Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 32 (1891)
- Issue
- Heft 90 (19.11.1891)
- Date
- 1891-11-19
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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1687 wandten kaum beachtet, mtt verzehrender Gluth hingen seine großen, glühenden Augen an dem bleichen Mädchen, das sprach- und regungslos ihre Fassung vollständig verloren hatte. Langsam schwankte er auf sie zu und bot ihr seine abgezehrte Hand. „Tirza!" flüsterte er. Bezwungen durch den unsäglichen Schmerz, der in seiner Stimme lag , legte sie mechanisch ihre Hand in die seine, während eine große Thräne über ihre Wangen rollte und auf seine Hand fiel, die die ihre noch umschlossen hielt. Er fuhr zusammen, um seine Lippen zuckte es. „Dank!" — stammelte er, „darf ich mich zu Dir setzend" Die Sprache versagte ihr noch immer, aber sie rückte seitwärts, ihm Raum gebend, daß er sich an ihrer Seite niederlassen könne. Sie hatte in diesem Augenblick vollständig vergessen, was er ihr gewesen, sie sah in ihm nur den schwerleidenden Verwandten, den, ihrer Meinung nach, todtkranken Freund ihrer Kinderjahre. Rabbi Juda bemühte sich eine möglichst harmlose Unterhaltung in Gang zu bringen. Bald darauf kam auch seine Schwester, die das Wiedersehen mit ihrem anscheinend schwer kranken Sohne mächtig erschüttert hatte. Als sie ihn jedoch jetzt an Tirza's Seite sah, erschien er ihr weit weniger bleich und leidend, ihr hoffnungsfreudiger Blick dankte dem jungen Mädchen, dessen Hand er immer in der seinen hielt. Die Anfangs mehr gezwungene Unterhaltung ward allmählich freier und lebhafter, auch Tirza hatte ihre Unbefangenheit wieder erlangt, nachdem die heißen Finger ihres Vetters sich endlich von ihrer Hand gelöst hatten. Varuch erzählte von seinen Reisen, welch' nahezu vernichtenden Eindruck die Erkenntniß seines Jrrthums ans ihn gemacht hatte, wie er Wochen lange krank gelegen, zwischen Leben und Tod gerungen halte, und wie er oft nicht geglaubt habe, daß es ihm vergönnt sein werde, die Heimath wieder zu sehen, daß er jedoch glaube, seine glühende Sehnsucht nach den Seinen, die er durch seine Verirrung so schwer gekränkt und ohne deren Verzeihung er nicht habe sterben könne, habe ihm schließlich wieder zu Kräften vcrholfen. „Armer Junge", sagte Rabbi Juda mitleidig, „Du hast schwer gelitten. Trotzdem glaube es mir, die Wahrheit erkauft man nimmer zu theuer, Du hast sie theuer aber für ewig errungen." Baruch wechselte die Farbe. „Ich habe mir oft dasselbe gesagt. O, wenn Du wüßtest, Onkel, wie oft ich Deiner Ermahnung und Deiner Warnungen gedacht habe. — Glaube mir, ich bin ein anderer Mensch geworden, nicht nur in meinem Aeußern, sondern weit mehr noch in meinem Innern." „Gott sei Dank!" entgegnete Rabbi Juda, „dann wird Dein äußerer Mensch mit GotteS Hilfe bald wieder der alte." „Es wird kühl", bemerkte Leah, die leicht fröstelte, „ich denke, wir machen uns auf den Heimweg." Alle erhoben sich, der Abend war längst hereingebrochen, und während Rabbi Juda und seine Familie den Verwandten bis zum Ausgang des Gartens das Geleite gaben', begann die Nachtigall in den dichtbelaubten Zweigen ihr süß melodisches Lied. Lauschend blieben alle stehen. „Wie schön!" flüsterte Baruch, indem er die Hand seiner Cousine drückte, „wie wunderbar schön." Er glaubte den Druck seiner Hand von Tirza erwiedert und wonnetrunken trat er mit Mutter und Bruder den Heimweg an. „Es ist sehr lühl geworden", sagte Leah, indem sie die Mantille fester um die Schultern zog, „Du sollst Dir ein Tuch um den Hals binden, Baruch, Du hast wiederholt gehüstelt." „O, sorge nicht um mich", erwi derte der junge Mann mit glücklichem Lächeln, „ich fühle mich so frisch, so wohl, wie ich nie geglaubt habe, daß ich mich wieder fühlen könnte. In einigen Tagen hoffe ich mich vollständig erholt zu haben und dann werbe ich auf's Neue um Tirza und ich hoffe, ich halte mich nahezu überzeugt, es wird alles wieder gut werden." Die Mutter bestärkte ihn in seiner Hoffnung. Sie hatten ihre Wohnung erreicht und waren in das freundlich erhellte Wohnzimmer getreten. Baruch hatte wieder Farbe, Jakob erschrack, als er das vorhin so bleiche und jetzt dunkel glühende Angesicht seines Bruders und dessen im Fieberglanze funkelnde Augen sah. Er schützte Müdigkeit vor, um den Bruder um so eher zu veranlassen, sich mit ihm in ihr gemeinschaftliches Schlafzimmer zurückzuziehen. „Du bist müde", sagte Baruch", lachend und ich fühle mich noch so frisch. „Aber es ist schon spät und darum hoffe ich, Du wirst recht bald schlafen." „Ich will es versuchen, aber ich glaube nicht, daß ich schlafen werde, ich empfinde nicht die geringste Schläfrigkeit, jetzt möchte ich am liebsten lernen, Gemarah lernen." „Dazu ist morgen Zeit, jetzt mußten schlafen, damit Du morgen einen klaren Kopf hast und um so besser lernen kannst." „Mein Kopf ist auch heute vollkommen klar — und ich habe so lang nicht gelernt — es erscheint mir eine ganze Ewigkeit. —" „Komm', lege Dich nieder", bat Jakob, „wie sanft wirst Du ruhen, nach so langer Abwesenheit