht so leicht erfüllbar, weil die Meisten — w tu e so wollen wir hoffen — ibre Projecle noch im Stillen zu erwäget verziehen. Denn daß das Schweigen auf der ganzen Linie dahe: rübrt. weil überhaupt noch nichts geplant wird, fiel uns zu glaubet schwer. Ls wäre zu schmerzlich! . . . Daß wir mit jenen beider Faktoren, die ans diesem Gebiete der dauernden Fürsorge bereit! energisch thätig sind, dem kerrn Baron Kirsch und den nordamerikanischet Komitees, in intimster Füblung stehen und ihnen in der Ausführunc als treue Mitarbeiter zur Seite stehen, wissen Sie bereits. Beginnet auch Andere zu arbeiten, so hoffen wir das Ziel einer verftändigunc auch mit ihnen zu erreichen und zwar schon aus dem äußeren Grunde' weil jedes Kolonifations-Koiniiee in beständigem Verkehr mit un: bleiben muß. Gebt doch das Material zunächst durch unsere kändes die Lntigration von unseren käten aus. was unsere eigene Koloni, betrifft, so haben wir zwei Schritte gethan. Zunächst haben wir dringlichen Rathschlägen des kferrn Baron Kirsch und einer uns ir der ersten Delegation seitens der Pariser Allianz gegebenen Anreguno folgend, zum 'Zwecke der Erforschung der Kolonisationsverhältniffc in Brasilien eine geeignete Persönlichkeit, Kerrn Boxer, nach diesem Lande entsandt, zweitens haben wir zur Prüfung der Kolonisationsvorschläge, die bei uns eingelaufen sind, eine Kommission eingesetzt, welche aus vier Mitgliedern unseres geschästsführeuden Ausschusses besteht. Die allererste Frage, über welche sich unsere Kom Mission klar werden mußte, war die, ob wir uns durch die Entsenduno eines Beaustragten nach Brasilien bereits irgendwie, vorwiegend oder gar ausschließlich, für Brasilien bestimmt fühlten. Die Antwort war: „Nein! Die Thatsache hat uns nicht zu beeinflussen". Und so sind wir mit voller Unbefangenheit an unsere Berathungen gegangen. (Redner entwickelt die Schwierigkeiten, welche die Kommission zu überwinden hatte, und fährt dann fort:) Unsere Aufgabe haben wir etwa, wie folgt, umschrieben: wir betrachten es nicht als unsere Aufgabe, definitive Beschlüsse darüber zu fassen und präeise Anträge darüber zu stellen, welche Länder sich überhaupt zur Anlegung von Kolonien russischer Juden eignen und welche nicht, wir müffen erklären, daß es nach unserer Ueberzeugung kaum ein Land giebt, welches absolut ungeeignet, und kein Land, welches absolut und in jeder Beziehung geeignet ist. Ls kann sich also immer nur darum handeln. Vorzüge und Nachtheile sachlich und gewissenhaft abzuwägen und kein Land ohne genaueste Prüfung ganz zu verwerfen. Ferner aber ist auch der Faktor, der als Kolonisator auftritt. voll zu berücksichtigen. Ls giebt eine große Reihe von Ländern, welche, wenn überhaupt, dann nur von einem bestimmten Punkte, also von der Iudcmchaft eines bestimmten Laudes kolonisirt werden können, während die Kolonisation von anderen Punkten aus von vornherein ein erfolgloses Werk wäre. Ls giebt aber auch Länder, in denen mit Rücksicht auf die Preise von Grund und Boden und andere ver, hältniffe die Kolonisation nach unserer Ueberzeugung großen Schwierigkeiten begegnen würde, wo aber andererseits kein Grund vorliegt, den freiwilligen, mit genügenden oder gar reichen

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