Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 32 (1891)
- Issue
- Heft 89 (16.11.1891)
- Date
- 1891-11-16
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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1671 es endlich nach langer, langer Fahrt die südwestliche Spitze von Europa erreicht hatte und nun durch die Straße von Gibraltar in das Mittelmeer zu gelangen strebte, da ward es durch einen heftigen Sturm gegen einen Felsenriff geschleudert, und die Flanken erhielten ein Leck. Der Kapitain erkannte die Unmöglichkeit, die Fahrt fortzusetzen; es gelang den Hafen von Gibraltar zu erreichen, und hier mußte das defekte Fahrzeug ausgebessert werden. Die Passagiere gingen an's Land. Baruchs Herz pochte laut, als er den Boden unter seinen Füßen fühlte, der seine Wiege getragen. Mit einigen Gefährten streifte er in der Gegend umher und man beschloß, den Felsen zu ersteigen, um auf der Höhe des herrlichen Ausblickes sich zu erfreuen. Allein der junge Mann, der seit seiner frühesten Kindheit die flachen Niederlande nicht verlassen hatte, war das Bergsteigen nicht gewöhnt, er that einen Fehltritt und fiel so unglücklich, daß er am Schienbein einen Bruch erlitt. Die erschreckten Gefährten trugen den Schwerverletzten in das zunächst zu erreichende Haus, und dort mußte er viele Wochen liegen, bis der Bruch geheilt war. Das Schiff war längst rcparirt, bevor Baruch daran denken konnte, seine Reise fortzusetzen, er lag noch im heftigsten Wundfieber, als der Kapitain, ohne viel zu fragen, die Effekten des Zurückbleibenden an's Land setzen ließ und die Anker lichtete. Die Ungeduld des Kranken verzögerte seine Heilung. Noch manches Schiff stach in die See und nahm den Eours gegen die Levante, bevor er im Stande war, seine Weiterreise anzutreten. Endlich, endlich nach monatelangem Krankenlager war er soweit hergestcllt, daß er sich hinunter zum Hafen tragen lassen konnte, auf ein Schiff, das Maaren aus dem Orient zu holen bestimmt war. Die kräftigende Seeluft that ihm wohl; rascher als er hatte hoffen können, erholte er sich auf seiner Reise. Doch seine Ungeduld steigerte sich von Tag zu Tag; je näher er dem Ziele seiner Reise kam. desto rascher pochte sein Herz. Endlich, endlich sah er sie vor sich, jene Stadt, in der, wie ihm berichtet worden, jener hehre Mann weilte, von dem er das Heil der Menschheit erhoffte. — Terrassenförmig schien sie sich aus dem Meere zu erheben und hoch oben erglänzte der Halbmond in den Strahlen der untergehenden Sonne. An dem Fokmast gelehnt, stand der Jüngling und schaute hinüber zu der wunderbaren Stadt, über die der von den letzten Strahlen des sinkenden Sonnenballs in purpurner Gluth erglänzende Himmel sich wölbte. — Und rascher, immer rascher pochte ihm das Herz, je näher er dem heißersehnten Ziele sich wähnte. Endlos erschien ihm die letzte Stunde am Bord, doch auch sie ging zu Ende. Die Matrosen warfen den Anker aus, der Kapitain stellte den Passagieren ein Boot zur Verfügung, um sie sofort an's Land zu bringen, doch konnten sie auch bis zum folgenden Tage auf dem Schiffe verweilen. Baruch drängte sich allen voran, ihn duldete es nicht länger; während er seine Effekten an Bord ließ, sprang er in das Boot und hatte in wenigen Minuten die Landungsbrücke erreicht. Am Hafen herrschte reges Leben, Lastträger, Matrosen, Sorbetverkäufer, Händler aller Art, Geschäftsleute aus allen Weltgegenden drängten einander und wogten durcheinander, es war ein Sprachengewirr, aus dem Baruch im Anfang keine Silbe verständlich erschien. Doch als er langsam durch die Menge einherschritt, vernahm er plötzlich einige spanische Worte. Hastig wandte er sich um und erblickte zwei Männer in ziemlich unscheinbarer Kleidung, die sich in erwähnter Mundart eifrig unterhielten. Sie trugen nicht den türkischen Kopfbund und, je länger Baruch sie betrachtete, desto mehr hielt er sich überzeugt, Glaubensgenossen vor sich zu sehen. — Unwillkürlich drückte er die Hand gegen die Brust, noch rascher pochte sein Herz, hoffte er doch in den nächsten Minuten zu erfahren, wo er denjenigen finden können, um dessentwillen er die weite Reise unternommen. Mit höflichem Gruße trat er zu den Männern. „Verzeihet Ihr Herren", sagte er, „aber ich würde Euch sehr dankbar sein, wenn Ihr mir angeben wolltet, wo ich den Messias treffen könnte." Die Männer blickten ihn verwundert an. „Den Messias?" wiederholte der eine. „Ihr meint doch nicht jenen verruchten Schurken Sabbatai Zewi?" fragte der andere. Ein Laut des Entsetzens entfuhr Baruchs Lippen. „Wie könnt Ihr es wagen, den Gesandten Gottes zu lästern?" „Den Gesandten Gottes?" rief der Mann höhnisch lachend, „nun ja freilich, auch der Satan ist gesandt, um die Menschen zum Abfall zu reizen, auf daß sie ihm widerstehen. — In diesem Sinne wäre jener, dessen verfluchter Name nicht zum zweitenmal über meine Lippen soll, auch ein Gesandter Gottes. — Leider, leider hat die große Masse unseres Volkes die Prüfung schlecht bestanden." Baruch starrte den Sprechenden an, während er sich wiederholt mit der Hand über die Stirn fuhr. Er glaubte zu träumen, er glaubte seinen Oheim sprechen zu hören. — Denn, daß es Einer wagen würde, hier, wo der hehre Mann weilte, in dieser Weise über ihn zu reden, das hielt er für undenkbar. Abermals fuhr er sich mit der Hand über die Stirn, aus der Schweißtropfen perlten,.