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Der Israelit · 1891-11-05 · Heft 86 (5.11.1891) · page 12

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Journal
Der Israelit
Volume
32 (1891)
Issue
Heft 86 (5.11.1891)
Date
1891-11-05
Page
– (sequence 12)
Language
German
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1614 keine Kopfschmerzen, denn er sagte einfach: „Ihr Leute hättet ruhig in Deutschland bleiben sollen, woselbst man solche Rechtsfälle versteht, aber ihr müßt hierherkommen' um die englischen (Berichte zu belästigen." Wir könnten noch mehrere andere Exentricitäten des weisen und gerechten Richters anführen; es dürste aber für unsere Zwecke bereits genügen, wenn wir uns schließlich mit der Erläuterung der zwei obenerwähnten Fälle befassen. Wir glauben, daß der Zeuge Benjamin vollständig im Rechte war, die Auslieferung der Bücher zu verweigern. Als Angestellter der Compagnie durfte er ohne die vorher erhaltene Crlaubniß seiner Prinzipale, kein dem Geschäfte wichtiges Buch aus dem Comptoir entfernen. Das hätte Herrn Montague Williams wohl einleuchten könne»: ihm war es aber genug, daß der Zeuge Jude war. Hier bot sich wieder einmal Gelegenheit für eine ungezogene, eine Nation kränkende Bemerkung, welche zur Popularität des Richters nicht wenig beitragen würde, und die durste unter keinen Umständen ungesprochen bleiben. Ob sie gerechtfertigt war oder nicht, kam dabei gar nicht in Betracht. Daß Benjamin die Wahrheit gesprochen, wird Montague Williams heute nicht abstreiten können, hat doch die Whitby Company bereits in den englischen Blättern erklären lassen, daß ihr Angestellter vollständig korrekt gehandelt habe. Es frägt sich also jetzt nur, wieweit die Bemerkung des Richters, daß alle Inden als Zeugen listig und lügenhaft sind, acreptirt werden kann. Wie unter den Christen, so gibt cs auch unter den Juden Elemente, denen die Heiligkeit des Eides nicht bewußt ist, und welche vor keinen: Meineide znrückschrccken. Nach dem letzt publieirtcn Berichte des Prison Board sind verhältnißmäßig mehr englische Christen als englische Juden wegen Meineid zur Verantwortung gezogen und bestraft worden. Was für ein Recht hat daher Williauis, sich die jüdische Nation auszusondern und sie in so unverantwortlicher und leichtfertiger Weise solches entsetzlichen Vergehens zu beschuldigend Er' will doch nicht etwa auch hier eine antisemitische Bewegung anstiften. In einem Lande, in den: die höchsten Rechtsämter von Inden in würdiger Weise innegeh alten worden sind, dürfte ihm das nicht leicht werden. Wer hier unter der direeten Sanction unfähiger Polizeirichter Meineide schwört, das haben die Verhandlungen der letzten Tage gegen einige Polizisten zur Genüge gezeigt. Wir brauchen diese Frage weder weiter zu beantworten, noch weiter zu erörtern. Was nun den zweiten von uns oben angeführten Fall anbetrifft, so hätte der Herr Richter die läppische Bemerkung auch für sich behalten können. Die Deutschen haben ebensoviel Recht nach England auszuwandcrn, wie die Engländer nach dem Cape, Indien und Südamerika. Es sollte uns sehr wundern, in den soeben aufgezählten Ländern eine solche „unparteiische" Rechtsperson zu finden wie den Herrn Richter Montagne Williams. „ Wir hören, daß die hiesigen Inden den Lord Kanzler in einer Petition ersucht haben, den Richter Montague Williams seines Amtes zu entsetzen. Es würde uns sehr freuen, wenn der Kanzler diesem Wunsche nachgebe. Denn ein Mann, welcher, weil er in seinen jungen Jahren einmal bei einem jüdischen ^Llone^lvnllerreingefallen, bei jeder Gelegenheit das Jndenthnm insnltirt, scheint uns nicht die geeignete Person, Leute aus diesem Stamme zu richten. Seine Vorurtheile verdrängen sein Rechtsgefühl. Herr Williams hat, seitdem die obigen Worte gegeschrieben, seine Bemerkungen über die Juden dahin modificirt, daß er nicht alle Juden, sondern nur diejenigen, welche in der Nachbarschaft wohnen, gemeint habe. Das ist eine sehr lahme Entschuldigung!! > Vermischtes -4 Dairffg, 17. Oktober. Die neue zünftlerisch-antisemitische Vereinigung, welche sich unter dem schönen Namen des „deutschen Bundes für Hebung des Mittelstandes" znsammengeschlossen hat, hat in ihr Programm unter anderem ausgenommen „Einschränkung der Gelverbefreiheit", und sie schließt von der Mitgliedschaft unter anderen: ans „Juden, auch getaufte". Wien, 26. Oktober. Heute Vormittags hat vom Tranerhanse aus das Leichenbegängniß des verstorbenen Professors der Physiologie an der Wiener Universität, Dr. Fleischt v. Marxow, unter reger Betheiliguug der medicinischen Kreise stattgefunden. Die Hofräthe Billroth, Dittel, Stellwag v. Carion, Albert, Ludwig und Vogel, sowie zahlreiche andere Professoren wohnten der Trauerfeier bei. An: offenen Grabe auf dem israelitischen Friedhofe sprach Prediger Dr. Güdeman, dann hielt Hofrath Professor Billroth den Dahingeschiedencn einen marinen Nachruf. Wir«, 27. October. Die Abgg. Kraus und Pernerstorfer kündigten ihren Austritt aus der „deutschen Nationalpartei" an, da sie nicht einer Partei angehören konnten, von der einzelne Mitglieder gegen die Mißbilligung des Verhaltens des Antisemiten Schneider stinnnten. Eine interessante Trauung hat in Trmrsvär stattgefunden. Der Bräutigam war der angesehene Kronstädter Kaufmann und Präsident der dortigen israelitischen Religionsgemeinde, Löbl Aronsohn, ein 78 Jahre alter Mann, die Braut Wittwe Katharina Markbreiter aus Graz, 64 Jahre alt. Der Liebesroman, welcher durch die Trauung des zusan:men 142 Jahre alten Brautpaares seinen Abschluß fand, begann vor 47 Jahren. Damals bereits waren die Beiden verlobt. Zwei Tage vor der Trauung kam es jedoch zwischen ihnen zu einem Konflikte, der Bräutigam zog in die Ferne und alsbald war die Braut die Frau eines Anderen. Auch Aronsohn führte eine Andere heim; doch blieben beide Ehen kinderlos. Bor zwei Jahren wurde er Wittlvcr, sie Wittwe. Sie trafen sich in Gleichenberg und die alte Liebe lebte in ihnen wieder auf. In Temesvä-r, in demselben Zimmer, wo einst die Wiege der Braut gestanden, fand unlängst die Verlobung statt und dann segnete Oberrabbiner Dr. Moritz Löwy im Tempel ihren Herzensbund. Das „junge" Brautpaar begab sich nach Graz, wo die Braut reich begütert ist. Für den folgenden Theil ist die Redaclion nicht verantwortlich.

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